Oberengstringen
Seit 30 Jahren kämpfen Anwohner für Tempo 30 an der Eggstrasse

Am Montag stimmt Oberengstringen über Tempo 30 auf der Eggstrasse ab. So nah an ihrem Ziel waren die Anwohner bisher noch nie.

Florian Schmitz
Merken
Drucken
Teilen
Anwohner der Eggstrasse und aus angrenzenden Quartieren setzen sich im Verein Pro Eggstrasse für Tempo 30 ein: Heinz Aerne, Sandra Jenny, Othmar Frey (vorne), Peter Zahnd, Martin Keller, Valérie von Gunten (vorne), Rahel Mayer und Fabienne Föhn.

Anwohner der Eggstrasse und aus angrenzenden Quartieren setzen sich im Verein Pro Eggstrasse für Tempo 30 ein: Heinz Aerne, Sandra Jenny, Othmar Frey (vorne), Peter Zahnd, Martin Keller, Valérie von Gunten (vorne), Rahel Mayer und Fabienne Föhn.

Limmattaler Zeitung

Das Tempolimit auf einer Sackgasse in einem Oberengstringer Quartier lässt die Gemüter hochgehen: «Muss zuerst jemand sterben, bis endlich etwas passiert?», fragt Rahel Mayer. Sie hat sich dem Verein Pro Eggstrasse angeschlossen, der das Tempolimit von 50 auf 30 km/h senken und so für mehr Sicherheit sorgen will. Alle Mitglieder hätten vor ihrer Haustür schon brenzlige Momente erlebt oder beobachtet, erzählt Sandra Jenny an einem Treffen des Vereins. «Uns ist beim Überqueren der Strasse schon einige Male das Herz fast stehen geblieben», sagt Othmar Frey, der auf der linken Strassenseite ohne Trottoir wohnt. Rahel Mayer und Fabienne Föhn erzählen von Situationen mit ihren eigenen Kindern. Diese würden sich beim Spielen schnell vergessen, bisher sei es glücklicherweise immer noch gut gegangen. Aber Haustiere seien schon einige überfahren worden.

Mit der Badi, dem Vitaparcours im Wald und der Tennisanlage werde die Umgebung aktiv als Naherholungsgebiet angepriesen, sagt Jenny. Und die Strasse diene vielen Kindern im Quartier als Schulweg und müsse auf dem Weg ins Schulhaus auch von allen Kindern aus dem Staldenquartier überquert werden, sagt Mayer. Nur schon für die Sicherheit der Kinder sei eine 30er-Zone ein Muss. Das gelte auch für die vielen älteren Bewohnenden, die nicht mehr so gut zu Fuss sind, ergänzt Valérie von Gunten.

Bauliche Massnahmen kosten 90000 Franken

Am Montag wird an der ausserordentlichen Gemeindeversammlung über eine Tempo-30-Zone auf der Eggstrasse und dem anschliessenden unteren Teil der Rütihofstrasse auf Höhe der Schulhäuser abgestimmt. Die dafür nötigen baulichen Verkehrsberuhigungsmassnahmen kosten 90000 Franken. Es sei schade, dass die vorgesehene Grundsatzabstimmung keine Anträge für Änderungen an dem bereits entwickelten Bauprojekt zulasse, sagt Frey. Er verstehe die Skepsis gegenüber den ­Kosten. «Was sind schon 90000 Franken im Gegensatz zu einem Menschenleben?», wirft Mayer ein.

Kritik: «überrissen» und «falsch»

«Mich stört die Unverhältnismässigkeit. Die vielen geplanten Verkehrshindernisse sind überrissen», sagt Diego Pallaoro. Die Eggstrasse sei gut ausgebaut und übersichtlich, die geplanten Massnahmen würden den freien Verkehrsfluss behindern. Zudem würden Autos und Velos sich gegenseitig stärker in die Quere kommen wegen dem künftigen Zickzackkurs. Der im nahen Staldenquartier wohnhafte Pallaoro gehört zu den Anwohnern, die bei der Gemeinde Einwendungen gegen die Einführung einer 30er-Zone einreichten. Die Mehrheit davon dreht sich um einzelne Zufahrten zu bestimmten Liegenschaften. Mehrere Anwohner kritisieren das Projekt grundsätzlich.

Er habe selbst noch nie knappe oder brenzlige Situationen erlebt, sagt Pallaoro und verweist auf die Unfallstatistik der Kantonspolizei Zürich. Insgesamt drei Unfälle ereigneten sich zwischen 2013 bis 2018 auf dem Gebiet der geplanten 30er-Zone, bei einem wurde eine Person leicht verletzt. «Es sind ­keine Unfallschwerpunkte auszumachen», heisst es im Verkehrsgutachten, das die Gemeinde zur Lage vor Ort ausarbeiten liess. «Die 90000 Franken für die baulichen Massnahmen könnten anderswo sicher sinnvoller investiert werden», sagt Pallaoro – zum Beispiel für ein Rotlicht bei der Fussgängerüberquerung zwischen den Schulhäusern auf der Zürcherstrasse, schlägt er vor.

