Interview
Coop-Präsident Loosli prophezeit dauerhaften Rückschlag für den Einkaufstourismus: «Viele Leute erkennen es jetzt»

Er führt gleich zwei der grössten Schweizer Unternehmen. Jetzt steht Hansueli Loosli, 65, als Verwaltungsratspräsident von Coop und Swisscom vor dem Rücktritt. Im grossen CH-Media-Interview spricht er über das Einkaufen der Zukunft, er stellt die 51-Prozent-Mehrheit des Bundes bei Swisscom infrage – und verrät, was er künftig macht.

Patrik Müller
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Hansueli Loosli, Verwaltungsratspräsident Coop und Swisscom, in seinem Büro in Baden.

Hansueli Loosli, Verwaltungsratspräsident Coop und Swisscom, in seinem Büro in Baden.

Severin Bigler / 18. Dezember 2020

In Zeiten von Corona und Homeoffice ist das private Büro von Hansueli Loosli in Baden gewissermassen zur Konzernzentrale von Coop und Swisscom geworden. An der Wand hängt ein grosser Bildschirm, Videokonferenzen prägen den Alltag. Im Frühjahr gibt der 65-Jährige, der seine Karriere als Lehrling bei Volg gestartet hat, beide Ämter ab.

In Pension geht er aber nicht. Loosli berät künftig Unternehmen und nimmt Verwaltungsratsmandate wahr. «Zudem möchte ich wieder mit Reiten anfangen», erzählt Loosli, dessen Vater – ein Bauernsohn – Kavallerist war. Loosli will zudem Klavierspielen und Italienisch lernen.

Seit mehr als zehn Jahre führen Sie zwei der wichtigsten Schweizer Unternehmen. Das bedeutet Macht. Was löst in Ihnen die Vorstellung aus, bald ein ganz normaler Bürger zu sein?

Hansueli Loosli: Nichts Besonderes. Ich habe mich immer als ganz normalen Bürger gesehen. Mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen, das war und ist eines meiner Grundprinzipien. Und Macht... eigentlich spüre ich die gar nicht wirklich.

Obwohl Sie Macht haben.

Ich bezweifle das. Macht hat vielleicht ein Firmeninhaber, der alles allein entscheiden kann. In Unternehmen wie Coop und Swisscom sind die Macht und mit ihr die Verantwortung verteilt.

Hansueli Loosli beim Interview mit Patrik Müller.

Hansueli Loosli beim Interview mit Patrik Müller.

Severin Bigler

Jetzt untertreiben Sie. Sie sind der oberste Verantwortliche von zwei der grössten Unternehmen in der Schweiz.

Von innen her fühlt es sich nicht als Machtposition an. Ich behaupte, mich hat schon die Wahl zum Chef von Coop Schweiz im Jahr 1996 nicht gross verändert. 1999 war die Fusion zu einer einzigen Genossenschaft – das Projekt Coop forte – der strategisch wichtigste Entscheid für unsere Gruppe. Ich schrieb im selben Jahr auf ein Papier zuhanden des damaligen Verwaltungsratspräsidenten: Ich bleibe nicht länger als zehn Jahre Chef, denn dann benötigt es neues Blut. Weil dann mein Stellvertreter gesundheitliche Probleme hatte, ging es ein bisschen länger. Das zeigt, ich kann gut loslassen.

Nun gut, Sie wurden ja dann Verwaltungsratspräsident. Nicht nur von Coop, sondern auch von Swisscom. Kann man ein solches Doppelmandat wirklich seriös ausüben?

Die bisherigen Ergebnisse bezeugen, dass es möglich ist. Es ist eine Frage der Organisation und der Führung. Ein Verwaltungsratspräsident ist nur gut, wenn er einen guten Verwaltungsrat und der wiederum eine fähige Geschäftsleitung eingesetzt hat. Und wenn die Zusammenarbeit im Verwaltungsrat und mit der Geschäftsleitung funktioniert, dann ist sehr viel möglich. Beides ist bei Coop und Swisscom der Fall.

«Schweizer des Jahres» in der Kategorie Wirtschaft 2004: Hansueli Loosli, u.a. mit Micheline Calmy-Rey (Politik) und Roger Federer (Sport).

«Schweizer des Jahres» in der Kategorie Wirtschaft 2004: Hansueli Loosli, u.a. mit Micheline Calmy-Rey (Politik) und Roger Federer (Sport).

Keystone

Was ist gute Führung?

Der entscheidende Punkt in jeder Führungsposition ist: Man muss die Menschen gern haben. Auf eine ehrliche Art.

Was bedeutet Ehrlichkeit?

