Tourismus

Aus dem nichts wird Bettina Zinnert über Nacht zur Chefin von drei Hotels

Bettina Zinnert vor dem Hotel Belvedere in Wengen.

Bettina Zinnert vor dem Hotel Belvedere in Wengen.

Bettina Zinnert machte Karriere als Investmentbankerin, bevor sie mit knapp 30 Jahren quasi über Nacht zur Chefin von drei der geschichtsträchtigsten Hotels in Wengen wurde. Fast ein ganzes Dorf fragte sich: Kommt das gut?

Als sie anfing, war die Skepsis gross. Ausser Bettina Zinnert selbst, glaubte im Frühjahr 2015 kaum jemand daran, dass sie als Geschäftsleiterin der Wengen Classic Hotels erfolgreich sein könnte. Knapp 30 Jahre war sie alt, als sie den Posten übernahm. Sie hatte keine Wahl. Ihr Vater verstarb wenige Tage zuvor an den Folgen einer Lungenentzündung. Von heute auf morgen – quasi aus dem Nichts.

, gesteht Zinnert.

Ein sinkendes Schiff! Das denken damals viele über die drei Hotels der Familie Zinnert. Rund 70 Angestellte während der Saison, bis zu 400 Gäste pro Nacht. Einer der gewichtigsten Hotel-Player der Jungfrauregion, ein wankender Riese. «Ich war immer überzeugt, dass wir das schaffen», so die heute 34-Jährige. Aber es gab viele Zweifler. Denn sie war Quereinsteigerin, machte zuvor Karriere bei der Bank. Die Rolle der Hotelchefin war ihrer Schwester Andrea zugedacht.

Auf einer Familienreise nach New York kurz vor der Jahrtausendwende entdeckt Bettina ihre Liebe zum Investmentbanking. Sie besuchen die Wall Street. Der elektronische Handel ist da noch Zukunftsmusik. Es wird gestikuliert, geschrien und gefuchtelt. Ein wildes Chaos. Zinnert hat Hühnerhaut, so fasziniert ist sie. Matura, BWL-Studium in Bern und nach dem Bachelor ein Praktikum. Das Ziel? Der «Trading Floor» bei einer Grossbank.

Als eine von drei Frauen unter 100 Männern

Tag 1 ihres Praktikums. Ihr Boss öffnet die Tür zum Grossraumbüro. Über 200 Leute, Screen an Screen, Börsenkurse, Zinsen, News-Meldungen, ein riesen Lärm – und ein noch grösseres Lachen in ihrem Gesicht. Sie weiss: «Hier will ich hin.» Umzug nach Zürich, Master in Finanzwirtschaft nach dem Praxisjahr. Und dann geht sie doch zuerst ins Beratungsgeschäft. Weil man ihr eingetrichtert hatte: «Fürs Traden musst du nicht studieren.»

Power-Point-Präsentationen vor der Geschäftsleitung, ewige Sitzungen – als Beraterin ist ihr schnell langweilig. Sie braucht wieder Action, vermisst das Adrenalin beim Handel mit teils ­gigantischen Summen. Sie ruft ihren ehemaligen Boss an, kriegt eine Stelle als Sales-Managerin. Aber Zinnert setzt sich durch, schnell steigt sie zur Traderin auf, handelt mit dem Pfund, eine der wichtigsten Währungen. Die Atmosphäre im Trading ist Testosteron geschwängert. Nur drei Frauen arbeiten unter 100 Händlern. Der Nervenkitzel, das raue Klima: «Ich habe es geliebt», sagt sie und ihre Augen funkeln.

Im Sommer 2014 das jähe Ende. Sie kündet. Kurz zuvor hat sich ihre Schwester entschlossen, ihrem Herzen zu folgen und nach Deutschland zu ihrem Mann zu ziehen und dafür auf die Hotels zu verzichten. Der Verkauf steht im Raum. Bettina sträubt sich dagegen. Darum die Kündigung, ein Asien-Trip und dann der Einstieg ins Hotel-­Business im Winter 2014.

Sie soll sich einarbeiten. An der Front stehen immer noch ihre Eltern, vor allem der Vater. Kein halbes Jahr vergeht, dann stirbt ihr Vater. Ein Schock für alle, Familie, Angestellte und Gäste. Bettina übernimmt in der Zwischensaison. Wie in Trance seien diese ersten Monate gewesen, sie habe kaum Erinnerungen an den Sommer 2015.

«Ohne die Zeit im Investmentbanking hätte ich das niemals gestemmt», sagt sie heute. Längst hat sie sich als Hotel-­Unternehmerin etabliert, sitzt unterdessen auch im Vorstand des Wengener Hoteliervereins und im Verwaltungsrat der Berner Oberland Bahn. 2015 aber schlottern ihr die Knie. Das Risiko, die Verantwortung. «Ich war es gewohnt, mit grossen Geldsummen zu handeln, aber plötzlich war ich für Menschen verantwortlich.» Damals wie heute ist die Mutter an ihrer Seite. Als «Heinzelfrau» im Hintergrund. Buchhaltung, Administration, solche Dinge.

Fehlt ihr das Adrenalin, geht sie Gleitschirm fliegen

Fehlt ihr mal das Adrenalin, schnappt sie sich den Gleitschirm und fliegt über die Abhänge ins Tal. Ansonsten ist sie ganz in die Rolle des Vaters geschlüpft. Sie ist der Kopf, weibelt für eine glorreiche Zukunft. Denn nicht immer sind die Hotels so gut gefüllt wie dieser Tage während der Lauberhorn-Rennen. In ihren drei Hotels ist nicht nur die Schweizer Ski-Nationalmannschaft (Belvedere) untergebracht, sondern auch die Österreicher (Silberhorn) und die Deutschen (Wengener Hof).

Schon nächste Woche ist es deutlich ruhiger. Längst ist die Auslastung im Sommer grösser als in den Wintermonaten. Dann kommen Amerikaner und Asiaten, geniessen die Berglandschaft, fahren aufs Joch. «Wir müssen den Leuten sagen, warum sie zu uns kommen sollen», sagt Zinnert. Darum reist sie schon bald für zwei Wochen in die USA, weibelt, um neue Gäste anzulocken. Das Leben einer Hotelchefin eben.

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