Interview
CS-Präsident Rohner rechnet mit tieferen Boni – und sagt, eine Fusion mit UBS sei «keine abwegige Idee»

Nach zwölf Jahren im Verwaltungsrat tritt Urs Rohner, Präsident der Credit Suisse, zurück. Im Interview mit der «Schweiz am Wochenende» spricht er über die Wahl seines Nachfolgers, dessen Burn-out, sein Verhältnis zu UBS-Präsident Axel Weber und Boni in Zeiten von Corona.

Patrik Müller
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Noch-CS-Präsident Urs Rohner: «Die Dividende soll jedes Jahr um fünf Prozent wachsen.»

Noch-CS-Präsident Urs Rohner: «Die Dividende soll jedes Jahr um fünf Prozent wachsen.»

Claudio Thoma

Es heisst, Sie hätten gern eine Frau als Nachfolgerin gehabt. Nun wird es doch ein Mann, der Portugiese António Horta-Osório, der derzeitige Chef der Lloyds-Gruppe. Warum?

Urs Rohner: Als ich 2011 Verwaltungsratspräsident wurde, gab es nur eine Frau im Verwaltungsrat, bei meinem Austritt werden es fünf sein. In der Konzernleitung sitzen drei Frauen. Da hat sich also einiges verändert. Was das Präsidium betrifft, stand die Geschlechterfrage nicht im Vordergrund. António Horta-Osório hat das Anforderungsprofil am besten erfüllt, darum fiel die Wahl auf ihn.

Haben Sie ihn bereits gekannt?

Ja, wir haben uns vor längerem im Vorstand einer Branchenorganisation kennen gelernt. António ist einer der besten Banker Europas und überzeugt auch in menschlicher Hinsicht.

Von CS-Gründer Alfred Escher bis zu Ihnen: Die Credit Suisse hatte immer Schweizer Präsidenten. War der rote Pass diesmal ein Handicap, weil schon Ihr CEO, Thomas Gottstein, Schweizer ist?

Nein. Es hätte durchaus ein Schweizer VR-Präsident sein können, aber die Auswahl für ein solches Amt ist begrenzt. Wir sind ein global tätiges Unternehmen und haben denjenigen Kandidaten gesucht, der unsere Bank für die nächsten zehn, zwölf Jahre am besten in die Zukunft führen kann. Der Pass war kein Kriterium – die Bereitschaft, in der Schweiz zu sein und sich hier als Präsident zu engagieren, hingegen schon.

Trotzdem ist diese Zäsur in der über 160-jährigen Geschichte der CS bemerkenswert.

Wir sind und bleiben eine Schweizer Bank. Tatsache ist aber auch, dass der grössere Teil unseres Geschäfts international ist. Die Mehrheit unserer Mitarbeitenden sind nicht mehr Schweizer, bei den Aktionären ist es noch deutlicher. Ich halte es jedoch für wichtig, dass eine der beiden Spitzenpositionen – CEO oder VR-Präsidium – in Schweizer Hand ist. Der Heimmarkt bleibt zentral, und die Politik und die Regulierung werden hier gemacht.

Vielleicht wird eine Fusion von UBS und CS realistischer, wenn nun die beiden Banken von Ausländern präsidiert werden – dann fallen die Emotionen weg.

Das glaube ich nicht. Was richtig ist: Ob Kooperationen zu Stande kommen, hängt bei Unternehmen auch davon ab, ob die Chemie zwischen den Handlungsträgern stimmt. Letztlich sind aber die sachlichen Kriterien massgebend.

Zwei Konkurrenten, aber die Chemie stimmt: Urs Rohner (rechts) von der CS mit Amtskollege Axel Weber von der UBS anlässlich des «Bilanz»-Talks.

Zwei Konkurrenten, aber die Chemie stimmt: Urs Rohner (rechts) von der CS mit Amtskollege Axel Weber von der UBS anlässlich des «Bilanz»-Talks.

Markus Senn/Bilanz

Es war offenbar UBS-Verwaltungsratspräsident Axel Weber, der diesmal die Initiative zu Gesprächen ergriff. Passiert ist nichts. Stimmt die Chemie zwischen Ihnen nicht?

Zu diesen Fusionsgerüchten äussere ich mich nicht. Was ich schon sagen kann, und das weiss man in der Branche auch: Die Chemie zwischen Axel Weber und mir war und ist gut.

Abwegig ist die Fusionsidee nicht. UBS und CS sind verglichen mit US-Banken klein und tief bewertet. Eine einzige Schweizer Grossbank hätte grosse Schlagkraft.

Ich behaupte nicht, dass die Idee abwegig ist, ganz im Gegenteil. Man kann sich die Frage einer solchen Fusion durchaus stellen. Jeder VR-Präsident wird, wenn er seine Aufgabe richtig versteht, eine solche Konstellation wie auch andere Szenarien von Zeit zu Zeit durchdenken.

