Aufführung
Theater Biel Solothurn brachte ziemlich laute Kammerversion

Tschechische Träume brachte das von der Botschaft der Tschechischen Republik unterstützte Projekt «Czech Dreams» nach Biel, einschliesslich der Märchenoper «Rusalka» von Antonin Dvorák, die in einer Kammerversion Premiere feierte.

Silvia Rietz
Drucken
Schwarz die Menschenwelt und farbig die Fabelwelt: die Wassernixe Rusalka mitten drin.

Schwarz die Menschenwelt und farbig die Fabelwelt: die Wassernixe Rusalka mitten drin.

Sabine Burger/ho

In der Musik begegnet man heute vermehrt einem Streben nach einer möglichst authentischen Interpretation von Werken. Die sogenannte historische Aufführungspraxis bezog sich ursprünglich auf die vor 1830 entstandene Musik, schliesst inzwischen aber auch die Romantik und Spätromantik mit ein. Eingebettet in das Projektwochenende «Czech Dreams» wartete das Theater Biel Solothurn mit der von Kaspar Zehnder geleiteten Uraufführung der von Marián Lejava erschaffenen Kammerversion von Antonin Dvoráks Märchenoper «Rusalka» auf. Der Impuls, eines der Monumente der tschechischen Romantik für kleines Orchester zu bearbeiten, ging als Auftragswerk vom Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS) aus.

Das Experiment funktioniert, auch wenn das Werk anders als gewohnt klingt. Dies, obschon nichts fehlt: Nichts an Farben, nichts an Stimmungen. Einzig das mitreissende slawische Melos will sich nicht so recht entfalten, auch wenn Marián Lejava den ganzen Dvorák gut eingefangen hat. Die Notwendigkeit, die überhaupt allererste Rusalka-Aufführung in Biel in einer klanglich abgespeckten Version auf die Bühne zu bringen, darf jedoch angesichts des «Orchestergrabens» der Alternativspielorte Kino Palace und Reithalle Solothurn hinterfragt werden.

Die Devise des Reduzierens beherrscht auch die Inszenierung von Regisseur Daniel Pfluger und mit dem schmucklosen Bühnenbild von Flurin Borg Madsen und den in schwarze Menschenwelt und fantasievolle Fabelwelt unterteilenden Kostümen von Kerstin Griesshaber. Mit mässigem Kulissenzauber lenken sie den Blick auf das Innenleben der Figuren. Das Reich der Nixen wird mit einem schräggestellten Bretterraum illuminiert, beim Ausflug ins Schloss gesellen sich Scheinwerfer hinzu, ein Holzsteg bebildert den dritten Akt und des Prinzen Tod. Texteinblendungen verdeutlichen den Handlungsstrang, verknüpfen Zeitsprünge. Mit dem Verzicht auf jeglichen märchenhaften Zauber gelang es dem Team, die düstere Liebesgeschichte einer Wassernixe, die ohne Sprache zum Menschen wird, an ihrer Liebe zu Grunde geht und als untoter Geist mit in den Untergrund reisst, atmosphärisch zu erzählen. Zumal im kargen Dekor stimmliche Opulenz aufwartete.

Die Schweizer Sopranistin Brigitte Hool verkörpert eine anrührende Rusalka, die nicht nur mit dem sehnsuchtsvollen Lied an den Mond bezaubert, sondern durchwegs mit fein gesponnen lyrischen Phrasen und höhensicheren dramatischen Ausbrüchen brilliert. Carlos Esquival als Wassermann ist mit samt-sattem Klang ein vokaler Volltreffer. Die international gefragte Jordanka Milkova mit ihrem herrlichen Mezzo in ihrer Wahlheimat Biel zu hören, entpuppte sich als Glücksfall. Die Doppelbesetzung mit einer hoch gelegenen und einer tiefer gehaltenen Partie ist allerdings ein Drahtseilakt, den sie sowohl als hochmütige Fürstin wie auch als geheimnisvolle Jezibaba technisch versiert meisterte. Buffonesk-muntere Farbtupfer setzte das Gespann Aram Ohanian als Heger und besonders Lucie Kankova in der Hosenrolle des Küchenjungen. Lucie Kankova fesselte mit einem Kabinettstück urkomischen Agierens. Jonathan Stoughton klang als Prinz angestrengt, vermochte sich akustisch nicht immer über das Orchester durchzusetzen. Als märchenhafte Elfenmädchen mit schönen farblichen Valeurs überzeugten Nicole Hitz, Susannah Haberfeld und Michaela Polkehn.

Kaspar Zehnders exakte Einstudierung und gezielte Zeichengebung motivierten das Orchester zu sauberem Spiel. Tadellos der von Valentin Vassilev gut vorbereitete Chor. Der Gesamteindruck der von Marián Lejava geschaffenen und Kaspar Zehnder dirigierten Kammerversion von Rusalka entspricht ein bisschen dem Undine-Mythos vom halb Fabelwesen und halb Menschsein: Trotz Reduktion klangen der Orchesterpart und die Stimmen im kleinen Theater Biel sehr wuchtig.