Gesundheit
Immer mehr Spitalpersonal impft sich gegen die Grippe — einzig im Unispital bleiben die Quoten tief

Die Grippe-Impfquoten beim Spitalpersonal sind teils deutlich angestiegen. Einzig im Unispital Zürich verharrt die Quote auf sehr tiefem Niveau, was für scharfe Kritik sorgt.

Thomas Münzel
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Gaetan Bally/Keystone

«Das Universitätsspital Zürich ist eines der führenden Spitäler in der Schweiz und macht seinen Wissensvorsprung für alle Menschen nutzbar», schreibt das Universitätsspital in Stelleninseraten über sich. Um so mehr erstaunt es, dass dem Spital mit Vorbildcharakter in Sachen Grippeschutz alle anderen Spitäler im Kanton den Rang ablaufen. Das Spital räumt denn auch ein, dass es in diesem Bereich im vergangenen Jahrzehnt keine Verbesserung erzielen konnte. «Die Durchimpfungsrate lag in den letzten zehn Jahren insgesamt bei rund 20 Prozent», sagt Silvana Rampini, Oberärztin am Unispital.

Eine Umfrage des «Landboten» zeigt: Nur das Spital Bülach weist eine gleich tiefe Quote wie das Unispital aus. Mit dem entscheidenden Unterschied aber, so Thomas Langholz, Sprecher der Spital Bülach AG, dass die Impfquote beim Spitalpersonal in Bülach in den letzten Jahren um neun Prozent angestiegen ist.

Gross ist der Widerstand offenbar nach wie vor beim Pflegepersonal. Rückmeldungen aus den Spitälern zeigen, dass sich Mitarbeitende unter anderem vor den Nebenwirkungen der Grippeimpfung fürchten oder eine Impfung ganz grundsätzlich als Eingriff in die persönliche Integrität verstehen – und deshalb ablehnen. Diese Skepsis gegenüber der Grippeimpfung scheint aber auch ein Spiegel der Gesellschaft zu sein. «Die Schweizer Bevölkerung ist gegenüber Impfungen im Vergleich zu anderen Ländern generell skeptisch eingestellt», heisst es vonseiten des Unispitals.

Fakt ist: Im Zürcher Unispital liessen sich im letzten Jahr – trotz Gratisimpfung und mannigfaltiger Aufklärungsbemühungen – gerade mal 11,3 Prozent (Vorjahr 12,2 Prozent) des Pflegepersonals, gegen die saisonale Grippe impfen. Doch auch die Ärzte dienen nur bedingt als Vorbild. 31,7 Prozent (Vorjahr 30,7 Prozent) der Mediziner im Unispital waren im letzten Jahr gegen die Grippe geschützt.

Heiniger sieht Handlungsbedarf

«Absolut ungenügend», sagt der Zürcher Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger zu den tiefen Grippeimpfquoten am Unispital. «Es zeigt sich, dass nach wie vor grosser Handlungsbedarf seitens des Spitals besteht.» Das Unispital sei sich aber ohne Zweifel bewusst, dass es in diesem Bereich weiter gefordert ist, meint Heiniger.

Als Gesundheitsdirektor setze er sich «mit Überzeugung» für eine Erhöhung der Impfquote bei den Medizinal- und Gesundheitsfachpersonen, in den Heimen und Spitälern ein. Das Personal schütze sich mit einer Impfung nicht nur selbst, sondern vor allem Patientinnen und Patienten. «Also Personen, die bereits krank oder geschwächt sind.» Jedes Spital und Heim sei deshalb gefordert, die Impfbereitschaft beim eigenen Personal durch Aufklärung und Motivation weiter zu erhöhen, sagt Heiniger. Mehr könne man aber nicht machen. Denn für ein staatlich verordnetes Impfobligatorium fehle es derzeit an der gesetzlichen Grundlage.

Kispi glänzt mit Topquote

Nach einer Schätzung des Basler Infektiologen Andreas Widmer sterben in der Schweiz jährlich bis zu 300 Menschen, nachdem sie sich in einem Schweizer Spital mit der Grippe angesteckt haben. Ein Grund sei die Impfverweigerung beim Spitalpersonal, meint Widmer. Aber auch Patienten oder Besucher könnten die Grippeviren ins Spital einschleppen. Deshalb versucht man, in vielen Zürcher Spitälern, seit einiger Zeit auch Aussenstehende für den Grippeschutz zu sensibilisieren.

Die provisorischen Grippeimpfquoten

- Kinderspital (2017), Gesamt: 55 Prozent, Pflege: 49 Prozent, Ärzte: 74 Prozent.

- Stadtspital Triemli (2017), Pflege: 35 Prozent (2013/14: 15 Prozent), Ärzte: 56 Prozent (2013/14: 30 Prozent)

- Stadtspital Waid (2017), Pflege: 27 Prozent, Ärzte: 68 Prozent

- Spital Männedorf (2016), Gesamt: 26 Prozent

- Kantonsspital Winterthur (2017), Gesamt 24,5 Prozent (2014: 17,5 Prozent)

- See-Spital Horgen (2016), Gesamt 22,2 Prozent

- Spital Limmattal (2017), Gesamt 22 Prozent

- Hirslanden Gruppe(2016), Gesamt: 20,1 Prozent

- Spital Bülach und Universitätsspital Zürich (2016), Gesamt: rund 20 Prozent. (TM)

Im Spital Uster beispielsweise stehen seit Anfang Dezember bei allen Eingängen Tafeln, welche die Patienten und Besucher motivieren sollen, sich die Hände zu desinfizieren und einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Eine Maskenpflicht besteht hingegen nur für Mitarbeitende mit Patientenkontakt, die nicht geimpft sind – oder für geimpftes Personal mit Erkältungssymptomen.

Den Impfauftrag besonders stark verinnerlicht hat das Universitäts-Kinderspital in Zürich. In diesem Jahr haben sich im Kispi bisher 55 Prozent der Mitarbeitenden impfen lassen. Die hohen Impfquoten kommen allerdings nicht von ungefähr: «Wir haben schon sehr früh in unserem Spital darauf hingewiesen, welche schwerwiegenden Folgen es für unsere kleinen Patienten haben kann, wenn wir sie als Mitarbeitende mit dem Grippevirus anstecken», sagt Christoph Berger, Leiter Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Kinderspital. Man versuche deshalb, ganz gezielt, die Mitarbeitenden in kleinen Teams anhand von konkreten Beispielen aufzuklären und zu sensibilisieren. «Bevormundung und Zwang lehnen wir ab», so Berger.

Viele Zürcher Spitäler bemühen sich seit Jahren – teils mit grossem Aufwand – die Impfquote beim Spitalpersonal zu steigern. Jetzt zeigt sich, dass die Bemühungen meistens von Erfolg gekrönt sind. Mancherorts haben sich die Impfquoten innert weniger Jahre mehr als verdoppelt. Dennoch bleiben die Zahlen auf relativ tiefem Niveau. Die vom Bundesamt für Gesundheit für das Spitalpersonal gefordert Quote von 70 Prozent dürfte, ohne Impfobligatorium, nur schwer zu erreichen sein.

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