Zürich
Professor für Sozialpsychologie sagt: «Geschenke ersetzen das Weihnachtsessen nicht»

Johannes Ullrich, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Zürich erklärt, weshalb man Rituale nicht rigoros streichen sollte und wie man sich trotz physischer Distanz auch an den Weihnachtstagen sozial nahe sein kann.

Lydia Lippuner
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Solo Weihnachten: Unternehmen sollen Wege finden, damit sich die Mitarbeitenden trotz ausfallender Weihnachtsessen austauschen können.

Solo Weihnachten: Unternehmen sollen Wege finden, damit sich die Mitarbeitenden trotz ausfallender Weihnachtsessen austauschen können.

Limmattaler Zeitung

An Weihnachtsessen erfährt man bei ein paar Gläsern Wein und üppigem Essen einiges: Der Chef mag Weihnachtspullis und hat eine starke Abneigung gegen den Film «Star Wars». Die Arbeitskollegin züchtet auf dem Balkon tropische Pflanzen und hasst Familienfeiern. Es ist natürlich viel Belangloses dabei, aber auch viel Verbindendes. Manche Anekdoten werden von Jahr zu Jahr aufgebauscht und weitererzählt. Dieses Jahr werden sie fehlen, denn die üblichen Weihnachtsessen fallen aufgrund der Coronapandemie in den meisten Unternehmen aus. Um sie zu ersetzen, setzen einige Betriebe auf virtuelle Treffen oder Geschenke.

«Geschenke sind eine gute Idee, um dem Personal Wertschätzung zu zeigen. Doch sie ersetzen das Weihnachtsessen nicht», sagt Johannes Ullrich, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Zürich. Das Weihnachts­essen sei in erster Linie auch nicht ein Geschenk, sondern ein Mittel, um den Zusammenhalt zu fördern. Durch das gemeinsame Essen vor Weihnachten entstehe bei den Mitarbeitenden das Gefühl, nicht nur für die vertraglich festgelegten Tätigkeiten angestellt zu sein, sondern auch als Mensch wertgeschätzt zu werden. Durch den gegenseitigen Austausch werde dieses Gefühl bestätigt.

Den Zusammenhalt müsse man besonders in der momentanen Lage im Auge behalten. «Es ist wichtig, dass wir aufgrund der physischen Distanz keine soziale Distanz entwickeln», sagt Ullrich. Arbeiten beispielsweise alle Mitarbeitenden im Homeoffice, sollte sich der Chef überlegen, welche Belastungen dies mit sich bringt und für Entlastung sowie Austausch im Team sorgen. Wolle man den Zusammenhalt fördern, komme man nicht darum herum, etwas Aussergewöhnliches zu machen und kreative Ideen zu suchen. Dadurch heben sich die Festtage vom Alltag ab. An den Weihnachtsessen geht man traditionellerweise auch an einen neuen Ort und lernt sich in einem unbekannten Rahmen bei einer gemeinsamen Aktivität wie einem gemütlichen Essen besser kennen. Das findet nun nicht statt: «Es wäre sinnvoll, die wegfallenden Reize adäquat zu ersetzen», sagt Ullrich. Das sei wichtig, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln. «Adäquat ersetzen» heisst auch, dass sich der Event deutlich vom normalen Trott unterscheiden soll.

Führt man beispielsweise täglich Teamsitzungen über Zoom in der eigenen Stube durch, ist es nicht besonders reizvoll, auch das Weihnachtsessen über Zoom in den eigenen vier Wänden durchzuführen. «Man muss kreative Wege finden», sagt Ullrich. So könne man beispielsweise ein Wichteln veranstalten oder in kleinen Gruppen nach draussen gehen. Das Wichtigste sei dabei, dass die Menschen zusammenkommen und gemeinsam etwas Neues erleben.

Soziale Nähe trotz physischer Distanz

Während Ullrich spricht, fällt immer wieder das Wort «Nähe». Doch wie kann man sich in einer Zeit nahe kommen, in der alles darauf abzielt, Abstand zu halten? «Soziale Nähe entsteht durch Enthüllung. Wenn man gemeinsam Zeit verbringt und sich etwas Persönliches erzählt, kommt man sich näher», sagt Ullrich. Erlebe man gleichzeitig etwas Neues, werde der Austausch zusätzlich gefördert. Weihnachtsessen seien Rituale, die Sicherheit und eine gewisse Nostalgie mit sich bringen. Schaffe man ein Ritual wie ein Fest oder auch Geschenke ab, sollte man den Ausfall mit einem Ersatz ausgleichen. Alles auf einmal zu streichen, ist laut Ullrich nicht hilfreich. «Wenn man beispielsweise auf Weihnachtsgeschenke verzichtet, weil man ja sowieso alles bereits besitzt, sollte man sich überlegen, welche immateriellen Werte man sich gegenseitig schenken könnte», sagt Ullrich.

Die kommenden Festtage werden auf alle Fälle Gelegenheit bieten, Weihnachten und Gemeinschaft auf eine neue Art zu erleben. Dass die dies­jährige physische Distanz die Weihnachtsrituale für die kommenden Jahre ­nachhaltig verändert, hält Ullrich aber für unwahrscheinlich. «Ich denke, unsere jahrelange Tradition des Weihnachtfeierns ist stärker als diese Pandemie.»