Kommentar

Wird der Fussball politisch – oder ist das nur ein kurzfristiger Trend?

Spieler von Arsenal und Liverpool setzen ein Zeichen für die «Black Lives Matter»-Bewegung.

Spieler von Arsenal und Liverpool setzen ein Zeichen für die «Black Lives Matter»-Bewegung.

75 Tage ist es her, seit George Floyd von der Polizei getötet wurde. Die anschliessenden Solidaritätsbekundungen machten auch vor dem Sport nicht Halt, verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Doch was ist in sechs Monaten?

75 Tage ist es her, seit George Floyd von der Polizei getötet wurde. 75 Tage Unruhe, 75 Tage Proteste, 75 Tage voller Schmerz, Frust, Wut und Trauer. Nicht nur für die Angehörigen von George Floyd, sondern für Tausende People of Color, denn seine Ermordung repräsentiert die täglichen Diskriminierungen, die Menschen wie ich über uns ergehen lassen müssen.

Was folgte, war eine bis zum heutigen Zeitpunkt beispiellose Flut von Demonstrationen gegen Rassismus. Als sich die Bewegung von den USA sogar nach Europa ausbreitete, fühlte ich mich überwältigt. Und als die Welle nicht abnahm, sondern immer grösser wurde, war ich einerseits begeistert, aber andererseits auch kritisch. Ich fragte mich: Was, wenn das Ganze nur ein Trend ist? Erfolgt diesmal auf die Bewegung auch tatsächlich eine Veränderung?

Auch im Sport durfte ich etwas beobachten, das es bis anhin so nicht gab. Thierry Henry kniete. Die Spieler vom VfL Wolfsburg und Werder Bremen knieten. Ridge Munsy und Chris Kablan knieten. Die Stars vom FC Liverpool knieten. Unmöglich, alle Fussballspielerinnen und Spieler aufzuzählen, die sich daran beteiligten. Die Solidaritätsbekundungen machten auch vor anderen Sportarten nicht Halt, verbreiteten sich wie ein Lauffeuer.

Politische Botschaften sind eigentlich verboten

Einen vertieften Blick möchte ich in die Bundesliga werfen. Während einige Fussballer knieten, oder ein schwarzes Armband trugen, zeigte Dortmund-Stürmer Jadon Sancho ein Shirt mit der Aufschrift «Justice for George Floyd». ­Aktionen wie diese sind nicht nur unüblich, sondern gemäss der Fifa als politische Botschaften zu werten und darum verboten. Und weil der Deutsche Fussball-Bund an die Fifa-Regeln gebunden ist, musste er die Aktionen untersuchen. Ergebnis: Der DFB entschied, keine Bussen auszusprechen, «aufgrund der Aktualität des Themas».

Ist dann das Thema «nicht mehr aktuell» und der Spieler erhält eine Strafe? Diese Begründung für die Nichtbestrafung der Bundesligaspieler impliziert genau das, was viele People of Color befürchten: Im Moment ist es okay, diesem Thema Platz zu geben, doch in einigen Wochen soll dann bitteschön wieder «Normalität» (also konkret: Normalität für Nichtbetroffene) einkehren – und Rassismus auf dem Fussballplatz nicht mehr angeprangert werden. So, wie es eben die Fifa-Spielregeln besagen. Gleichzeitig fährt die Fifa immer wieder Antirassismus-Kampagnen. Der Slogan «Say No to Racism» ist in unseren Köpfen schon lange mit der Fifa verknüpft. Nur: Eine Werbekampagne ist eben nicht dasselbe, wie wirklich zu handeln. «Liefere statt lafere», habe ich als Kind gelernt und mit auf den Weg bekommen. Ich würde den Ausdruck gerne der Fifa weiterreichen.

Indem Fans oder Kurven, die sich rassistisch verhalten, aus den Stadien verwiesen werden. Indem Spiele abgebrochen werden, wenn rassistische Vorfälle passieren. Spielerinnen und Spieler sollen von Schiedsrichtern geschützt werden, wenn sie rassistisch beleidigt werden. Es muss jeder Person in einem Stadion bewusst sein: Rassismus hat gravierende Konsequenzen. Ohne strikte Veränderungen wird Rassismus nie aus den Stadien verschwinden. Ich wünsche mir, dass Fussballer weiterhin knien und Armbinden tragen und T-Shirts zeigen mit Statements gegen Rassismus – bis sich die Fifa gezwungen sieht, die Regeln zu ändern und damit Stellung zu beziehen. Der Kampf gegen Rassismus darf nicht nur ein Trend sein. Er hat wahrhaftige Unterstützung verdient.

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