Auch Sie?

Klar, ich habe das mehrfach getan. Aber am Schluss gibt es eine Reihe von Gründen, die Fusionen von Grossbanken sehr komplex machen, in sachlicher und regulatorischer Hinsicht. Hinzu kommen kulturelle Fragen und auch das Timing. Solche Faktoren sind mitentscheidend, ob ein fusioniertes Unternehmen Erfolg hat oder nicht.

António Horta-Osório hat 2011 ein Tabu gebrochen, als er sich wegen eines Burn-outs für zwei Monate zurückzog, und dies als CEO. Wie sehen Sie das?

Ich fand das stark. António stand zu seiner Erschöpfung und brachte das Thema der mentalen Gesundheit aufs Tapet. Der Druck ist in Spitzenpositionen hoch. In allen Branchen, im Bankensektor aber ganz besonders, da er exponiert ist. Insbesondere seit der Finanzkrise sitzen wir alle unter dem Brennglas.

Wie erklären Sie sich das?

In den letzten zehn Jahren haben sich die Banken komplett verändert. Kein Geschäft wird noch so betrieben wie 2011, als ich Präsident wurde. Bankgeheimnis, politische Rahmenbedingungen, Regulierungen, Zinsniveau – nichts ist mehr, wie es war, und obendrauf beschleunigte sich die Di­gitalisierung weiter. Das führte zu Umbauten, mit denen umzugehen nicht einfach ist. In Banken muss man enorme Belastungen ertragen können.

Wie macht man das?

Es braucht eine gewisse Robustheit und ein familiäres oder persönliches Umfeld, das mit dem Druck ebenfalls umgehen kann. Sonst schläft man nicht mehr gut, und dann wird es ganz schwierig. Abschalten ist auch wichtig, Sport kann helfen.

Würden Sie noch länger bleiben, wenn es im Verwaltungsrat keine Amtszeitbeschränkung auf zwölf Jahre gäbe?

Nein, ganz sicher nicht. Ich habe diese Begrenzung ja selber eingeführt, früher lag sie bei 15 Jahren. Das heisst aber nicht, dass mir der Abschied leichtfallen wird. Ich mag diese Firma sehr und werde die Leute vermissen.

Oft treten Bankchefs nicht wegen der Amtszeit zurück, sondern müssen vorzeitig gehen. Sie haben Ihre Kritiker und wiederholte Rücktrittsforderungen überdauert. Sind Sie ein Überlebenskünstler?

Als ich Präsident wurde, wusste ich, dass ich die Bank umbauen muss und dass fundamentale Veränderungen auf Kritik und Widerstand stossen werden. Ich habe dabei sicher auch Fehler gemacht, die grössten vielleicht, indem ich – etwa bei der Digitalisierung – Veränderungen zu wenig schnell und hart vorantrieb. Aber ich nahm meine Verantwortung wahr. Ich bin keiner, der davonläuft, wenn es schwierig wird.

Als Urs Rohner 2011 VR-Präsident wurde, war Brady Dougan (rechts) CEO, 2015 folgte Tidjane Thiam (links). Dieser musste im Februar 2020 zurücktreten, und Thomas Gottstein übernahm.

Als Urs Rohner 2011 VR-Präsident wurde, war Brady Dougan (rechts) CEO, 2015 folgte Tidjane Thiam (links). Dieser musste im Februar 2020 zurücktreten, und Thomas Gottstein übernahm.

Keystone

Die Börsenbewertung der CS liegt tiefer als bei Ihrem Amtsantritt, auch andere europäische Banken sind weniger wert – im Gegensatz zu Branchen wie der Pharma oder Biotech. Vielleicht ist die Zeit der Banken einfach vorbei?

Nein. Es wird wieder möglich sein, den Wert der Bank zu steigern, davon bin ich überzeugt. Aber wir haben eine Phase hinter uns, in der viel Kapital aufgebaut werden musste, und die Regulierung begrenzte das Wachstum. Die CS hat die Voraussetzungen für Wertsteigerungen. Die Strategie stimmt, wir sind gut aufgestellt, können nachhaltige Gewinne erzielen – und zwar in allen vier Divisionen – sowie Dividenden zahlen.

Wachstum gibt es nur, wenn man Risiken eingeht. Sind Sie im Verlauf Ihrer Amtszeit risikoscheuer geworden?

Das müssen andere beurteilen, ich würde sagen, nein. Wir haben in die Digitalisierung und in Wachstumsmärkte investiert und werden dies noch mehr tun. Das grösste Wachstumspotenzial ist nicht unbedingt vor der eigenen Haustür, sondern vielleicht etwas weiter weg.

In Asien haben Sie investiert, aber die USA haben die Schweizer Banken nach dem Steuer-Trauma aufgegeben. Kehrt die CS dorthin zurück?

