Banken

10 Jahre Finanzkrise: Banken haben uns ihre Schulden überwälzt - haben wir daraus gelernt?

Nach 2008 blieben grössere Schocks für die Banken aus. Zum Glück, denn erst 2019 werden sie die härteren Kapitalanforderungen ganz erfüllen.

Nach 2008 blieben grössere Schocks für die Banken aus. Zum Glück, denn erst 2019 werden sie die härteren Kapitalanforderungen ganz erfüllen.

Fast 10 Jahre nach dem Lehman-Schock bleiben international operierende Grossbanken «too Big To Fail».

Finanzkrisen sind teuer. Sehr teuer. Andreas Dombret, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, hat für die mit dem Aus der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 global gewordene Finanzkrise nachgerechnet: Die Staatsverschuldung der G-20-Staaten schnellte zwischen 2007 und 2014 von 70 auf 105 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hoch.

Ein guter Teil dieser Mehrausgaben floss in die Rettung von Banken. Diese hatten sich mit riskanten Geschäften übernommen, finanziert über Schulden. Die 2010 folgende Euroschuldenkrise, die letztlich den Frankenschock mit sich brachte, war auch eine Konsequenz der Finanzspritzen für Banken über Hunderte Milliarden Dollar.

Solange die Weltwirtschaft im Schönwettermodus lief, brachten die riskanten Geschäfte den Banken und ihren Aktionären Profite. Als die Rechnung nicht mehr aufging und die Banken zu wenig eigenes Kapital hatten, um die enormen Verluste zu bezahlen, rettete sie der Staat.

Schuld und Schulden der Banken

Aber warum? Der Grund ist so einfach wie erschreckend: Die Staaten waren erpressbar geworden. Ihre Grossbanken waren zu gross, um untergehen zu können (engl. Too Big To Fail, TBTF). Ihr Konkurs hätte volkswirtschaftliche Schäden angerichtet, deren Kosten man noch höher schätzte als jene ihrer Rettung. Auch die Schweiz hat ihr Beispiel.

Die Eidgenossenschaft musste der UBS im Oktober 2008 aus der Klemme helfen. Die Grossbank hatte 40 Milliarden Franken auf US- Hypotheken abschreiben müssen. Fazit: Gewinne wurden privatisiert, Verluste sozialisiert, also auf den Steuerzahler abgewälzt. Was will man mehr, als Bank?

Den Nährboden der globalen Finanzkrise hatte das Platzen der US-Immobilienblase gelegt. Doch wie konnte sich dieses rein amerikanische «Big-Mac-Problem», als das die Lage durch viele Experten zunächst verkannt worden war, ausbreiten?

Martin Hellwig vom Max-Planck-Institut gehört zu den profiliertesten Ökonomen Deutschlands. Mit seiner Kollegin von der US-Eliteuniversität Stanford, Anat Admati, verfasste er den Bestseller «Des Bankers neue Kleider». Er erklärt gegenüber dieser Zeitung: «Dass eine globale Krise daraus wurde, lag daran, dass Banken weltweit Verbriefungen von Hypotheken gekauft hatten. Wegen der Rechnungslegungsvorschriften mussten sie darauf Abschreibungen tätigen. Da sie kaum Eigenkapital hatten, war ihre Solvenz infrage gestellt – ihre Fähigkeit, die Anleger auf dem Geldmarkt zu überzeugen, dass sie sicher seien.»

Dabei dachte man, bereits Vorschriften zu haben, die eine solche Situation ausschliessen: 2004 war das Regelwerk Basel II beschlossen worden, um den Bankensektor robuster zu machen. Stattdessen war er näher an den Abgrund gekommen als je zuvor. Was war falsch gelaufen?

Hellwig: «Für die Krise waren nicht die in Basel II thematisierten Kreditrisiken massgeblich, sondern die schon in einer Ergänzung zu Basel I von 1996 vorgesehene Möglichkeit, bankinterne Risikomodelle zu verwenden, um die erforderliche Eigenkapitalunterlegung von Marktrisiken zu bestimmen. Nach den Regeln von 1996 kam man teilweise mit einer Eigenkapitalunterlegung von unter 1 Prozent aus.»

