Mehrwert hier, Harmonie da. Die Werte weichen stark voneinander ab, denen sich ABB und Hitachi verschrieben haben. Der Schweizer Industriekonzern ABB fühlt sich «der Wertsteigerung verpflichtet», wie es ganz am Anfang im Geschäftsbericht heisst. Auf 108 Seiten finden sich dort keine anderen «Werte», bloss finanzielle.

Hingegen dürften die 2800 Mitarbeiter, die in der Schweiz von ABB zu Hitachi wechseln werden, bald einmal von der «Mission» zu hören bekommen. Im Geschäftsbericht des japanischen Megakonglomerats findet sich diese Mission zuvorderst. «Einen Beitrag an die Gesellschaft leisten» müsse Hitachi, wie es ihm der Gründer vor über hundert Jahren mitgegeben habe.

Für diese Mission gelte es drei Werten nachzuleben, die in dieser Reihenfolge lauten: Harmonie, Aufrichtigkeit und Pioniergeist. Unter Harmonie sei etwa zu verstehen, die Ansichten anderer zu respektieren. Aufrichtigkeit bedeute, die Verantwortung nicht einfach auf andere abzuschieben.

Im geschäftlichen Alltag dürften die Unterschiede weniger plakativ sein, denen die heutigen Mitarbeiter des ABB-Stromnetz-Geschäfts begegnen werden. Gross sind sie dennoch. Bei ABB hat Ulrich Spiesshofer mehrere Jahre darauf verwendet, den Konzern radikal zu vereinfachen. Stolz trug er vor, dass sich die Services von ABB in zwei Sätzen zusammenfassen liessen. Nun soll ABB noch «fokussierter» werden mit dem Verkauf der Stromnetz-Sparte und der Abschaffung der Matrix-Struktur.

Blockchain, Lifte, digitale Post

Hitachi hat sich die Vereinfachung zwar ebenfalls vor Jahren schon auf die Fahne geschrieben. Und tatsächlich hat die Konzernspitze unter dem CEO Toshiaki Higashihara in den letzten zwei Jahren total etwa 150 Tochtergesellschaften verkauft oder sonstwie abgebaut. Aber damit ist Hitachi noch immer ein Gemischtwarenladen von sage und schreibe 850 verschiedenen Tochtergesellschaften.

Und es ist ein gigantischer Gemischtwarenladen. Mit den 36 000 Mitarbeitern, die weltweit von ABB zu Hitachi wechseln, wird der japanische Konzern über 340 000 Mitarbeiter haben. Bei ABB hingegen sind es noch 100 000. Hitachi wird also fast 3,5-mal so gross sein wie der Weltkonzern ABB.

Dieses Heer an Mitarbeitern stellt wiederum eine schwindelerregende Vielzahl von Produkten her. Zum Beispiel Hochgeschwindigkeits-Fahrstühle. 2017 erreichte ein solcher in einem chinesischen Wolkenkratzer einen Weltrekord. Züge und Signalisationssysteme gehören zum Portfolio. Im Finanzbereich hat man 2016 in den USA ein «Financial Innovation Laboratory» gegründet, um die Blockchain und andere Finanztechnologie zu erforschen. In Thailand versucht man sich an digitalen Postservices. Medizinische Geräte werden ebenso hergestellt wie Elektroautos.

Der Hitachi-Schock

Die Netzsparte von ABB wird bei Hitachi künftig zum «Social Innovation Business» gehören. Diese Sparte soll weltweit gesellschaftliche «Themen» lösen und zur «Hebung der Lebensqualität» beitragen. Vier Geschäftsfelder gehören dazu – darunter die «Energie», die bisher von der nuklearen Stromproduktion dominiert war.

Mit einem Nuklear-Projekt in Grossbritannien scheint sich Hitachi jedoch in eine Sackgasse manövriert zu haben. Mit der ABB-Stromnetzsparte will man nun im boomenden Markt für erneuerbare Energien mitmischen. Für die Integration dieser unregelmässig anfallenden Energieformen wird mit gewaltigen Investitionen in Stromnetz gerechnet.

Und natürlich will auch Hitachi kräftige Gewinne schreiben, sonst ist es Aus mit der Mission und der Harmonie. Im Jahr 2009 wackelte Hitachi bedrohlich. Mit 9,2 Milliarden Dollar schrieb der Konzern den höchsten Verlust in der japanischen Industriegeschichte. In den einheimischen Medien war die Rede vom «Hitachi Schock», der das ganze Land durchrüttle.

Ein bissiger Kommentator stellte die Existenzfrage: «Kann ein massiger Elefant, der immer auf seinem Hintern sass, statt sich zu bewegen, noch auf einen Wandel hoffen?» Er konnte. Aber harmonisch war es nicht.

Hitachi war damals noch gigantischer, 400 000 Mitarbeiter standen auf der Lohnliste. Im Vergleich zum heutigen Personalbestand wurde also ein Viertel aller Arbeitsplätze abgebaut. Eine Vielzahl von Tochtergesellschaften wurde verkauft. Etwa die Herstellung von Flachbildschirm-Fernsehern musste weg, von PCs und von Mobiltelefonen. Finanziell zahlte es sich aus. Hitachi schrieb 2017 einen Rekordgewinn.

Mit dem Stromnetz-Geschäft von ABB soll diese jüngere Erfolgsgeschichte von Hitachi fortgeschrieben werden. An einer Pressekonferenz bezeichnete CEO Higashihara die Sparte als «Cash Cow». Man werde dieses Geschäft noch weiter ausbauen.