Wir beschäftigen über 10000 Leute in den USA. Aber es stimmt, wir haben dort kein Vermögensverwaltungsgeschäft, weder on- noch offshore. Das wird man anschauen müssen. Dazu brauchte es aber auch die regulatorischen Voraussetzungen. Als globaler Vermögensverwalter muss man im grössten Markt, und das sind die USA, langfristig sicher wieder aktiv sein.

Sie übergeben Ihr Amt in der grössten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Wie schätzen Sie die Konjunktur aktuell ein?

In der Schweiz haben wir uns bisher wirtschaftlich besser geschlagen als andere Länder, dies auch dank enormer staatlicher Unterstützung. Bislang gab es weniger Konkurse und Kreditausfälle als im Frühling befürchtet. Das wird sich allerdings mit einer gewissen Verzögerung noch ändern. Ich erwarte, dass die erste Hälfte 2021 schwieriger wird. Und es gibt auch Branchen, die sich länger nicht erholen werden – Airlines, Veranstalter, auch die Hotel- und Gastrobranche. Für unsere Exportwirtschaft wiederum ist wichtig, dass China inzwischen fast wieder so gut läuft wie vor Corona.

Die Kreditausfälle werden die Banken treffen. Kann die CS ihre Ziele trotzdem erreichen, auch bei der Dividende?

Die Zahlen nach neun Monaten bestätigen, dass wir auf Zielkurs sind. Die Dividende soll jedes Jahr um fünf Prozent wachsen, darüber hinaus planen wir Aktienrückkäufe. Für die Dividende 2020 haben wir bereits die entsprechenden Rücklagen gebildet, und wir werden ab Januar auch das geplante und bereits bekannte Aktienrückkaufprogramm durchführen können.

Dividenden sind das eine, Boni das andere. Ist es opportun, dass die CS weiterhin so hohe Boni auszahlt, wenn Kunden Kredite nicht zurückzahlen können oder gar in Konkurs gehen?

Die Pandemie ist sicher ein Faktor, den man bei der Festlegung der variablen Entschädigung berücksichtigen wird. Wir müssen aber zuerst das Geschäftsergebnis 2020 abwarten.

Erlauben die Bonus-Bestimmungen überhaupt, weniger zu zahlen, wenn das Geschäftsjahr trotz Corona super wird?

Boni sollen die Leistung widerspiegeln, und da ist die Pandemie ein Rahmenfaktor, der eine Rolle spielt. Dass man nach einem solchen Jahr keine Rekordboni sehen wird, das liegt auf der Hand.

Es könnte auf den Boni also einen Pandemie-Abschlag geben?

So würde ich es nicht benennen, aber die Pandemie ist wie erwähnt ein Faktor.

Zum Schluss: Welches ist der grösste Erfolg und Misserfolg Ihrer Amtszeit?

Ersteres müssen andere beurteilen, Letzteres behalte ich lieber für mich (lacht). Meine persönliche Bilanz ziehe ich dann, wenn meine Amtszeit wirklich vorbei ist.

Urs Rohner: Jurist, Banker, Sportler Der Jurist Urs Rohner, 61, tritt an der Generalversammlung im April 2021 als Präsident der Credit Suisse ab. Er ist seit 2004 für die Grossbank tätig, nachdem er davor als Anwalt sowie als Chef des deutschen Medienkonzerns ProSieben Sat1 gewirkt hat. Rohner begann bei der CS als Chefjurist. 2009 zog er als Vizepräsident in den Verwaltungsrat ein, zwei Jahre später, nach der Finanzkrise, wurde er Verwaltungsratspräsident. Der ehemalige Spitzenhürdenläufer ist vierfacher Vater und lebt mit Nadja Schildknecht (siehe Foto) zusammen, der Gründerin des Zürcher Filmfestivals. (pmü)

Urs Rohner: Jurist, Banker, Sportler Der Jurist Urs Rohner, 61, tritt an der Generalversammlung im April 2021 als Präsident der Credit Suisse ab. Er ist seit 2004 für die Grossbank tätig, nachdem er davor als Anwalt sowie als Chef des deutschen Medienkonzerns ProSieben Sat1 gewirkt hat. Rohner begann bei der CS als Chefjurist. 2009 zog er als Vizepräsident in den Verwaltungsrat ein, zwei Jahre später, nach der Finanzkrise, wurde er Verwaltungsratspräsident. Der ehemalige Spitzenhürdenläufer ist vierfacher Vater und lebt mit Nadja Schildknecht (siehe Foto) zusammen, der Gründerin des Zürcher Filmfestivals. (pmü)

RDB
Auch sportlich gings hoch hinaus: Hürdenläufer Urs Rohner an der Leichtathletik-EM 1982.

Auch sportlich gings hoch hinaus: Hürdenläufer Urs Rohner an der Leichtathletik-EM 1982.

Ullstein Bild