Briefe für Tokio
«Wow – damit hätte ich nicht gerechnet!»

In ihrem Brief schreibt die Basler Hochspringerin Salome Lang über ihre Gefühle nach der Schweizer Rekord und dem Schweizer Meistertitel. Ausserdem erzählt sie, wie sie ihre Krise überwunden hat und was jetzt an den Olympischen Spielen noch möglich ist.

Salome Lang
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Salome Lang freute sich gleich zweimal über einen neuen Schweizer Rekord und fährt deshalb auch sicher nach Tokio.

Salome Lang freute sich gleich zweimal über einen neuen Schweizer Rekord und fährt deshalb auch sicher nach Tokio.

Keystone

Vor dem Saisonstart fragte ich meinen Trainer, zu wie viel Prozent er mich an den Olympischen Spielen in Tokio sieht. Seine Antwort: zu 80 Prozent. Zehn Prozent wenn du dich verletzt oder zehn Prozent wenn du im Wettkampf nicht das bringst, was wir im Training sehen – dann wird es nicht klappen. Mit dieser Einstellung stieg ich sehr zuversichtlich in die Sommersaison ein. Es begann vielversprechend: 1,90 Meter, und das bei schweren Bedingungen. Doch danach wurde es immer schlechter: 1,87, 1,86 und 1,85 Meter. Es war wie in der Hallensaison: guter Start und dann gehts bergab. Ich war verkrampft, unsicher und sah mein Ranking für Olympia immer schlechter werden. Es war klar: Wenn ich nicht bald eine gute Leistung bringe, fliege ich aus den Plätzen für Tokio.

Ich schaffte es, den Schalter umzulegen, wie, weiss ich gar nicht. Ich legte den Fokus einfach auf den Hochsprung, meine Leidenschaft, und nicht auf die Resultate. Ich versuchte zu geniessen. Diese Lockerheit und der Spass am Sport brachten den Erfolg. Er kam bei einem Wettkampf im Juni in Rumänien. Ich sprang 1,96 Meter – neuer Schweizer Rekord und genau die Olympia-Limite! Ich war überwältigt. Ich spürte, dass diese Höhe an diesem Tag drinliegen würde, ich war bereit. Als es dann wirklich klappte? Tränen, Umarmungen, Freude, Interviews. Die Reaktionen waren überwältigend. Ich konnte meine eigenen Gefühle kaum ordnen und spürte gleichzeitig, wie alle um mich herum mitgefiebert und sich mit mir gefreut haben. Wunderschön, eine riesige Erleichterung!

Die folgenden Tage gab es wenig Schlaf, dafür aber viele Reaktionen und Medientermine. Alles andere als eine optimale Vorbereitung für die Schweizer Meisterschaften, die kurz nach dem Wettkampf in Rumänien stattfanden. Ich war im Kopf auf Wolke sieben, aber mein Körper war erschöpft. Mein Trainer hielt den Trainingsumfang klein und gab mir Zeit, alles zu verarbeiten.

Die Ziele für die Schweizer Meisterschaften waren eigentlich klar: Titel verteidigen, Spass haben und auf keinen Fall irgendwelchen Druck aufbauen, die 1,96 Meter bestätigen zu wollen. Ich war zwar nervös, wie immer wenn ich als Favoritin ins Rennen gehe, aber mehr weil ich gewinnen wollte und ich nicht sicher war, was mein Körper noch zu leisten vermochte.

Den Titel stellte ich bei der Höhe von 1,88 Metern sicher – schon wieder eine riesige Erleichterung. Geschafft. Ziel erreicht. Das Motto für die nächsten Sprünge: Einfach geniessen. Der Sprung über 1,91 Meter war sehr gut und ich war bereits mehr als zufrieden mit dieser Höhe. Nach den ersten beiden Sprüngen über 1,94 Meter waren die ersten Worte zu meinem Trainer: «Ich bin so müde, meine Beine so schwer, ich habe das Gefühl, da kommt heute nichts mehr.» Doch plötzlich übersprang ich die 1,94 Meter mit einem Megasprung, mit viel Platz zwischen mir und der Latte – wow! Damit hätte ich nicht gerechnet. Bei den Versuchen über 1,97 Meter dachte ich gar nicht mehr an die Müdigkeit, aber auch nicht an einen neuerlichen Schweizer Rekord. Ich genoss die Aufmerksamkeit des ganzen Publikums, das Klatschen und die Stimmung – Gänsehaut. Ich konzentrierte mich nur noch auf meine Technik. Beim dritten Sprung, da zahlte es sich aus. Erneuter Schweizer Rekord. Sprachlosigkeit, Verblüffung über die gesprungene Höhe, ein Stadion, das explodiert und ich, die da steht und es nicht fassen kann. Die Fotografen stürzten sich zu mir, der Stadionspeaker wollte ein Interview, alle gratulierten. Doch dann kam auf einmal der Gedanke: Moment, der Wettkampf ist ja gar noch nicht vorbei. Ich hatte die Chance, zum ersten Mal die 2-Meter-Marke anzuspringen. Es kam mir ein Kampfrichter zur Hilfe, der mit ziemlich scharfem Ton alle von mir wegschickte und darauf achtete, dass ich kurz mit meinem Trainer in Ruhe sprechen konnte. Wir entschieden uns, weiterzumachen.

Die Versuche über 2 Meter waren nicht schlecht, aber nicht überragend. Doch die Erfahrung, sich an diese Höhe anzutasten, war sehr wertvoll und wird mir in Zukunft viel bringen. Danach genoss ich den Abschluss dieser Schweizer Meisterschaften mit einem entspannten Grillabend mit meinen Freunden und meiner Familie. Mein Körper machte überall weh, ich war sehr müde. Doch in erster Linie einfach sehr glücklich.

Ab jetzt beginnt der Aufbau für Tokio. Ich bin richtig positiv gestimmt, fühle mich, als könnte ich nichts mehr verlieren. Natürlich wäre es schön, in Japan meine Bestleistung zu erreichen oder gar die 2-Meter-Marke anzugreifen. Na klar! Doch so weit denke ich gar nicht. Im Moment habe ich einfach so viel Freude an dem, was ich mache. An dem, was diese gesprungenen Höhen mir ermöglichten, etwa die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Ich hoffe, diese Einstellung nach Tokio mitnehmen zu können. Dann kommt die Leistung von allein. Aber klar: Als Leistungssportlerin will ich immer mehr, immer höher springen. Dementsprechend habe ich selbstverständlich auch meine Erwartungen. Vorne dabei zu sein, ist nach meinen letzten Leistungen plötzlich nicht mehr unrealistisch. Doch grundsätzlich bin ich einfach nur positiv, neugierig und mit grosser Vorfreude ausgestattet. Ich möchte mich in einem internationalen Topfeld beweisen.

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