Die Hebelwirkung

Zu den Absichten der Behörden meint Hellwig nicht ohne Sarkasmus: «Den Bankensektor robuster zu machen – das war, wenn überhaupt, nur die Wahrnehmung der Aufsichtsbehörden. Aus Bankensicht ging es immer darum, mit einem Kleinrechnen von Risiken ‹Eigenkapital einzusparen› bzw. mit wenig Eigenkapital ein grosses Rad zu drehen.»
Was Hellwig damit meint: Mit wenig Aufwand viel bewegen, eine grosse Wirkung erreichen – wie mit einem Hebel. Daher spricht man auch von der Hebelwirkung von Verschuldung (im Englischen ist Leverage synonym mit Verschuldung).

Will eine Bank Wertschriften kaufen oder einen Kredit vergeben, muss sie das Geschäft finanzieren. Entweder mit eigenem Geld (Eigenkapital), oder fremdem (Fremdkapital). Der springende Punkt: Für die Aktionäre ist es interessanter, dass sich ihre Bank verschuldet und sich mit Fremdkapital finanziert. Würde das Geschäft mit frischem Eigenkapital finanziert, würde der Gewinn verwässert. Denn es müssten neue Aktionäre einsteigen oder unter den bestehenden Aktionären mehr Aktien ausgegeben werden.

Natürlich hat auch Fremdkapital Kosten, den Zins. Doch just hier liegt das Problem. Banken, die wissen, zu gross zu sein, um unterzugehen, geniessen eine Art Staatsgarantie. Genau diese implizite Garantie will Basel III eliminieren, indem Banken mehr Kapital halten. Dann müssen sie – das heisst ihre Aktionäre – Verluste selber zahlen und können den Staat nicht mehr zwingen, ihnen zu helfen.

Obwohl die Regeln von Basel II offensichtlich zu schwach waren, klagen die Banken bis heute, Basel III sei zu streng. Dazu hat Hellwig eine klare Meinung: «Eindeutig nein!» Noch immer würden einige Risiken gar nicht erfasst, etwa das Risiko des Zahlungsausfalls auf Staatsschulden in Landeswährung, was der Fall Griechenland 2012 vor Augen geführt habe. Unberücksichtigt sei auch das Risiko, dass bei einem Anstieg der Zinsen die Finanzierungskosten für eine Hypothek mit zwanzigjähriger Zinsfestschreibung ihre Zinserträge übersteigen. Und weiter: «Die Regeln bieten immer noch viele Möglichkeiten, durch den Einsatz bankeigener Modelle die Risiken kleinzurechnen.»

Die Achillesferse

Bis zur vollständigen Umsetzung der verschärften Eigenmittelvorschriften im Jahr 2019 wird es fast 10 Jahre gedauert haben, in denen man die Banken überzeugen bzw. zwingen musste, mehr Eingenkapital aufzubauen. Und über diesem Aufbau hing stets das Damoklesschwert einer nächsten Krise, bevor der Aufbau abgeschlossen wäre – bis heute. Es gibt nämlich eine Achillesferse im System. Gerade systemrelevante Banken sind typischerweise international tätig. Wie funktionsfähig aber sind die aktuellen Regeln zur Abwicklung von Grossbanken über Landesgrenzen hinweg?

Dazu Hellwig: «Da gibt es vor allem Wunschdenken und Spiegelfechterei.» Das Financial Stability Board empfehle Verfahren, bei denen jeweils nur eine Behörde tätig wird. Die meisten grossen Banken sähen das in ihren Bankentestamenten auch so vor, etwa UBS oder Deutsche Bank. Nur: Die US-Behörden haben diese Testamente bisher abgelehnt. «Die Amerikaner haben kein Vertrauen, dass eine europäische Behörde in einem solchen Verfahren, die Belange des US-amerikanischen Finanzsystems angemessen berücksichtigt, etwa bei der Zuweisung von Mitteln für die Fortführung systemrelevanter Aktivitäten der dortigen Töchter», mahnt Hellwig.

Auch die Norweger oder Polen seien nicht dafür, dass ein Verfahren etwa für Nordea oder Unicredit allein in der Hand der schwedischen oder italienischen Behörden liegt. Nicht nur das spricht Bände über das Vertrauen in die Behörden anderer Jurisdiktionen: 2012 verbot die deutsche Aufsicht der deutschen Unicredit-Tochter, der italienischen Mutter mit Liquidität auszuhelfen.

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