Leichtathletik

Zürich, wir haben ein Problem: Weltpremiere mit einem Schönheitsfehler

Wenige Zuschauer, keine Gegnerinnen: Spezielle Atmosphäre für Mujinga Kambundji im Letzigrund.

Wenige Zuschauer, keine Gegnerinnen: Spezielle Atmosphäre für Mujinga Kambundji im Letzigrund.

Die «Inspiration Games» des Leichtathletik-Meetings Weltklasse Zürich waren eine technische Meisterleistung. Einzig eine falsche Startlinie in Florida trübte den Gesamteindruck.

«Houston, wir haben ein Problem» ertönte es am 13. April 1970 im Kontrollraum der Nasa aus dem Orbit. Bei der Weltraummission von Apollo 13 ging ziemlich viel schief. Trotzdem landeten die Crew-Mitglieder letztlich als Helden wieder heil auf der Erde.

50 Jahre später erinnert die Szenerie unter der Haupttribüne im Zürcher Letzigrund durchaus ein wenig an die Bilder aus dem «Space Center» der amerikanischen Raumfahrtbehörde. Bildschirme soweit das Auge reicht. Davor das Technikteam der «Inspiration Games» mit Kopfhörern an den Ohren und verbunden mit Leichtathletik- Stadien teilweise Tausende von Kilometern entfernt. Alles wird von hier gesteuert: die Reihenfolge der Einsätze in den technischen Disziplinen, die Siegerinterviews in allen Stadien und selbst das synchron ertönende Signal der Startpistole wird hier ausgelöst. Mittendrin in dieser Schaltzentrale ist Weltklasse- Zürich-Direktor Andreas Hediger. Anspannung liegt in der Luft, schliesslich sind die Funktionäre des Leichtathletik-Meetings gerade Teil einer Weltpremiere. 30 Athleten in acht Disziplinen starten in sieben Stadien zum Fernduell.

Lyles läuft eine neue Weltbestzeit über 186 Meter

Lange läuft es im Kontrollraum trotz Hunderten von technischen Herausforderungen perfekt. Je länger der Abend, desto entspannter die Atmosphäre. Und wo ein Problemchen auftaucht, löst es Hediger in rekordverdächtiger Zeit mit einem Telefonanruf nach Florida, Kalifornien oder Schweden. Doch dann, beim vermeintlichen Highlight, passiert in Florida ein folgenschwerer Fehler. Ausgerechnet bei den 200 Metern der Männer, der einzigen Laufdisziplin über eine «offizielle» Distanz – so von Superstar Noah Lyles gewünscht. Ansonsten wurden bewusst selten gelaufene Strecken wie 150 Meter bei den Frauen, 100 Yards bei den Männern und 300 Meter über die Hürden gewählt. Es sollten nicht die Zeiten, sondern die Fernduelle im Mittelpunkt stehen.

Doch Lyles fühlt sich offenbar derart gut in Form, dass er sich nicht verstecken will. Und sein Zieleinlauf gerät tatsächlich zu einem Wow-Effekt. 18,90 Sekunden – Fabelweltrekord! Und dies im Alleingang in einem kleinen Stadion an der Westküste Floridas. Schnell ist klar, dass etwas nicht stimmen kann: Lyles wurde von den Funktionären in den USA über 186 Meter losgeschickt. Man hat schlicht die falsche Startlinie ausgewählt. Als Trost darf er sich nun als Weltbester über eine nochmals neue Distanz betrachten. Auch Hediger in Zürich nimmt es erstaunlich gelassen und scherzt: «Wir wollten ja ungewöhnliche Distanzen anbieten.» Als technisches Qualitätsfazit bleibt die Erkenntnis: Switzerland First, America Second!

Und die Athleten? Mujinga Kambundji und Lea Sprunger sind angetan vom Lärm, welcher die rund 150 zumeist jugendlichen Fans im Letzigrund veranstalten. Ansonsten ist es auch für sie schwierig, die Übersicht zu behalten. Sprunger will wissen, wer wo welche Leistung zeigte. Doch das bleibt in der noch jungen Leichtathletik-Saison sekundär. Und Kambundji bilanziert: «Ein sehr spezieller Wettkampf, wenn du deine Konkurrentinnen während des Rennens nicht spürst. Aber irgendwie trotzdem ein lustiger Abend.»

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