Wirtschaft

Arbeitsbedingungen, Umweltschutz, Recycling: So will die Schweizer Textil- und Bekleidungsbranche nachhaltiger werden

Swiss Textiles will die gesamte Wertschöpfungskette durchleuchten und nachhaltiger gestalten.

Swiss Textiles will die gesamte Wertschöpfungskette durchleuchten und nachhaltiger gestalten.

Die internationale Textil- und Bekleidungsindustrie kennt viele soziale und ökologische Baustellen. Die Schweizer Branche will eingreifen und dazu in erster Linie ihre internationalen Lieferketten durchleuchten. Aber auch der hauseigene ökologische Fussabdruck oder die Wiederverwertung stehen im Fokus.

Vor fünf Jahren haben die UNO-Mitgliedstaaten 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) formuliert. Sie sollen bis 2030 erreicht werden. Die Ambitionen sind hoch: Sie reichen von Ausmerzen der Armut und des Hungers über Gesundheit und Wohlergehen, menschenwürdiger Arbeit, nachhaltig produzieren und konsumieren bis hin zu Klimaschutz und Frieden.

«Einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der SDG» will auch die Schweizer Textil- und Bekleidungsbranche leisten. Nach zweijähriger Vorarbeit haben die drei Verbände Swiss Textiles, Swiss Fair Trade und Amfori, ein globaler Wirtschaftsverband «für nachhaltigen und offenen Handel», das Programm Sustainable Textiles Switzerland 2030 (STS 2030) gestartet.

In dessen Rahmen will man die gesamte Wertschöpfungskette der Schweizer Textil- und Bekleidungsbranche auf mehr Nachhaltigkeit trimmen. Nina Bachmann, Leiterin Technologie und Umwelt bei Swiss Textiles, räumt ein:

Doch: «Wir wollen die einzelnen Nachhaltigkeitsziele genau anschauen und konkrete Schritte ausarbeiten, wie wir einen Beitrag leisten können.»

Vernetzung mit dem Ausland ist ein Knackpunkt

Vorgesehen ist, bis kommenden März «griffige Ziele und Massnahmen zu definieren». Dieser Zeitplan klingt sportlich, sollte aber laut Bachmann dank der Vorarbeit einhaltbar sind. Zumal in der Schweiz und rund um die Welt in den vergangenen Jahren viele Initiativen für mehr Nachhaltigkeit entstanden seien. Hier gelte es sich abzustimmen, Ideen zu bündeln und Synergien zu nutzen, sagt Bachmann.

Wo sieht die hiesige Branche Potenzial für Verbesserungen, um «entlang der gesamten Lieferkette sozial und umweltverträglich zu handeln», wie es beabsichtigt ist? Bachmann nennt in erster Linie die internationale Lieferkette, denn viele Textil- und Bekleidungsfirmen sind mit dem Ausland vernetzt. Die Expertin nennt Themen wie die Verwendung von Materialien, die Rückverfolgbarkeit von Textilien oder Arbeitsbedingungen. Eine weitere Baustelle sei «der Dialog über die gesamte Lieferkette hinweg», sagt Bachmann:

Daraus könnten Pilotprojekte entstehen, etwa die Verarbeitung anderer Materialien oder der Aufbau eines Recyclingsystems. Als Beispiel nennt Bachmann Produktionsabfall wie Schnittkanten. Um dafür einen Abnehmer zu finden, sei ein Unternehmen allein meist zu klein. Spannten aber Firmen zusammen, kämen sie auf grössere Volumen mit besseren Chancen bei Wiederverwertern.

Ein Auge auf die Arbeitskräfte in ärmeren Ländern

Wie Bachmann sagt, will man bis kommenden Frühling messbare Ziele formulieren. Mögliche Punkte seien eine Reduktion des CO2-Fussabdrucks in der internationalen Lieferkette, eine Senkung des Wasserverbrauchs oder der Anteil an Biofasern in der Produktion, stets versehen mit konkreten Zahlen.

Einen klaren Schwerpunkt setzt Swiss Fair Trade, wie Geschäftsführer Philipp Scheidiger sagt:

Priorität habe für Swiss Fair Trade «die Stärkung ihrer Arbeitsrechte und die Erhöhung ihrer Lebensstandards».

