Wasserqualität
Der Limpach – Prototyp für ein schlechtes Gewässer

Das Bundesamt für Umwelt zeigt am Beispiel des Limpachs, wo die Probleme liegen. Der Gegensatz ist die Emme – sie ist ein Vorbild.

Fabio Vonarburg
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Das Wasser des Limpachs ist ein wahrer Pestizid-Cocktail.

Das Wasser des Limpachs ist ein wahrer Pestizid-Cocktail.

Hansjörg Sahli

Der Limpach ist ein unscheinbarer Fluss. Weder aussergewöhnlich breit noch aussergewöhnlich lang. Auch besonders idyllisch ist er nicht, der Limpach. Mehrheitlich zieht er eine schnurgerade Spur, entlang an landwirtschaftlichen Feldern, durch die Kantone Solothurn und Bern. Doch gestern war für einmal alles anders: Er, der unscheinbare Limpach, stand im medialen Rampenlicht.

«‹Limpach› ist sicherlich nicht der erste Name, der fällt, wenn man jemanden nach einem Schweizer Gewässer fragt», sagte Stephan Müller am Ufer des Flusses vor der versammelten Medienschar. Der Chef der Abteilung Wasser des Bundesamts für Umwelt (Bafu) ergänzte: «Aber – er ist repräsentativ für die Gewässer der Schweiz.»

Negativbeispiel Limpach

Repräsentativ heisst in diesem Fall: Der Limpach ist auf weiten Strecken künstlich begradigt und sein Wasser weist grosse Mikroverunreinigungen auf. Kein guter Lebensraum für Kleintiere, Fische und Pflanzen. Sprich: Ein Negativbeispiel für viele Schweizer Gewässer.
Das Bundesamt für Umwelt veröffentlichte gestern den ersten Bericht über den Zustand der Schweizer Fliessgewässer.

111 Flüsse und Bäche wurden in der Untersuchung berücksichtigt. Die erfreuliche Nachricht: Schäumende Gewässer wie man sie in den 80er-Jahren kannte, gehören der Vergangenheit an. Die Belastung durch Nährstoffe in den Flüssen und Bächen konnte stark verringert werden. «Das Verbot für den Einsatz von Phosphat in Waschmitteln hat auch einen grossen Teil dazu beigetragen», betonte Marc Chardonnens, Direktor des Bafu. Die schlechte Nachricht: Viele Schweizer Gewässer leiden jetzt unter einem anderen Problem – Mikroverunreinigungen.

Pestizid-Cocktail

Eine Untersuchung zeigt: Das Wasser des Limpachs ist ein regelrechter Pestizid-Cocktail. 38 Unkrautgifte, 22 Mittel gegen Pilzkrankheiten und 9 verschiedene Insektenbekämpfungsstoffe konnten im Limpach nachgewiesen werden. Verantwortlich dafür sind Medikamente, die ins Wasser gelangen, sowie die Pflanzenschutzmittel der Landwirte. Dass der Limpach besonders grosse Menge von denen abbekommt, überrascht nicht. 34 Prozent der Flächen neben dem Limpach werden intensiv bewirtschaftet.

Mikroverunreinigungen beeinträchtigen die Fortpflanzung von Fischen und gefährden die Artenvielfalt in den Schweizer Gewässer. «Fische reagieren empfindlich auf die Veränderung der Wasserqualität», sagte Stephan Müller. «Nur in einem Drittel der untersuchten Gewässer ist die Wasserqualität für Fische ‹gut› oder ‹sehr gut›.»

Massnahmen: «Mikroverunreinigungen sind eine tickende Zeitbombe»

Acht verschiedene Fischarten leben im Wasser des Limpachs. Alete, Elrite, Gründlinge, Bach- und Regenforellen, aber vor allem Stichlinge und Schmerlen. Diese beiden Fischarten machen 97 Prozent der Fischpopulation im Limpach aus. Doch die Untersuchung des Bundesamtes für Umwelt zeigt: Das Wasser des Flusses ist kein guter Lebensraum für Fische. Doch der Limpach ist bei weitem nicht das einzige Gewässer, in dem das so ist. Bei zwei Dritteln der untersuchten Flüsse und Bäche kam das Bafu auf dieses Ergebnis.

Dies überrascht den Solothurner SP-Ständerat und Zentralpräsident des Schweizerischen Fischerei-Verbandes SFV nicht. Roberto Zanetti: «Es ist nichts Neues, dass es um die Lebensbedingungen für Fische nicht gut bestellt ist.» Dies soll sich zum Besseren wenden. Das Bundesamt für Umwelt kündigte eine Vielzahl von Massnahmen an. So sollen zum Beispiel 1000 Fischhindernisse aus den Gewässern entfernt werden. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts ist geplant, 4000 der 15 000 Kilometer Fliessgewässer zur revitalisieren.

Das grosse Ziel ist eine starke Reduktion der Mikroverunreinigungen. Die ersten Massnahmen dazu wurden bereits eingeleitet. 100 der rund 700 Kläranlagen sollen in der Schweiz aufgerüstet werden, damit sie zukünftig Mikroverunreinigungen besser eliminieren können. Finanziert wird dies durch eine zusätzliche Abwasserabgabe von 9 Franken pro Person und Jahr. Bereits seit Anfang des Jahres ist eine entsprechende Verordnung in Kraft. Noch nicht umgesetzt ist ein Aktionsplan zur Risikoreduktion und nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln. Dieser ist in der Vernehmlassung. Doch Marc Chardonnens, Direktor des Bundesamts für Umwelt, appelliert bereits jetzt an die Landwirte, zuerst mechanische Mittel zu verwenden – und erst als letzte Massnahme auf chemische Pflanzenschutzmittel zu setzen.

Mikroverunreinigungen soll es also an den Kragen. Für den Zentralpräsidenten des Schweizerischen Fischerei-Verbandes höchste Zeit. Zanetti: «Mikroverunreinigungen sind eine tickende Zeitbombe, je schneller man sie entschärft, umso besser.» (fvo)

Massnahmen greifen

Wir verlassen den Limpach und wechseln an das Ufer der Emme. Hier präsentiert das Bafu den Medien das positive Beispiel. «Die Emme ist beinahe das Gegenteil des Limpach», sagt Chardonnens, während es im Hintergrund gewaltig rauscht. In seinem Rücken fliessen 57 Kubikmeter Wasser pro Sekunde die Emme hinab; normal wären 20 Kubikmeter.

Doch kein Problem für die Emme: Dank den ergriffenen Massnahmen hat sie genügend Platz, um sich auszubreiten. Die Wasserqualität für die Fische konnte hier nicht untersucht werden. Für die Kleintiere und Pflanzen ist sie gut. Die Emme als Vorbild für die Schweizer Gewässer, im Gegensatz zum Limpach. Dieser musste gestern für die Medien als «Bad Boy» herhalten.

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