Opferschutzprogramm
Mehr Opfer von Menschenhandel: «Es sagen immer mehr Frauen aus»

Mehr Frauen denn je befinden sich im Opferschutzprogramm der Fachstelle Frauenhandel und -migration (FIZ). Eine neue Herausforderung sind Asylsuchende, die Opfer von Menschenhandel wurden, sagt die FIZ-Geschäftsführerin.

Katrin Oller
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Die Opfer von Frauenhandel werden wie Leibeigene gehalten. Oft kommen die Anwerber aus ihrem persönlichen Umfeld. (Symbolbild)

Die Opfer von Frauenhandel werden wie Leibeigene gehalten. Oft kommen die Anwerber aus ihrem persönlichen Umfeld. (Symbolbild)

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Im Vergleich zum Vorjahr ist 2015 die Anzahl der Frauen im Opferschutzprogramm der FIZ erneut gestiegen. Warum?

Susanne Seytter: Ein Hauptgrund ist, dass in den letzten Jahren immer mehr Kantone aktiv ermittelt haben gegen Menschenhandel. So wurden immer mehr Frauen als Opfer identifiziert. Es sagen auch immer mehr Frauen gegen die Täterschaft aus, entsprechend steigt die Zahl der weiterlaufenden Fälle aus den Vorjahren.

Susanne Seytter

Susanne Seytter

Zur Verfügung gestellt

Ebenfalls gestiegen ist die Zahl von Menschenhandel betroffener Frauen im Asylprozess. Wie muss man sich das vorstellen?

Es gibt mehrere Wege. Der eine ist, wenn Frauen auf der Flucht Opfer von Menschenhändlern werden. Weil sie sich die Flucht finanzieren müssen, werden sie unter Druck gesetzt: Wir helfen dir, aber du musst zu unseren Bedingungen in der Prostitution arbeiten. Es kann aber auch sein, dass Menschenhändler das Asylverfahren gezielt nutzen und die Frauen zwingen, Asyl zu beantragen. So sind die Frauen eine gewisse Zeit legal im Land und besser ausbeutbar.

Wie werden Sie auf diese Fälle aufmerksam?

Meist wenn Betreuer in einem Asylzentrum Hinweise haben, dass eine Drucksituation besteht. Wir werden aber nur in Einzelfällen hinzugezogen. Das ist ziemlich zufällig. Bei der Erkennung der Fälle in dieser sehr verletzlichen Gruppe stehen Behörden und NGOs noch am Anfang. Auch sind wir immer wieder damit konfrontiert, dass die Asylverfahren sehr schnell über die Bühne gehen sollen. Asylsuchende Opfer von Frauenhandel, die etwa über Italien in die Schweiz gekommen sind, werden schnell abgeschoben. Oft bevor wir abklären können, was genau passiert ist. Gut wäre, wenn wir zumindest eine Organisation anrufen könnten, damit diese sich dann in Italien der betroffenen Frau annehmen könnte.

In solchen Fällen gibt es keine geregelten Abläufe?

Es fehlt eine Zusammenarbeit zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Stellen. Nicht geregelt ist, wann die Opferberatungsstellen hinzugezogen werden.

Wird daran gearbeitet?

Wir haben erreicht, dass die Koordinationsstelle für Menschenhandel des Bundes das Thema in einer Expertenarbeitsgruppe aufgreift. Für uns als NGO geht es aber viel zu langsam. Wir haben die Betroffenen hier, aber ihre Rechte sind nicht klar. Konkrete Fragen sind nicht geklärt, die uns die Arbeit schwer machen: Kann das Asylverfahren sistiert werden? Wer finanziert Schutz und Unterstützung? Wie ist die aufenthaltsrechtliche Situation der Frauen langfristig?

Ein weiteres Thema, das die FIZ beschäftigt, ist die Regelung, dass Frauen aus Drittstaaten seit Januar nicht mehr als Cabaret-Tänzerinnen arbeiten dürfen. Was passiert mit diesen Frauen?

Wir sind selber dabei, uns zu orientieren. Im letzten Jahr hat die Frage, wie es mit ihnen weitergeht, die Frauen aus den Drittstaaten sehr beschäftigt. Sie fragten uns, wie sie jetzt ihren Lebensunterhalt verdienen könnten. Wir mussten leider sagen, dass die legalen Möglichkeiten praktisch inexistent sind, da sie nicht als Hochqualifizierte gelten. Manchmal ging es auch noch darum, AHV-Gelder zurückzufordern oder den Lohn von Cabarets, die Konkurs gegangen sind.

Haben die Frauen die Schweiz verlassen?

Zum Teil sind die Frauen zurückgegangen in ihre Herkunftsländer. Aber zum Teil standen sie auch unter Druck, hier etwas zu finden. Einige versuchten, in der Sexarbeit Fuss zu fassen. Andere sind in andere Länder gegangen. Zurzeit ist die Situation zersplittert. Wir hoffen, dass wir den Kontakt zu den Frauen nicht verlieren, die illegal in die Sexarbeit gehen. Denn je weniger Rechte die Frauen haben, desto weniger trauen sie sich, bei Ausbeutung und Gewalt Hilfe zu suchen.

Wegen der steigenden Opferzahl hat die FIZ eine neue Schutzwohnung eröffnet. Wie wird den Frauen dort geholfen?

Betroffene aus über 30 Ländern leben in den Wohnungen. Mit der neuen Wohnung haben wir nun zwei spezialisierte Angebote für die erste Phase, die ersten sechs Monaten, in denen die Betreuung intensiver ist. Es ist sehr wichtig, dass sie zur Ruhe kommen. Im ersten Monat müssen sie auch entscheiden, ob sie gegen die Täter aussagen wollen oder nicht. Das ist begleitet von Unsicherheiten und Ängsten. Das Risiko von Repressalien gegen sie und ihre Familien muss abgeklärt werden.

Ist das Zusammenleben wie eine Art Wohngemeinschaft?

Ja, das kann man sich als betreute Wohngemeinschaft vorstellen. Betreuerinnen sind vor Ort, strukturieren den Alltag und begleiten die Frauen zu Ärztinnen und Rechtsanwältinnen. Es geht in der ersten Zeit vor allem um opferhilferechtliche Beratung und um erste Schritte zur Verarbeitung des Traumas.

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