Nahrungsmittelmulti

Abgang der Klassenbesten: Nestlés Top-Managerin verlässt den «Boys Club vom Genfersee»

Wan-Ling Martello verlässt den weltgrössten Nahrungsmittelhersteller. Gaetan Bally/Keystone

Wan-Ling Martello verlässt den weltgrössten Nahrungsmittelhersteller. Gaetan Bally/Keystone

Die US-Amerikanerin Wan-Ling Martello, einstige Favoritin auf den Chef-Posten, zieht nach acht Jahren einen Schlussstrich. Auf sie dürfte ein weiteres Spitzenmandat warten. Nestlé hat jetzt hingegen vor allem ein Problem.

Was bleibt, ist der Konjunktiv: Wohin hätte sie Nestlé gesteuert, wäre sie 2016 zur Nachfolgerin von Konzernchef Paul Bulcke gewählt worden? Viele Insider hatten auf Wan-Ling Martello gewettet, die US-Amerikanerin mit chinesischen- und philippinischen Wurzeln. Doch Martello kam nicht zum Zug. Anstatt auf die interne Kronfavoritin fiel die Wahl überraschend auf einen Externen, den deutschen Pharmamanager Mark Schneider.


Nun, rund zwei Jahre später, zieht Martello einen Schlussstrich unter acht Jahre Nestlé. Für den Nahrungsmittelmulti aus Vevey VD ist ihr Abgang ein schwerer Rückschlag. Zwar wurde die Wahl Schneiders von Branchenanalysten gelobt, doch mit Martello wäre eine mindestens so gute Kandidatin am Start gewesen. Sie hätte den Konzern mit Elan vorangetrieben und ihm vor allem ein internationaleres, weiblicheres Image verpasst, was der «Boys Club vom Genfersee» dringend nötig hätte.


Bulcke, heute Präsident der Firma, hatte Martello 2011 vom US-Detailhandelsriesen Walmart abgeworben und zur Finanzchefin ernannt, wo sie die Investoren mit ihrer knallharten Zahlenanalytik überzeugte. Hinzu kam der amerikanisch-joviale Charme des 60-jährigen Sprachtalents, das nebst Englisch auch Mandarin, Hokkien und Tagalog fliessend beherrscht. Ein Insider sagte einst, zu Martello passe ein englisches Sprichwort: «An iron fist in a velvet glove.» Eine eiserne Faust in einem Samthandschuh.

Fan von "House of Cards"

2015 erfolgte der Wechsel an die Front, als Chefin von 95 Märkten in den Regionen Asien, Ozeanien und Afrika (AOA). In China hatte Nestlé den Anschluss an die Konkurrenz verpasst, hielt mit der technikaffinen und zunehmend online einkaufenden Kundschaft nicht Schritt. Und in Indien, einem der wichtigsten Märkte, war ein Skandal um verunreinigte Maggi-Nudelsuppen entbrannt. Der finanzielle Schaden war gross, jener an der Reputation noch grösser.


Martello, ein bekennender Fan von Netflix-Serien wie «House of Cards», kam mit dem Auftrag, den Brand in Indien zu löschen und das chinesische Business auf Vordermann zu bringen – und sie reüssierte vollends. So schreibt Nestlé in der am Mittwoch publizierten Medienmitteilung über die AOA-Zone: «Unter Wan Ling Martellos Führung entwickelte sie sich zur profitabelsten und am schnellsten wachsenden Geschäftseinheit bei Nestlé.»


Bei Alibaba und Uber an Bord


Auch im abgelaufenen Quartal erzielte ihre Zone mit einem organischen Wachstum von 4,4 Prozent das stärkste Resultat. In China waren die Umsätze mit Kindernahrung gut, und in Südasien jene mit Maggi-Nudeln, Nescafé und Kitkat-Schokolade. Martellos Performance half Schneider zuletzt auch, die Angriffe des US-Hedgefonds Third Point in Schach zu halten.


Niemand wäre überrascht gewesen, hätte Martello kurz nach Schneiders CEO-Ernennung den weltgrössten Nahrungsmittelhersteller verlassen. Gegenüber der «Schweiz am Wochenende» sagte sie denn auch, dass ihr Telefon ständig klingle, wenn es um neue Spitzenpositionen gehe. Doch zuletzt schien es, als könnte Nestlé die viel umworbene Top-Managerin halten, in dem man ihr viele Freiheiten zugestand. Als einziges Konzernleitungsmitglied erhielt sie die Möglichkeit, lukrative Mandate bei anderen Grosskonzernen anzunehmen. So sitzt Martello sowohl im Verwaltungsrat von Chinas Online-Giganten Alibaba, sowie vom US-Fahrdienstleister Uber, der schon bald einen rekordhohen Börsengang anstrebt. Dieses wichtige Know-how und Netzwerk geht Nestlé mit Martellos Abgang ebenfalls verloren.

Nur eine Frau in der Konzernleitung


Ihr Posten nimmt ab 2019 der US-Amerikaner Chris Johnson ein. Das Nestlé-Urgestein war zuletzt als Personalchef tätig. Seine Nachfolge wiederum heisst Béatrice Guillaume-Grabisch, heutige Länder-Chefin in Deutschland. Damit ist in der Konzernleitung weiterhin nur eine Frau präsent, jedoch keine im operativen Kerngeschäft. Auf diesen Mangel angesprochen, sagt ein Sprecher, Guillaume-Grabisch übernehme als neue Personalchefin eine wichtige Rolle für die Zukunft der Firma, auch um die Chancengleichheit zu fördern.


Wohin Martellos Weg geht, gab Nestlé nicht bekannt.

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