Oberwil
Leidenschaft für Handwerkskunst an der Sichlete

Neun Handwerker von der Töpferin, über den Sattler bis zum Korbmacher präsentieren insgesamt zehn Künste.

Daniela Deck
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Sichlete in Oberwil - altes Handwerk wird gezeigt

Hanspeter Bärtschi

Kurt Ramser hat gestern den besten Platz gefunden. Im Schatten eines ausladenden Baumes flicht der Hobbykorbmacher aus Rüti Weidenruten zu einem Korb. Seine Hände sind ebenso kräftig, wie geschickt.

Eindrücklich zeigt sich das, als er nach einem kleinen Schnitt mit dem Taschenmesser einen langen Weidenzweig spaltet und drei gleichmässige Ruten daraus gewinnt. «Ihr könnt das mit 20 Zweigen probieren und bringt es mit keinem fertig», wendet er sich ans Publikum. «Körbe flechten ist gar nicht so einfach.» Das wollen die Zuschauer an der Sichlete in Oberwil gern glauben, besonders, als der einstige Förster ihnen eine Narbe an der Hand zeigt. Die Arbeit über 30 Jahre hat durch die stete Belastung der Finger ihren Tribut gefordert und eine Operation nötig gemacht.

Der Blick fürs Detail

Beim Sattler Hansjörg Kauz sind Hundeleinen und Gürtel gefragt. Er erzählt von vergangenen Zeiten, als die Armee für die Sattlerei das tägliche Brot bedeutete. Von legendären Aff, dem Ranzen, bis zum Packsattel der Trainkolonne, gingen die Bestellungen, die einst so sicher waren wie das Amen in der Kirche. «Heute repariere ich hauptsächlich Lederwaren, Sättel stellen nur noch Spezialisten her», sagt Kauz. Wer einen guten Blick fürs Detail hat, erfährt vom Lommiswiler Fachmann Interessantes: «Der Militärgürtel hat drei Nähte längs neben der Schnalle, der Zivilschutzgürtel hat nur eine Naht und zwar quer.»

Allen neun Handwerkern, die sich an der Sichlete zur Werkschau zusammengefunden haben und insgesamt zehn Künste vorstellen, ist die Leidenschaft für ihre Tätigkeit gemeinsam. Man könnte ihnen trotz der Gluthitze stundenlang zuhören. Ob bei der Töpferin, beim Spengler, Müller oder Schnapsbrenner, die Besucherinnen und Besucher fühlen, dass Handwerk in mehr als einem Sinn goldenen Boden hat. Tüchtige Berufsleute bringen es heute noch weit, und die emotionale Erfüllung, die all diesen Berufsgattungen gemeinsam ist, färbt auf die Laien ab. Jugendliche beginnen an den Werkständen ebenso selbstverständlich mit Rentnern zu diskutieren, wie sie untereinander fachsimpeln.

Auch beim Schmied René Tüscher bringt die Neugier die Leute ins Gespräch. Bis es Zeit ist, Pferde zu beschlagen, zeigt Tüscher die Kunst der Schindelproduktion. «Das war die Büez meines Grossvaters. Der war Dachdecker und brauchte die Schindeln als Unterlage für die Biberschwänze», erzählt der Oberwiler, während er Holzklötze in gleichmässige Platten spaltet. Die Stunden seit dem Festgottesdienst bis zum Auftritt der Pferde am Mittag sind im Flug vergangen. Tüscher macht das Steinkohlefeuer für die Hufeisen bereit, doch die Pferde lassen auf sich warten.

Lamatrekking erfreut die Kinder

Zeit genug, um Ruedi Studer und Ernst Gränicher beim Tünkelbohren zuzusehen. Angetrieben von reiner Muskelkraft frisst sich die dreimeterlange Metallstange mit ihrem löffelartigen Bohrer durch das Mark eines Rottannenstamms. So entstanden einst Wasserleitungen. Der Drechsler Ernst Calame, Lengnau, erklärt Interessierten die Eigenschaften von «ersticktem» Holz. Das ist Holz, das zwei Jahre nach dem Fällen im Wald von Pilzen befallen ist und sich besonders gut zur Verarbeitung eignet.

Kinder beteiligen sich ganz unterschiedlich an der Sichlete. Auf einem Flohmarkt verkaufen sie Bücher und Spielsachen. Am Nachmittag, nach einer Stärkung im Festzelt des Organisators, des Männer- und Gemischtechors, zeigen die Kindertanzgruppe Bucheggberg und die Trachtengruppe Oberwil eine Vorführung. Zudem ist die neuste Kunst, die an der Sichlete gezeigt wird, das Lamatrekking, ganz nach dem Geschmack der kleinen Gäste. Schliesslich sind die Pferde eingetroffen, samt Geschirr und Wagen und Hufschmied René Tüscher geht ans Werk. Nicht nur Hugo und Freya vertrauen ihm, sondern auch ihr Besitzer Daniel Otti. Er hält Hugos Füsse hoch und zuckt nicht mit der Wimper, als Tüscher das heisse Eisen jeweils nur Zentimeter von der Hand entfernt gegen das Horn presst.

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