Post aus Berlin
Vom Aufschnitt zum Beschnittenen

Einkaufsbummel durch Berlin: Unser Redaktionskollege Lucien Fluri macht Halt in den verrücktesten Läden der Deutschen Hauptstadt. Er mag die kuriosen Geschäfte irgendwie, doch wieso bleibt offen...

Lucien Fluri
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Vom Aufschnitt zum Beschnittenen

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Lucien Fluri
zum Beschnittenen

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Lucien Fluri

Geld werde ich in meinen beiden liebsten Läden in Berlin wohl nie ausgeben. Ich hätte die zwei Geschäfte vielleicht auch gar nie betreten, wenn ich nicht hier über sie schreiben würde. Aber beide Geschäfte sind so verrückt, dass man sie irgendwie gern haben muss. Sie sind Berlin.

Aufschnitt. Nahe am Boxhagener Platz im Bezirk Friedrichshain liegt einer der ausgefallensten Läden Berlins. Er heisst Aufschnitt. Es ist die «weltweit erste Textil-Fleischerei». Der Laden verkauft nichts anderes als aus Stoff nachgemachtes Fleisch. Es gibt das Bockwurst-, das Weisswurst- oder das Blutwurst-Kissen. Es gibt den Sitzsack in Schinkenform. Es gibt das T-Bone-Steak aus Stoff, den Zungen-Rucksack, das Lungen- oder Leberkissen. Alles sieht ziemlich echt aus. «Anfassen erlaubt», sagt mir die Verkäuferin.

Der Laden ist eingerichtet wie eine Metzgerei – es gibt die weissen Kacheln an der Wand, es gibt die Ladentheke, hinter der das «Fleisch» liegt. Produziert, also geschneidert, wird direkt vor Ort. Und das nicht ohne Aufwand: Der beige Stoff für die Schinkenkeule erhält eine spezielle Maserung. Neben dem regulären Angebot wird auch massgeschneidert.

Die Firma bietet für Messestände oder als Give-aways für Firmen Produkte an wie «hochwertiges Waffel-Sofa, Sitzbrötchen oder Hängebananen»; was der Kunde eben wünscht. Die Würste würden besonders oft an Hochzeitspaare verschenkt, erklärt mir die Verkäuferin mit einem Lachen. Der Laden hat sogar diversifiziert. Es gibt nicht nur die Abteilungen Fleischerei, Wurst, Organe, sondern auch Bauernmarkt und Bäckerei. Es gibt das Spiegelei aus Plüsch oder das Laugenbretzen-Kissen.

Beschnitt. Am Kottbusser Tor treffen sich abends nicht nur alle Partygänger, um in eine der angesagten Bars von Kreuzberg weiterzuziehen. Rund ums «Kotti» sind auch die Türken zu Hause. Es hiess Klein-Istanbul, noch bevor das Quartier trendig und die Mieten teurer wurden.

Es gibt hier Banken, die keine Zinsen fordern. Es gibt türkische Friseure und türkische Bäckereien. Und es gibt diesen einen Laden, an dessen Schaufenster ich beim ersten Durchspazieren grosse Augen gemacht habe. Der Laden verkauft Beschneidungskostüme für muslimische Knaben bzw. wohl für deren Eltern (wie beim weissen Kommunionsröckchen kämen Kinder selbst wohl nicht unbedingt auf die Idee, da hineinzuschlüpfen).

Ich wusste nicht, dass es das gibt. Sie sehen ein wenig so aus, wie man sich das Sultan-Kostüm für den Siebenjährigen an der Solothurner Fasnacht vorstellt. Sie sind meist in Weiss erhältlich. Kostenpunkt: ab 99 Euro. Dazu gehören Umhang, Schärpe, Stab, Mütze, Gürtel, Schuhe. Im März, April, Mai verkauft der Laden auch Kleidchen für die Kommunion der Katholiken. «Wann die Beschneidung erfolgt, entscheiden die Eltern», sagt mir die Verkäuferin in bestem Deutsch. Sie hat nicht halb so viel Akzent wie ich. Das Fest, zu dem Verwandte und Bekannte eingeladen werden, kann schon als Baby sein, aber auch erst mit 13. In jeder möglichen Grösse hängen die Kostüme deshalb im Laden.

Eine gemeinsame Schnittmenge zwischen Aufschnitt und Beschneidungskleiderladen gibt es nicht. Sie liegen in der gleichen Stadt, aber sie liegen Welten auseinander. Hier die kreativ-alternative Spass- und Konsumgesellschaft, die sich etwas Ausgefallenes leisten kann. Dort das traditionelle religiöse Geschäft eines Einwanderers. Beide kann es nur geben, wo ganz unterschiedliche Welten aufeinandertreffen, wo es Raum für Subkulturen gibt. Irgendwie muss man diese Läden gern haben. Irgendwie. Warum genau finde ich ein anderes Mal heraus. Ehrlich.

Unser Redaktionskollege Lucien Fluri arbeitet während dreier Monate bei der «Berliner Zeitung». Er berichtet hier regelmässig von seinen Eindrücken.

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