Schlieren
Streetchurch-Leiter Markus Giger: «Mich schockiert man nicht so leicht»

Pfarrer Markus Giger leitet die Streetchurch in Zürich und ist Seelsorger am Massnahmenzentrum in Uitikon – ein Leben zwischen dem hippen Kreis 4 und den Abgründen der menschlichen Seele.

Alex Rudolf
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Pfarrer Markus Giger mit Holzkreuz auf dem Bürotisch.

Pfarrer Markus Giger mit Holzkreuz auf dem Bürotisch.

ARU

Er und sein Büro passen überhaupt nicht zusammen. Auf dem Arbeitstisch liegt ein grosses Holzkreuz und eine klassische Interpretation von Jesus’ Bildnis ist über dem Ledersofa zu finden.

Markus Giger hingegen macht einen ausgesprochen modernen Eindruck: Pullover und Hosen sind grauschwarz – «ich versuche, reizarme Kleidung zu tragen, um in Gesprächen nicht abzulenken» – eine Ray-Ban-Brille sitzt auf der Nase und an den Füssen hat er schwarze Nike-Turnschuhe.

Der gebürtige Schlieremer gründete Anfang der Nullerjahre die evangelische Jugendkirche Streetchurch und ist Seelsorger im Massnahmenzentrum Uitikon (MZU). Eine Gratwanderung zwischen jugendlicher Coolness und kirchlicher Tradition, so scheint es.

Die junge Kirche für die jungen Menschen

Vor 13 Jahren gründete Pfarrer Markus Giger die Streetchurch an der Zürcher Badenerstrasse. Neben einem Treffpunkt, wo sich junge Menschen, egal welcher Konfession, austauschen können, werden auch Jugendgottesdienste veranstaltet. Im Trainingsprogramm «Top4job» etwa werden Jugendliche an den Arbeitsmarkt herangeführt. Darüber hinaus bietet auch eine Psychotherapeutin ihre Dienste an. Ab kommendem April bietet die Streetchurch auch begleitetes Wohnen in acht WG-Zimmern und fünf Mansardenzimmern an.

Beim Betreten der Streetchurch an der Badenerstrasse im Zürcher Kreis 4 wähnt man sich in einer der vielen hübschen Bars des Quartiers. Die Wände sind weiss, hohe Fensterfronten lassen Licht in den Raum strömen, der Parkettboden knackt bei jedem Schritt. Restaurierte Möbel, womöglich aus Brockenhäusern, dominieren das Bild.

Sechs junge Menschen tauschen sich an der Bar aus und bestellen Latte Macchiatos. Nur wenige Hinweise – etwa eine Tafel beim Eingang, auf der alle Angebote aufgelistet sind – deuten darauf hin, dass man sich hier in einem Haus Gottes aufhält.

Dies ist wohl auch Gigers Ziel, denn «die Angebote und der Zugang zu uns sollen niederschwellig sein», sagt der 48-Jährige.

Chaotisch und laut

Während seines Theologiestudiums, als er bereits im Kreis 4 lebte, habe sich eine grosse Frustration in ihm breitgemacht. «Die Distanz zwischen den Menschen im Quartier und der Kirche war unglaublich gross», sagt er.

Alkoholiker, Prostituierte und Drogenabhängige hätten sich während der Wintermonate an der Heizungsabluft des Kirchgebäudes gewärmt, aber für sie und die Jungen gab es keine Angebote.

Mit regelmässigen Spaghetti-Essen und dem Veranstalten von Hip-Hop-Battles schuf Giger eine Verbindung aus Dingen, die überhaupt nicht zusammenpassten. Es sei chaotisch und laut gewesen.

Die Streetchurch soll ein Zufluchtsort, Treffpunkt und Lebensstütze für junge Menschen sein. Neben Hip-Hop-Gottesdiensten und Arbeitsprogrammen wie «Saubere Jungs für saubere Fenster» werden auch «Grow Sessions» und ab diesem Frühling ein begleitetes Wohnen geboten.

Die 25 Plätze des Trainingsprogramms «Top4job», das niederschwellig an den Berufseinstieg heranführen soll, sind stets ausgebucht. Um Giger arbeitet ein 17-köpfigen Team bestehend aus Diakonen, Lehrern, Sozialarbeitern und einer Psychotherapeutin: «Rund 70 Prozent der Jugendlichen, die hierher kommen, sind labil», sagt er.

Damit sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen, würden verschiedene Programme für eine Reintegration sorgen. So lernen die jungen Erwachsenen Grundsätzliches: Wie man sich etwa gegenüber dem Arbeitgeber verhält, was in einer Wohngemeinschaft Pflicht ist und wie man sich gesund ernährt.

Ein Stockwerk unterhalb von Gigers Büro sind gerade vier junge Erwachsene unter Anleitung eines Lehrers dabei, Bewerbungen auf Lehrstellen zu verfassen. Dies ist eines der Module, die sie auf den richtigen Weg bringen sollen.

Während seiner Kindheit und Jugend hätte auch Markus Giger leicht auf die schiefe Bahn geraten können. In der Siedlung «Im Michel» an der Schlieremer Kantstrasse wuchs er mit zwei Geschwistern auf.

Die Mutter war Hausfrau und gläubige Methodistin, der Vater arbeitete in einem industriellen Betrieb und hatte nach mehreren Schicksalsschlägen den Glauben an Gott verloren. Dies habe einen grossen Schatten über die Familie geworfen, wie Giger sagt.

«Den ‹Alltagsglauben›, den mir meine Mutter mitgab, hat mir während dieser Zeit sehr geholfen», sagt er heute. Über die Alkoholprobleme seines Vaters und deren prägenden Einfluss auf seine Jugend spricht er gegenüber seinen Schäfchen sehr offen.

«Es motiviert die jungen Leute, auch von ihren Erfahrungen und Problemen zu erzählen, sich ein Stück weit zu öffnen.» Nicht ohne Traurigkeit in der Stimme ergänzt er, dass er schon sämtliche menschlichen Abgründe gesehen habe. «Mich schockiert man nicht so leicht.»

Verständnis für die Wut

Den Grossteil dieser Abgründe dürfte er bei seiner Tätigkeit als Seelsorger im MZU mitbekommen haben. So auch jene von Carlos, dem wohl berühmtesten Jugendstraftäter der Schweiz.

«Das Unverständnis und die Wut der Bevölkerung auf diese jungen Verbrecher kann ich nachvollziehen», sagt er, «doch erwarte ich von den Menschen, dass sie die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.»

Auch Straftäter seien Teil der Gesellschaft und müssten so gut wie möglich integriert werden. In seiner Seelsorger-Tätigkeit würden ihm die jungen Männer aus dem MZU durchaus ans Herz wachsen.

«Doch ist es wie bei allen Menschen, zu denen man eine Bindung hat und die man zu mögen beginnt. Benehmen sie sich unmöglich, dann kann man sich auch über sie aufregen.»

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