Es gibt sicher auch Manager, die sich primär nicht wirklich für die Menschen interessieren, sondern eher für Technik und Prozesse. Ich habe in meiner CEO-Zeit pro Jahr 600 Filialen besucht. Nicht weil ich dachte, das müsse ich, sondern aus Respekt den Mitarbeitenden gegenüber, aus Neugier, weil es die Angestellten schätzten, und weil ich jedes Mal etwas lernte.

Verstehen Sie sich als Patron?

Auf jeder Führungsstufe sollte man ein Stück weit so handeln, als wäre man sein eigener Unternehmer. Sie können sich nicht vorstellen, was es bei unseren Coop-Angestellten ausgelöst hat, dass sie zuerst im Sommer und jetzt nochmals 500 Franken als Corona-Prämie erhalten haben. Das gibt Identifikation und Motivation, die viel mehr wert ist als diese 1000 Franken, und die hilft, Projekte und Reformen durchzuführen, bei denen alle mitziehen.

Zur Person: Vom Volg-Stift zum Mister Coop

Hansueli Loosli, 65, wuchs in einem Volg-Laden in Würenlos AG auf. Der zweifache Vater und Grossvater lebt auch heute in der Region Baden. Er absolvierte eine KV-Lehre bei Volg sowie diverse Ausbildungen im Bereich Finanzen. Mit 36 Jahren wechselte er zu Coop, wo er Karriere machte.

1997 wurde Loosli CEO. Ihm gelang das Kunststück, die Coop-Genossenschaften zu einer einzigen Gesellschaft zu fusionieren. 2011 wurde Loosli VR-Präsident. Seit zwölf Jahren ist er auch Swisscom-VR, die letzten zehn Jahre als Präsident. Wegen der Amtszeitbeschränkung tritt er im Frühling 2021 zurück. (pmü)

Führen Sie aus dem Bauch heraus?

In vielem, ja. Etwa bei der Anstellung von Kaderleuten. Assessments sind gut und recht, aber ob jemand passt, das habe ich immer aus dem Bauch heraus entschieden – und bin damit gut gefahren.

Sie haben bei Coop als 36-Jähriger angefangen. Was war, nebst der Coop-forte-Fusion, Ihre wichtigste Entscheidung?

Konsequent auf Qualität und Preis sowie auf eigene Produktivität zu setzen. Mir war früh klar, dass irgendwann die ausländischen Discounter in die Schweiz kommen würden. Darum ­haben wir rechtzeitig die Kosten heruntergefahren, gegen 20 kleinere Lagerhäuser geschlossen und neue, grössere wie Schafisheim gebaut und voll auf die Digitalisierung gesetzt. Dies alles ohne Entlassungen. So wurden wir wettbewerbsfähiger, gewannen Marktanteile und waren gewappnet, als Aldi und Lidl dann tatsächlich kamen. Aber ich sagte auch immer: Billig sein kann jeder. Die Kunst ist eine andere, nämlich Mehrwert zu schaffen und zu verkaufen.

Man nennt ihn auch «Mr. Coop»: Seit 30 Jahren arbeitet Hansueli Loosli beim Detailhandelsriesen, hier auf einer Archivaufnahme 2005.

Man nennt ihn auch «Mr. Coop»: Seit 30 Jahren arbeitet Hansueli Loosli beim Detailhandelsriesen, hier auf einer Archivaufnahme 2005.

Martin Ruetschi / KEYSTONE

Darum haben Sie als erster grosser Detailhändler erkannt, dass Bio zum ganz grossen Geschäft werden kann.

Wir starteten nach Oecoplan 1989 im Jahr 1993 mit Naturaplan für Lebensmittel, 1995 mit Naturaline für Textilien und Kosmetik. Am Anfang hiess es: Alles nur ein Marketing-Gag! Dabei haben wir enorm in die Forschung und Entwicklung investiert, die Zusammenarbeit mit der Bio Suisse aufgebaut, und das zahlte sich aus. Gesunde Ernährung, Umweltschutz und Regionalität sind Mega-Trends, die sich noch verstärken werden, aber genauso wird der Preis immer eine wichtige Rolle spielen.

Inzwischen ist die Marge bei Bio-Produkten am höchsten.

Nein. Hätten wir dieselbe Marge wie auf konventionellen Produkten, wäre Bio viel zu teuer.

Bio-Produkte sind auch so teuer!