Das Programm beruht auf Freiwilligkeit

STS 2030 lädt alle Akteure der Textil- und Bekleidungsbranche ein, sich am Programm zu beteiligen. Bachmann sagt: «Es herrscht aber kein Zwang, es ist freiwillig.»

Aufgrund der Erfahrungen in den Arbeitsgruppen im Rahmen der zweijährigen Vorarbeit äussert sich die Expertin aber überzeugt, dass es regen Zulauf geben wird. Anschliessend will STS 2030 die Unternehmen begleiten und sie dabei unterstützen, ihre Ziele zu erreichen. Nina Bachmann sagt: «Es geht auch darum, dass die Firmen gegenseitig voneinander lernen, zum Beispiel wie man ein Problem konkret lösen kann.»

STS 2030 selber wird vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) und vom Bundesamt für Umwelt unterstützt. Denkbar sei zudem, die Trägerschaft, die sich auf die drei Verbände stützt, künftig auszubauen.

Das können Sie als Konsumentin tun

Durch bewusstes Einkaufen können Konsumentinnen und Konsumenten zu mehr Nachhaltigkeit beitragen.

Durch bewusstes Einkaufen können Konsumentinnen und Konsumenten zu mehr Nachhaltigkeit beitragen.

Welche Möglichkeiten haben Konsumentinnen und Konsumenten für einen verantwortungsvollen Konsum von Textilien und Kleidern? Silke Weinig, Trainerin, Coach und Bloggerin für Selbstmanagement, und Brigitte Frank von der biz.dress AG haben ein paar Ratschläge parat:

1. Konsumenten sollten darauf achten, wo und wie die Produkte hergestellt werden und unter welchen Bedingungen. Brigitte Frank schreibt in einem Gastbeitrag auf Weinigs Website:

Der kostenlose «Label Guide» von Public Eye bietet Orientierung im Dschungel an Informationen, Marken und Gütesiegeln. Allerdings, so Public Eye: «Die äusserst komplexen Lieferketten in der Textilindustrie machen es praktisch unmöglich, dass ein Label die sozial- und umweltverträgliche Produktion von Kleidung umfassend und glaubwürdig garantieren kann.»

Brauch ich das Teil wirklich?

2. Überlegen Sie vor allem beim Kauf von Billigprodukten, ob Sie diese wirklich brauchen. Selbst wenn es noch so günstig erscheinen mag: Jedes produzierte Kleidungsstück bindet wertvolle Ressourcen mit Materialeinsatz, Arbeitszeit und Transportwegen.

3. Stellen Sie sich eine Basisgarderobe zusammen, die 20 bis 30 Kleidungstücke umfasst, die alle untereinander kombinierbar sind. Diese Basisstücke dürfen von guter Qualität sein, so haben Sie lange Freude daran und sind immer gut angezogen. Tipps für eine gelungene Zusammenstellung etwa für die Businessfrau finden Sie im Internet beispielsweise unter dem Begriff «Capsule Wardrobe.

Einkaufen mit Genuss

4. Verlängern Sie die Nutzungsdauer Ihrer Kleidung. Statt immer wieder etwas Neues zu kaufen, verlangsamen Sie Ihren Kleidungskonsum. Geniessen Sie Ihre Einkäufe, zelebrieren Sie sie. Das stärkt den Genuss und spart Zeit und Geld.

5. Kleidungsstücke müssen nicht nach jedem Tragen gewaschen oder gereinigt werden. Oft hilft auch Auslüften und am nächsten Tag ein anderes Kleidungsstück tragen. Weniger waschen, waschen bei niedrigen Temperaturen und der Verzicht auf den Wäschetrockner sparen Energie und Geld.

Aus alt mach neu – manchmal reicht ein Knopf

6. Kaufen Sie gut erhaltene Kleidungsstücke im Second-Hand- Laden oder besuchen sie eine Kleidertauschbörse. Wie wäre ein selbstorganisierter Kleidertauschabend im Bekannten- und Freundeskreis?

7. Nutzen Sie die Variante «Kleider-Upcycling» – aus alt mach neu. Manchmal reicht schon ein neuer Knopf. Sollten Sie selbst nicht Hand anlegen wollen, können Sie in einer Schneiderei nachfragen.

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