Der Verkehr auf der Eggstrasse sei nicht so dicht, dass die Strassenquerung ein Problem darstelle sagt Pallaoro. Er gibt zu bedenken, dass die Fussgängerstreifen bei der Einführung einer 30er-Zone aufgehoben werden müssten, wie im Verkehrsgutachten zu lesen ist.
Bei einigen Ein- und Ausfahrten sei die Sicht zwar eingeschränkt: «Aber eine 30er-Zone ist die falsche Lösung für das Problem», sagt Pallaoro. Stattdessen sollte punktuell bei ­einzelnen Häusern mit Massnahmen wie Spiegeln reagiert werden. Er sei offen für Kompromisslösungen, die den Verkehrsfluss nicht beeinträchtigen würden, sagt Pallaoro. Aber dafür müsste das vorliegende, nicht veränderbare Projekt unbedingt abgelehnt werden. Deshalb hoffe er auf konstruktive Diskussionen an der Gemeindeversammlung. (flo)

Im Januar führte der Gemeinderat bereits vorübergehend Tempo 30 auf der Egg- und der Rütihofstrasse ein. Aber statt das Temporegime wie geplant nahtlos durch ein definitives zu ersetzen, verschwanden die 30er-Tafeln wieder. Denn während der Auflagefrist habe die geplante Tempodrosselung mehr Widerstand ausgelöst als erwartet, erklärte Gesellschaftsvorstand Andreas Leupi (SVP) im Juni den Entscheid, das Anliegen an einer Gemeindeversammlung zur Abstimmung zu bringen. Der Gemeinderat steht weiterhin hinter der Vorlage und empfiehlt ein Ja.

«Das war ein grosser Frust», sagt Peter Zahnd über das Hin und Her; alle anderen am Tisch nicken bedrückt. Im Juni entschloss Anwohner und Vereinspräsident Martin Keller, einen Verein für den Kampf für Tempo 30 ins Leben zu rufen. Das sei ein strategischer Entscheid gewesen, um bessere juristische Möglichkeiten zu erlangen und mehr Handlungsspielraum zu haben, erklärt er. «Mit dem Verein möchten wir aufzeigen, dass wir uns gemeinsam für mehr Sicherheit in diesem Quartier einsetzen, was für viele Anwohnende seit langem ein grosses Anliegen ist.» Im Vorfeld der Abstimmung verteilten die Vereinsmitglieder im Dorf zudem 1000 Flyer und stellten ein grosses Plakat beim Schulhaus Rebberg an der Rütihofstrasse auf.

2019 mass der Kanton 1500 Fahrzeuge pro Tag
Wären sie nicht alle drangeblieben und hätten nicht immer wieder bei der Gemeinde nachgehakt und genervt, wäre bis heute wohl viel weniger passiert, sagt Valérie von Gunten. Denn der Wunsch von Quartierbewohnern, die Geschwindigkeitslimite zu senken, bestehe schon seit mindestens 30 Jahren, erinnert sich Heinz Aerne, der seit 45 Jahren an der Eggstrasse wohnt. «Ältere Nachbarn, die damals für ihre Kinder gekämpft haben, erzählten mir desillusioniert, dass es wohl eh nichts wird», sagt von Gunten. Aber sie würden sich freuen, wenn ihre Enkelkinder von einer 30er-Zone profitieren könnten.

Seither sind entlang der Strasse viele neue Wohnhäuser entstanden und die Anzahl Kinder im Quartier hat stark zugenommen. Das trifft auch auf den Verkehr zu: Knapp 1500 Fahrzeuge passieren täglich die Eggstrasse auf Höhe der Hausnummer 40. Das zeigt eine Messung aus dem Frühling 2019, die der Kanton für das verkehrstechnische Gutachten zur Situation vor Ort vornahm. Sandra Jenny ist sich sicher, dass der Verkehr seither zugenommen habe, denn neben Anwohnern seien zum Beispiel auch viele Lieferdienste unterwegs.

Für die Anwohner steht am Montag viel auf dem Spiel. So nah waren sie ihrem Ziel bisher trotz jahrzehntelangem Einsatz noch nie. Für Fabienne Föhn ist deshalb klar: «Wir müssen möglichst viele Befürworter mobilisieren und an die Gemeindeversammlung bringen.»