Das sehe ich anders. Hätten wir wie die Deutschen nur auf den Preis geschaut, gäbe es in der Schweiz an sehr vielen Orten keine Landwirtschaft mehr. Wir haben es besser gemacht, darum gibt es bei uns nicht diese Aufstände der Bauern gegen den Einzelhandel und die Verarbeiter, wie wir sie zuerst in Frankreich und jetzt auch in Deutschland sehen. Der Wert von Lebensmitteln ging vor Corona fast etwas vergessen, jetzt wird allen vor Augen geführt: Das sind Mittel zum Leben!

Kann sich die Schweiz das höhere Preisniveau langfristig leisten?

Die Schweizer geben durchschnittlich nur 8 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus, die Deutschen 11 und die Franzosen 13 Prozent. Wir sind also nicht teuer. Entscheidend sind nicht die absoluten Preise, sondern die Kaufkraft. Schauen Sie einmal, was ein Lastwagenchauffeur oder eine Kassiererin in der Schweiz verdient und vergleichen Sie das mit Deutschland oder Frankreich. Das sind Welten.

Das Doppelte?

Mindestens, hinzu kommt, dass unsere Steuern viel tiefer und die Altersvorsorge viel besser sind. Nirgendwo geht es den allermeisten Leuten so gut wie in der Schweiz.

Haben Sie keine Angst, dass wir den Wohlstandsvorsprung verlieren? In den 1990er-Jahren ging man von einer Nivellierung aus, es hiess, die Schweizer Löhne seien 30Prozent zu hoch.

Blödsinn. Wir müssen nicht runter, sondern immer hoch produktiv bleiben, und die anderen Länder müssen rauf mit den Löhnen. In Europa erkennt man langsam, dass ein reiner Preiskampf nur alle ärmer macht. Im Osten – in Polen, Rumänien – steigen die Löhne um 6 bis 10 Prozent pro Jahr. Das ist gut für die Kaufkraft und auch für uns.

Zwei Konkurrenten werben gemeinsam für die Schweizer Bauern: Hansueli Loosli (l.) und der damalige Migros-Chef Herbert Bolliger auf einem Plakat im Jahr 2006.

Zwei Konkurrenten werben gemeinsam für die Schweizer Bauern: Hansueli Loosli (l.) und der damalige Migros-Chef Herbert Bolliger auf einem Plakat im Jahr 2006.

SBV

Zurzeit profitieren Coop und der Schweizer Detailhandel davon, dass der Einkaufstourismus lahmgelegt ist.

Das wird sich ja wieder ändern. Aber jetzt entdecken viele Einkaufstouristen die Vorteile des Einkaufens in der Nähe. Und sie realisieren, dass es fast für alles auch hierzulande Produkte gibt, die ebenso günstig sind. Unsere Prix-Garantie-Linie umfasst bereits über 1000 Artikel.

Wird die Pandemie den Einkaufstourismus dauerhaft zurückbinden?

Zu einem gewissen Teil ja. Viele Konsumenten erkennen, wie viel Zeit und auch Kosten fürs Auto sie sparen, wenn sie nicht rüberfahren.

Kommt mit der Impfung der grosse Wirtschaftsaufschwung?

Noch nicht so schnell. Das erste Quartal wird schwierig werden. Doch das Licht am Ende des Tunnels ist in Sicht. Je mehr Leute sich impfen lassen, umso schneller geht es.

Die Skepsis ist in weiten Teilen der Bevölkerung gross.

Man muss informieren und aufklären. Impfen ist ja eigentlich nichts Besonderes, die Mutter hat uns deshalb ja schon früher zum Doktor mitgenommen. Und wenn wir eine Reise in ein entsprechendes Land machen möchten, müssen wir uns vorgängig auch impfen lassen.

Sie sind Chef von zwei grossen Arbeitgebern. Empfehlen Sie Ihren Angestellten ausdrücklich, sich impfen zu lassen?

Ich bin dagegen, dass Arbeitgeber derart in die Privatsphäre ihrer Angestellten eingreifen. Es ist nicht unsere Aufgabe, den Leuten zu sagen, dass sie sich impfen lassen sollten. Das muss jeder selber wissen. Es geht um Information und Aufklärung, nicht ums Druck­machen.

In gewissen asiatischen Ländern dürfen nur geimpfte Kunden in die Läden.

Das ist völlig undenkbar bei uns. Wir haben Schutzkonzepte, die die persönliche Freiheit respektieren.

Auch die Swisscom ist in der Pandemie gefordert. Die Netze werden wegen des Homeoffice-Booms stark beansprucht. Im Frühjahr gab es eine Pannenserie, die sogar Notruf-Nummern betraf.

Das war schlecht, wir haben die Lehren daraus gezogen und uns entschuldigt. Insgesamt aber funktionieren unsere Systeme hervorragend, das zeigte sich bei Corona. Die Swisscom ist technologisch top, das beweisen auch alle gewonnenen Tests 2020.

