Volksmusik
«Das Musizieren in Tracht erhöht den Reiz»

Die in Langenthal arbeitende Sonja Füchslin will mithelfen, in der Volksmusik Traditionen aufzubrechen und neu zu beleben. An der Delegiertenversammlung des Verbands Schweizer Volksmusik hält sie einen Vortrag über Innovationen in der Ländlermusik.

Urs Byland
Merken
Drucken
Teilen
Sonja Füchslin hat die Musik praktisch in die Wiege gelegt bekommen.

Sonja Füchslin hat die Musik praktisch in die Wiege gelegt bekommen.

Urs Byland

Sie ist in der Volksmusikszene aufgewachsen und spielt mehrere Instrumente. Sie begleitet mit Klavier oder Handorgel Chöre sowie Solisten und sie spielt in einer Volksmusikgruppe mit dem Namen Rämschfädra.

Aber Morgen wird Sonja Füchslin nicht Volksmusikfreunde mit Musik beglücken, sondern ihnen den Spiegel vorhalten. An der Delegiertenversammlung des Verbands Schweizer Volksmusik Aargau spricht sie zum Thema Volksmusik.

«Ich halte einfach einen Vortrag über Innovationen in der Ländlermusik», sagt Sonja Füchslin (1983), die mit grüner Hose und brauner Lederjacke überhaupt nicht dem Klischee einer Volksmusikantin entsprechen will.

Den Hinweis, dass sie die Tracht vergessen habe, kontert sie mit der Geschichte: «Das Tragen einer Tracht kam erst in den 20er-Jahren in Mode. Stocker Sepp hatte herausgefunden, dass das Musizieren in Tracht den Reiz für das Publikum erhöht.»
Heute wohnt Sonja Füchslin in Wauwil und arbeitet in Langenthal. «Mir gefällt die Stadt und ich habe die Leute auch gerne. Sie sind anders als die Innerschweizer.»

Neben der 50-Prozent-Arbeitsstelle ist Sonja Füchslin ausschliesslich Musikerin. Sie begleitet Chöre, macht Korepetitionen, in einem Filmmusikorchester ist sie als Geigerin Konzertmeisterin. «Meine Flexibilität ist sehr gross, weil ich Geige, Akkordeon und Klavier spielen kann.»
In die Volksmusik hineingewachsen
Sonja Füchslin ist in der traditionellen Volksmusik aufgewachsen. Ihr Vater war Primarlehrer und ein total begeisterter Musikant. Er spielt viele Instrumente und seine vier Kinder sind mit all diesen Instrumenten aufgewachsen. Tochter Sonja lernte Klavier, Mundharmonika, Blockflöte, Akkordeon und Violine. Seine Musik war ihre Musik. Die Familie Füchslin musizierte ab 1992 als Familienmusik. Vater, Mutter und die vier Kinder spielten eine lange Zeit gemeinsam auf der Bühne. Dann passierte etwas, was Sonja Füchslin im Zusammenhang mit ihrer späteren Diplomarbeit noch theoretisch erforschen sollte. Ihr gefiel auch die Musik einer Gruppe wie die «Hujässler». Dort entwarfen Schwyzerörgeler Markus Flückiger und Klarinettist Dani Häusler neue Töne, die wie folgt beschrieben wurden: «Ihre unbekümmerte Grenzgraserei in fremdfötzeligen Volksmusik-Schründen sorgt bei der Fixierer-Fraktion für rot glühende Köpfe, während die Entwickler-Fraktion sie als Morgenröte am monochromen Ländlerhimmel beklatscht.» Eine Subkultur der Volksmusik entstand.
«Seit den 30er-, 40er-Jahren hat sich die Volksmusik kaum mehr bewegt, dabei hat sie zuvor oft Elemente von ausserhalb aufgenommen», hat Sonja Füchslin herausgefunden. Dieses Erstarren in der Tradition thematisierte sie 2005 in ihrer Diplomarbeit an der Hochschule für Musik Luzern.

Sie wollte wissen, weshalb die instrumentale Volksmusik derart grosse Mühe mit Neuem hat. Sie fragte sich, weshalb die Musik der «Hujässler» in der Ländlerszene auf Widerstand stiess.

Weshalb sich Traditionalisten bemüssigt fühlten, den «Hujässlern» in Briefen Verhunzung der Volksmusik vorzuwerfen. Dabei würden die «Hujässler» nichts anderes machen, als traditionelle Stücke zu verzieren und verändern. Etwas, was in der Musikszene ganz normal ist.
Sie begann in der Geschichte der Volksmusik zu forschen. «Das Alphorn hatte ursprünglich keinen guten Ruf. Es wurde mit der Zeit zu dem hochstilisiert, wie es heute wahrgenommen wird.»

Früher seien oft ganz andere Instrumente verwendet worden. Was aber der Volksmusik gänzlich abgehe, sind Subkulturen. «Jede Generation entwickelt eine eigene Kultur, eine Subkultur.

In der Volksmusik können sich aber die Leute nicht mit dem Neuen identifizieren.» Was mit ein Grund ist, dass sich die Jungen von der Volksmusik abwenden. Die alte Generation hält so stark an der Tradition fest, dass neue Ideen kaum Chance haben.
Halt und Wohlsein in Bekanntem
Sonja Füchslin hat auch herausgefunden, weshalb die Liebhabergeneration der traditionellen instrumentalen Volksmusik keine Änderungen wollen.

Jeder hat in der Musik gewisse Erinnerungen, die ihm Halt und Wohlsein vermitteln, wenn er diese Musik hört. Wird aber die Musik verändert, geht der angenehme Erinnerungseffekt verloren. «Man muss der Tradition Platz lassen, aber man muss sie mit Neuem beleben, damit das Ganze weiterlebt», lautet Füchslins Fazit. Den Vortrag wird sie erstmals halten. Zuhörer sind Traditionalisten der Volksmusik.