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Bank-Chef fordert: «Wir müssen Hypothekarmarkt radikal reformieren»

Der Chef der Basellandschaftlichen Kantonalbank, Beat Oberlin, fordert, dass die steuerliche Begünstigung von Wohneigentum aufgehoben wird. Im Gespräch erklärt er auch, wie sich die Währungspolitik der Nationalbank auf die Schweiz auswirken wird.

Als grösstes Risiko für sein Hypothekar-Portfolio bezeichnet Beat Oberlin (60), Chef der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB), ein heftiges Erdbeben. Deshalb schloss die BLKB für jeden Hypothekarschuldner eine Erdbebenversicherung ab. Sie ist für die Kunden kostenlos. Folgen für die Bank und die Kunden haben hingegen die Negativzinsen, welche die Nationalbank eingeführt hat, um den starken Franken zu schwächen. Der bleibt weiter stark, sagt Oberlin. Gar noch härter machen könnte den Franken ein Austritt Griechenlands aus dem Euro-Raum.

Herr Oberlin, die Nationalbank warnt vor einem «Grexit«. Was hiesse dies für die Schweiz?

Beat Oberlin: Das ist schwierig zu beurteilen. Auf unser Geschäft und auf unsere Region wird sich das auch auswirken. Die Pharma- und Life-Science-Industrie kann hier negative Effekte eines «Grexits» spürbar glätten.

Nur würde der starke Franken wegen der steigenden Unsicherheit an den Märkten wohl noch stärker?

Im Krisenfall suchen Anleger nach Sicherheit und Stabilität. Werte, welche die Schweiz auszeichnen. Daher wird der Druck auf den Franken zunehmen, weil es kaum schon einen Plan B gibt, wie auf ein «Grexit» reagiert werden soll. Den Stecker zu ziehen, ist einfach. Aber offen ist, ob die Drachme reaktiviert oder der Kapitalverkehr eingeschränkt wird. Das verunsichert die Märkte.

Was heisst dies für die Wirtschaft?

Auch wenn nun die Konjunkturerwartungen nach unten korrigiert werden: Die Auswirkungen des starken Frankens werden heute noch unterschätzt. Die Exportindustrie wird weiter leiden, weil sie Preiskonzessionen eingehen muss. Die Frage stellt sich dann, wie lange diese tragbar sind, ohne Arbeitsstellen abzubauen oder ins Ausland zu verlagern. Bleibt der Franken länger so stark, werden einige Unternehmen leider schliessen.

Wie wird sich der Eurokurs in den nächsten Monaten entwickeln?

Wir müssen zufrieden sein, wenn sich der Euro ohne zusätzliche Massnahmen der Nationalbank auf dem Niveau von Fr. 1.00 bis 1.05 halten kann. Die Nationalbank kann aktuell höchstens tiefere Negativzinsen oder Kapitalverkehrsbeschränkungen einführen. Das wäre fatal. Für uns als Bank wären noch tiefere Negativzinsen ein ungünstiges Szenario, ganz zu schweigen von den Auswirkungen auf die Rendite der Pensionskassen. Sie verteuern die Absicherung von Krediten weiter. Zudem lassen sich Negativzinsen nicht so effektiv absichern wie steigende Zinsen.

Wie wirkt sich die Währungspolitik der Nationalbank aus, die sie bis 2017 weiterführen will?

Produzierende Firmen belastet hauptsächlich der Wechselkurs. Bei uns führte die Aufhebung des Euro-Mindestkurses zu unbedeutenden Wertkorrekturen, die sich kompensieren lassen. Aber für eine Retailbank wie die unsere mit einem dominanten Zinsgeschäft sind die Negativzinsen eine echte Herausforderung. Die Absicherung einer Festhypothek mit einer Laufzeit von 10 Jahren kostet uns respektive den Kunden rund 1,1 Prozent. Dazu kommen steigende Eigenkapitalkosten. Daher verlangen wir für eine 10-jährige Festhypothek aktuell zwei Prozent, obwohl ja die Zinsen nach dem 15. Januar gefallen sind.

Die Sparer erhalten auf ihrem Geld keinen Zins mehr. Versiegt nun der Zufluss, den Sie für die Refinanzierung Ihrer Firmen- und Hypothekarkredite benötigen?

Nein. Wir stellen zwar fest, dass gewisse Kunden mehr Geld für Konsumgüter ausgeben. Diese Ausgaben sind aber überschaubar. Sie kaufen beispielsweise ein neues Auto oder leisten sich teurere Urlaubstage. Ein anderes Thema sind Investitionen in Immobilien. Die Eigentümer leisten sich einen höheren Ausbaustandard. Dieser zusätzliche Luxus wird möglicherweise später bestraft, weil die Immobilie schwieriger zu verkaufen ist.

Und Sie fragen sich, wie lange kann sich dies ein Käufer leisten?

Wenn die Zinsen raufgehen, muss der Käufer den Unterhalt der Immobilie und die Hypothek weiter mit seinem Einkommen finanzieren können. Dieser Aspekt wird oft vernachlässigt. Offen ist nämlich, ob die Einkommensverhältnisse eines Käufers über die Laufzeit einer Hypothek wirklich gleich bleiben. Insbesondere bei der jetzigen, aktuell unsicheren Wirtschaftslage. Das erhöht unsere Risiken. Nur kann ich diese nicht mit einer Margenerhöhung abdecken.