Für die Swisscom, deren Präsident Hansueli Loosli ist, war 2013 ein Krisenjahr - da nahm sich CEO Carsten Schloter das Leben. Im Bild gratuliert Loosli dem neuen CEO Urs Schaeppi (rechts) zum Chefposten.

Für die Swisscom, deren Präsident Hansueli Loosli ist, war 2013 ein Krisenjahr - da nahm sich CEO Carsten Schloter das Leben. Im Bild gratuliert Loosli dem neuen CEO Urs Schaeppi (rechts) zum Chefposten.

Steffen Schmidt / KEYSTONE

Die Pannenserie hat auch Politiker aufgeschreckt. Überhaupt scheint es, dass sich die Politik wieder stärker einmischt bei den bundesnahen Betrieben SBB, Post und Swisscom. Warum?

Einerseits ist es der Zeitgeist, der nicht gerade liberal ist. Andererseits sind in den Unternehmen auch tatsächlich Fehler passiert – Stichwort Postauto-Affäre. Hinzu kommt im Fall der Telekombranche, dass das aktuelle Parlament sich wohl nicht mehr bewusst ist, warum man diesen Markt 1998 liberalisiert hat und was die Langfrist-Idee dahinter war. Diese ist nach wie vor richtig, denn die Kunden profitieren von besseren Produkten und tieferen Preisen – und zudem haben der Bund und die übrigen Aktionäre in den letzten Jahren Milliarden von Dividenden kassieren können.

Der Bund hält nach wie vor 51 Prozent der Aktien. Wäre es Ihnen lieber, wenn er in der Minderheit wäre?

Diese Frage muss die Politik beantworten. Ich sage einfach: Bundesrat und Parlament sind gut beraten, an der ursprünglichen Idee eines liberalen Kurses festzuhalten. Die Öffnung des Telekommarktes hat funktioniert. Ich weiss nicht, wo unser Unternehmen stünde, wenn es immer noch voll staatlich wäre. Und vergessen wir nicht, dass 51 Prozent Bundesbeteiligung auch heisst, dass wir 49 Prozent private Aktionäre haben. Sie haben genauso ihre Rechte, die wir zu respektieren haben.

Ich glaube herauszuhören: Sie würden es begrüssen, wenn der Bund die Mehrheit abgäbe.

In Europa haben die Staaten das fast überall gemacht, es gibt nur noch zwei Länder, wo der Staat die Mehrheit am Telekomunternehmen hat. Auch wenn er auf 35 oder 40 Prozent zurückgeht, kann er über das Gesetz wichtige Punkte regeln, sich etwa das Netz und die Zugänge sichern. In der Schweiz wäre dies auch für Swisscom möglich.

Dass die Tendenz Richtung mehr Staat geht, zeigt sich daran, dass das Parlament eine Lohn-Obergrenze einführen will. Werden Sie Ihrem CEO schon bald den Lohn senken müssen?

Über die Löhne entscheidet in einer börsenkotierten Firma die Generalversammlung. Dort haben der Mehrheitsaktionär Bund und die übrigen Aktionäre den Löhnen immer zugestimmt. Jetzt soll es auf einmal eine Obergrenze geben. Das verstehe ich nicht. Das Beispiel zeigt: Die Politik muss entscheiden, was sie mit der Swisscom will. Mehr oder weniger Staat? Privatisiert oder nicht? Der Bund muss sich seiner Rolle als nicht alleiniger Aktionär bei der Swisscom bewusst sein.

Die Swisscom scheint heute mächtiger denn je, sie versucht gar die Konkurrenz aus dem Markt zu drücken, wie auch die eben angekündigte Untersuchung der Wettbewerbskommission beim Ausbau des Glasfasernetzes zeigt.

Sicher nicht. Niemand wird aus dem Markt gedrückt oder benachteiligt, im Gegenteil, die Mitbewerber profitieren und nutzen diskriminierungsfrei zu regulierten oder kommerziell vereinbarten Bedingungen unsere Netze. Wir werden nun wie kommuniziert gegen die vorsorglichen Massnahmen Beschwerde einreichen.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft. Werden Sie den Wecker auch nach Ihrem Rücktritt noch um 4.30 Uhr stellen?

Das habe ich schon bisher nicht gemacht.

Dann war das eine Zeitungs-Ente?

Nein. Ich erwache um 4.30 Uhr von selbst. Ohne Wecker (lacht). Auch am Sonntag, wobei ich da noch liegen bleibe, vielleicht bis 7 Uhr.