Ein Mann mit markanter Nase und langem Schnurrbart erhält 1519 das Bürgerrecht der Stadt Zürich. Der gelernte Buchdrucker, der aus Oberbayern stammt, soll Aufträge von der städtischen Regierung erledigen: Dokumente wie Kalender und Stadtkarten nach Gutenbergs Buchdruckkunst veröffentlichen. Christoph Froschauer wird am gleichen Tag Zürcher und Verleger. Der offizielle Drucker der Stadt gründet seine Buchdruckerei, die heute unter dem Namen Orell Füssli bekannt ist und ihr 500-jähriges Bestehen feiert.

Der Zufall will es, dass Froschauer vor einem halben Jahrtausend Zürcher und Huldrych Zwingli als Leutpriester ans Grossmünster berufen wird. Was nach der Begegnung dieser Männer folgt, ist eine erfolgreiche Zusammenarbeit: Einerseits publiziert Froschauer Zwinglis Werke und profitiert dadurch von der Bekanntheit des Gottesmannes. Andererseits ist der Verleger für Zwingli ein verlässlicher Partner, der seine Schriften unter die Leute bringt. Dies gilt für die 1531 gedruckte «Zürcher Bibel» allerdings nicht. Denn das Zwingli-Werk, etwa 30 Zentimeter lang, rund fünf Kilogramm schwer, gehüllt in eine Lederdecke, kostet damals etwa zwei Monatslöhne. Dank Handarbeit gilt jedes Stück als Unikat. Das hat noch immer seinen Preis: Wer die Zwingli-Bibel heutzutage kaufen will, gibt gleich viel wie für ein Auto aus.

Die Reformation ausgelöst

Anlässlich der Frankfurter Buchmesse will Froschauer seinen Druckergesellen etwas Gutes tun. Am 9. März 1522 lädt er in seinem Haus zum Weingarten im Niederdorf zu einem Wurstessen ein. Die Gesellschaft bricht in Anwesenheit von Zwingli, der zwar zuschaut, aber nichts kaut, die Fastenzeit ab. Das empfindet die katholische Kirche als Provokation. In seiner Predigt im Grossmünster kontert Zwingli, in der Bibel gebe es kein Wurst-Verbot in der Fastenzeit. Der Rat von Zürich untersucht das Fastenbrechen, am Gründonnerstag druckt Froschauer Zwinglis Schrift «Vom Erkiesen und Fryheit der Spysen». Der Staatsangestellte Froschauer muss sich zwar für das Wurstessen in seiner Stube entschuldigen. Aber ein Jahr später hebt die Regierung das katholische Fastengebot auf. Somit bricht sie mit der Tradition der katholischen Kirche und gibt den endgültigen Anstoss zur zwinglianischen Reformation.

Die erste Zeitung Zürichs

Jahre danach stirbt Froschauer an der Pest. Bis zu seinem Todesjahr 1564 veröffentlicht er über 700 Bücher, darunter etwa Conrad Gessners «Historia animalium». In der Chefetage der Druckerei folgt ab diesem Zeitpunkt ein Wechsel auf den anderen. Nach dem Abgang von Froschauers Neffe sitzen Generationen von verschiedenen wohlhabenden Zürcher Familien wie Escher und Bodmer am Ruder des Unternehmens. Auch die Zeiten ändern sich: Während des Dreissigjährigen Krieges steigt der Bedarf nach Aktualität. Etwa vier Jahre nach dem Beginn des Konflikts erhält Zürich – vor London oder Paris – sein allererstes Blatt namens «Neue unparteiische Zeitung».

Die Marke Orell Füssli besteht seit 1789. Diese kommt nach der Fusion der konkurrierenden Verlage Füssli & Co. und Orell, Gessner & Co. und dem Abgang der Gessner-Familie aus der Verlegerschaft zustande. Auch wenn man die zwei Nachnamen vor allem wegen der Buchhandlungskette kennt, beginnt sich der Verlag bereits im Jahr 1827 zu diversifizieren. Er druckt erstmals Wertpapiere für ein Unternehmen der Industriellenfamilie Escher.

Die industrielle Revolution begünstigt Orell Füsslis Wachstumsmöglichkeiten: Der Verlag erhält Aufträge von grossen Firmen und modernisiert sein Druckverfahren, indem er Handarbeit durch maschinelle Produktion ersetzt. Im Jahr 1848 werden die ersten Banknoten gedruckt, die verwendete Technologie entwickelt sich 1955 etwa mit dem Druck des Schweizer Passes oder 1979 mit der Herstellung von Bank- und Kreditkarten aus Plastik weiter. Die Grösse der Firma schwankt mit der Zeit. Heute besteht die Orell Füssli Holding AG aus den Schwerpunkten Sicherheitsdruck, Verlag und Buchhandel.