Weil Sie preislich unterboten würden, sich so selbst aus dem Markt werfen?

Genau. Das ist der Punkt. Gewisse Banken benötigten nach dem 15. Januar bis zu zwei Wochen, bis sie realisiert hatten, dass die Nationalbank-Entscheide ihre Finanzierungskosten erhöhten. Sie stellten Preise, welche die Kosten ungenügend deckten. Entsprechend negativ wirkt sich dies auf das Zinsergebnis aus. Wir passten unsere Kreditkonditionen bereits am Tag danach an.

Aber auch Sie haben Ihr Hypothekarvolumen seit 2010 alljährlich um 3,6 bis 6,4 Prozent erhöht. Kommt es auch dann gut, wenn es doch einen Immobilien-Crash gibt?

Das wissen wir erst im Nachhinein. Aber wir haben alles Nötige vorgekehrt, um die Risiken erfolgreich zu bewirtschaften. Wir haben ein ausgewogenes Wachstum bei Wohneigentum und gewerblichen Liegenschaften. Zudem vertreiben wir als erstes Finanzinstitut Online-Hypotheken ausserhalb unseres Stammgebiets über die Internetbank Swissquote, an der wir ja mit 5 Prozent beteiligt sind. So ist es uns gelungen, das Portfolio auch regional besser zu diversifizieren.

Wie hoch ist hier das Volumen?

Auf diesem Weg haben wir Hypotheken für rund 600 Millionen Franken abgeschlossen. Im Baselbiet erzielten wir strategiegemäss ein unterdurchschnittliches Wachstum. Im Vergleich zu anderen Retailbanken gehen wir bei der Hypothekarvergabe unterdurchschnittliche Risiken ein, weil wir unsere Vergabekriterien verschärft haben.

Würde einer der Pharmariesen seinen Hauptsitz oder seine Forschungsaktivitäten verlagern, bekämen Sie aber grosse Probleme?

Das würde die gesamte Region hart treffen. Darunter würden auch Zulieferer leiden oder Gewerbebetriebe, bei denen Mitarbeiter einkaufen. Daher ist für uns enorm wichtig, dass die Rahmenbedingungen weiter so bleiben, dass diese Konzerne profitabel arbeiten können.

Mit den Negativzinsen erhöhen sich auch die Risiken Ihrer Hypothekarkunden. Wie sieht denn dies aus?

Wer eine Hypothek mit einer Laufzeit von 10 Jahren vorzeitig auflösen muss, verliert möglicherweise seine ganzen Eigenmittel. Denn er muss gegenüber der Bank für den Schaden der Auflösung aufkommen.

Wissen dies Ihre Kunden?

Sie müssen es wissen; es steht im Vertrag. Aber es führt immer wieder zu Überraschungen und verkompliziert den Verkauf einer Immobilie. Generell fordere ich, dass die Amortisation von Hypothekarkrediten besser belohnt wird als unter dem bestehenden Steuerregime. Konkret: Anders als bis heute soll die Schuld verringert werden. Das fordert auch der Schlussbericht der Expertengruppe zur Weiterentwicklung der Finanzmarktstrategie, deren Mitglied ich bin.

Weisen Ihre Mitarbeiter Ihre Kunden auf diese Risiken hin?

Die Kunden sind im heutigen Umfeld auf die möglichen Konsequenzen einer langen Bindung hinzuweisen. Verändern sich die Lebensumstände eines Kunden, kann dies zur Auflösung des Vertrags führen. Die Last trägt der Schuldner.

Mittlerweile sorgt die hohe Verschuldung der Schweiz international für Schlagzeilen. Zu Recht?

Die Schweiz hat die weltweit höchste Verschuldung von Privatpersonen, weil Hypotheken nicht amortisiert werden. Dazu trägt auch das Steuersystem bei. Die Abzüge für Hypothekarzinsen und Investitionen in die Immobilie übersteigen die Belastung durch den Eigenmietwert. Daher müssen wir den Hypothekarmarkt radikal reformieren und das Steuerregime ändern. In der jetzigen, überhitzten Marktsituation muss alles aufgehoben werden, was unter dem Stichwort Eigentumsförderung gemacht wird. Man schüttet kein Benzin ins Feuer, um es zu löschen.

Wollten Kunden die Hypothekarbelastung abbauen, waren Banker noch vor kurzem nicht begeistert. Ihnen war lieber, freie Mittel in Wertschriften zu investieren, um höhere Depotgebühren zu generieren. Sie wohl auch?

Nein. Das Problem ist ein anderes. Alle unsere Wohlstands- und Vermögensmodelle bauten auf Wachstum auf und auf positive Zinsen. Pensionskassen müssen eine Rendite von rund vier Prozent erzielen, um ihre Verpflichtungen erfüllen zu können. Daher sind die Folgen der Nationalbankentscheide vom 15. Januar tiefgreifender, als man heute annimmt. Der Franken ist stärker geworden. Die Exportindustrie leidet darunter. Banken haben höhere Absicherungskosten und Pensionskassen erzielen tiefere Renditen. Das wird starke, auch gesellschaftliche Auswirkungen haben.

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