Aufschwung
Oberaargauer Industrie im zarten Aufwind

Die Oberaargauer Industrie blickt mehrheitlich auf ein gutes Geschäftsjahr 2010 zurück. Die Betriebe haben sich von der Krise erholt, aber überwunden ist sie nicht. Denn der schwache Euro bereitet den exportorientierten Firmen Bauchweh.

Franz Schaible
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Die Firma Glas Trösch AG im Aufwind.

Die Firma Glas Trösch AG im Aufwind.

Oliver Menge

Der wirtschaftliche Aufschwung hat sich im Raum Langenthal schon seit Längerem abgezeichnet. So ist die Arbeitslosigkeit im Oberaargau überdurchschnittlich gesunken. Die Quote ging von 3,2 Prozent Ende 2009 auf 2,6 Prozent Ende 2010 markant zurück. Grund ist die rasche Erholung der Konjunktur, vorab in Deutschland, dem wichtigsten Absatzmarkt der Exportindustrie, sowie dem anhaltend hohen Wachstum in Asien.

Eine Umfrage unter grossen Firmen im Raum Langenthal zeitigt denn auch positive Meldungen. «Wir sind mit dem Geschäftsverlauf im vergangenen Jahr zufrieden», sagt etwa Jean-Pierre Neuhaus, Sprecher der zur börsenkotierten Conzetta-Gruppe gehörenden Bystronic Laser AG in Niederönz. Sie baut Anlagen für die Blechbearbeitung. «Die Produktion in allen unseren Werken ist seit Mitte 2010 voll ausgelastet.» Nebst der generellen Aufhellung am Konjunkturhimmel wiesen aufstrebende Märkte wie die Türkei, Brasilien, China oder Indien ein starkes Wachstum auf.

550 Mitarbeiter in Niederönz

Noch 2009 musste Bystronic unten durch; der Umsatz hat sich auf 356 Millionen Franken halbiert, der weltweite Personalbestand sank um 240 auf knapp 1400. Davon arbeiten inklusive Lernende rund 550 in Niederönz. Für das laufende Jahr zeigt sich Neuhaus zuversichtlich, aber «es wird noch einige Zeit brauchen, bis wir wieder das Niveau der Spitzenjahre 2007 und 2008 erreichen werden». Die ebenfalls zu Conzetta gehörende Bystronic Glass AG in Bützberg - sie stellt Anlagen für die Glasbearbeitung her - ist auf dem Weg der Erholung, nachdem sie 2009 ebenso eine Umsatzeinbusse von 40 Prozent verkraften musste. Im ersten Halbjahr 2010 ist der Umsatz um fast 13 Prozent gestiegen.

Der Langenthaler Maschinen- und Anlagenbauer Ammann kann auf ein gutes Geschäftsjahr 2010 zurückblicken. «Der Absatz der Ammann Eigenprodukte hat im vergangenen Jahr von der globalen Erholung der Konjunktur profitiert. 2010 wird deshalb besser abschliessen als das Vorjahr», erklärt Firmensprecher Lukas Jenzer. Das zur Gruppe gehörende Handelshaus für Baumaschinen, Avesco, verzeichne gar ein ausgezeichnetes Jahr 2010, weil sich der Schweizer Baumarkt erfreulich entwickelt habe. Für das laufende Jahr erwartet Ammann eine weitere Erholung von den Krisenjahren 2008 und 2009.

Positiv für laufendes Jahr

Bedingt durch einen Wachstumsschub im asiatischen Raum sei es in der zweiten Hälfte 2010 zum positiven Umschwung gekommen, meldet Rudolf Güdel, Chef der auf Anlagen für die Fabrikautomation spezialisierten Güdel-Gruppe in Langenthal. Das laufende Jahr könne Güdel mit einem «sehr hohen Auftragsbestand in Angriff nehmen». Während der Personalbestand bereits im vergangenen Jahr auf 800, davon 379 in Langenthal, gestiegen sei, «rekrutieren wir zurzeit weitere neue Mitarbeitende».

«Die Oberaargauer Firmen sind allgemein in einem guten Zustand», fasst Erich Trösch, Präsident des Wirtschaftsverbandes Oberaargau und CEO der Glas Trösch AG, zusammen. 2010 sei für die Glasspezialistin selbst gut verlaufen «und wir sind zuversichtlich für das laufende Jahr». Trösch beschäftigt weltweit 4600 Angestellte, davon 570 in Bützberg.

Trotzdem ist nicht alles eitel Sonnenschein. So übt Erich Trösch Kritik an den Behörden und spricht die negativen Entscheide zum «Campus Burgdorf» und zum «Autobahnzubringer» an. «Das sind für unsere Region schmerzhafte Rückschläge; wir finden als Randregion des Kantons Bern zu wenig Unterstützung.» Gerade die Nähe zu Bildungsstätten und die Anbindung ans Strassennetz seien wichtig, damit eine Region attraktiv bleibe. «Das Ganze ist paradox, wenn man bedenkt, dass der Oberaargau eine wichtige Wirtschaftsregion für den Kanton ist.»

Sorgenkind Wechselkurs

Ein weiteres Sorgenkind für die Industrie bleibt der Wechselkurs, gerade für Betriebe mit einer Exportquote von weit über 90 Prozent. «Für sie ist die Lage sehr herausfordernd», unterstreicht Trösch. «Wenn der Euro länger auf dem aktuell tiefen Niveau bleibt, können Personalstreichungen oder gar Betriebsschliessungen nicht ausgeschlossen werden.» Die Textilherstellerin Lantal in Langenthal geht die währungsbedingt verschlechterte Konkurrenzfähigkeit aktiv an. «Wir suchen nach Lösungen, um geeignete Produkte für den Euro-Raum vermehrt durch Drittfirmen zu produzieren, die sich an einem kostengünstigeren Standort befinden», sagt Sprecherin Daniela Grunder. Zudem sollen vermehrt Rohstoffe und Halbfabrikate im Euro-Raum eingekauft werden.

Der Euro wird zu «einer riesigen Bürde» werden, sagt Unternehmer Rudolf Güdel. Um eine Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland zu verhindern, sei die Politik gefordert, Massnahmen zu treffen. Auch die Bystronic ist von einer währungsbedingten Reduktion der Margen betroffen. «Durch Produktivitätssteigerungen über die nächsten Jahre müssen wir diesen Einfluss wieder auffangen.» Die Firma Ammann leidet ebenso: «Der tiefe Wechselkurs des Euros führt zu schmerzhaften Margenverlusten.» Ammann unternehme, so Sprecher Lukas Jenzer, grosse Anstrengungen, um die Produktivität in allen Bereichen weiter zu erhöhen und die Produktinnovation intensiv voranzutreiben.

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