Hochseetouristik

Das Schulzimmer auf die Ostsee verlegt – Studieren auf der Kreuzfahrt

Das Studienobjekt in Aktion Die «Silja Serenade».

Das Studienobjekt in Aktion Die «Silja Serenade».

Die Hochseetouristik boomt. Touristik-Studierende blicken hinter die Kulissen einer modernen Kreuzfahrtfähre, die zwischen Stockholm und Helsinki verkehrt – und lernen nicht nur die positiven Seiten der Branche kennen

Auf der Kommandobrücke der Kreuzfahrtfähre «Silja Serenade» herrscht absolute Ruhe. Wie bei einem U-Boot ist der Raum lediglich mit rotem Licht beleuchtet, sieben Mitglieder der Crew sitzen im Halbdunkeln vor diversen Instrumentenkonsolen. Kapitän Niklas Nordlund (42) und seine Männer sind konzentriert. Denn sie müssen ihr Schiff durch eine schwierige und enge Insellandschaft manövrieren.

Kurz davor hat das Schiff den Hafen «Värtahamnen» in Stockholm verlassen. Schaut man aus den Fenstern, ziehen draussen in der Abenddämmerung und bei nordisch kühl-nebligem Wetter felsige Inseln vorüber, auf denen zum Teil kleine Fischer- und Sommerhäuschen stehen.

Gut 200 Meter lang und 30 Meter breit ist das Schiff der Reederei Tallink Silja, das an diesem Tag 2700 Passagiere in 995 Kabinen von Stockholm nach Helsinki befördert. «Das hier ist ein bisschen wie ein Computergame», scherzt Kapitän Nordlund und zeigt auf einen grossen Bildschirm, auf denen die Wassertiefen, die Inseln, das Schiff und der umliegende Verkehr zu sehen sind.

Längst hat auch in der Schifffahrt der Autopilot das Sagen. Ans Steuer – beziehungsweise an den Joystick – geht der Kapitän nur noch, wenn das Schiff am Hafen an- und ablegt. Die restliche Brückenbesatzung ist aber jederzeit bereit, bei schwierigen Wetter- oder Verkehrsverhältnissen manuell einzugreifen.

Gefängniszelle an Bord

Auf der Schiffsbrücke stehen auch Studierende der Luzerner Höheren Fachschule für Tourismus (HFT). Für drei Tage ist für 71 Studentinnen und Studenten das Schiff ihr Schulzimmer, in dem sie Einblicke in die moderne Schifffahrt erhalten sollen. Ihr Kurs: von Stockholm nach Helsinki und zurück. «Kaum ein anderer Bereich boomt im Tourismus zurzeit so sehr wie die Hochseetouristik. Wer im Tourismus arbeitet, sollte wenigstens ein Grundwissen dieses komplexen Zweigs haben», sagt Thomas P. Illes, Seminarleiter vor Ort, Dozent an der HFT und einer der international bekanntesten Schifffahrtsexperten.

Die Studierenden Laila Murer, Ueli Zrotz und Zoe Stilhart.

Die Studierenden Laila Murer, Ueli Zrotz und Zoe Stilhart.

Unternahmen im Jahr 2009 weltweit insgesamt knapp 18 Millionen Passagiere eine Hochseekreuzfahrt, waren es laut dem Branchenverband Cruise Lines International Association (CLIA) im Jahr 2017 bereits über 26 Millionen. Auch wirtschaftlich ist die Kreuzfahrt weltweit zu einem grossen Tourismus-Player geworden.

Im Jahr 2016 arbeiteten in der Kreuzfahrtindustrie über eine Million Angestellte, die insgesamt rund 41 Milliarden Dollar verdienten. «Die Kreuzschifffahrt ist ein grosser Arbeitgeber im Tourismusbereich. Auch deshalb sollen unsere Studierenden darüber Bescheid wissen.» Laut Illes muss man dafür nicht unbedingt an Bord eines der grossen Kreuzfahrtschiffe gehen. Kreuzfahrtfähren wie die «Silja Serenade» seien auf der Ostsee vor über 30 Jahren die Wegbereiter der modernen Kreuzfahrt gewesen.

Zwar sind sie nicht so luxuriös wie heutige Kreuzfahrtschiffe, dennoch sind auch sie schwimmende Ministädte. Auf der «Silja Serenade» gibt es ein englisches Pub, eine Wellness-Landschaft, Nachtclubs und diverse Restaurants sowie eine grosse Shoppingmall mit zahlreichen Läden, die von den Passagieren gerne aufgesucht werden. Weil das Schiff in internationalen Gewässern verkehrt, kann im Duty-Free-Shop für skandinavische Verhältnisse auch besonders günstig Alkohol gekauft werden.

Wie sich in den drei Tagen zeigt, zieht eine solche Fähre äusserst unterschiedliche Gäste an. So sind auf dem Schiff viele finnische und schwedische Familien mit kleinen Kindern, asiatische Touristen, aber auch einheimische Junge, die es ordentlich krachen lassen möchten. Wer es dabei übertreibt, der landet in der eigens an Bord eingerichteten Gefängniszelle. Zwar konnten die Studierenden durchaus auch den Ausgang geniessen, mussten dann aber am nächsten Morgen wieder im Seminarraum Platz nehmen, wo Fragerunden unter anderem mit dem Schiffskoch, dem Chef-Ingenieur sowie Kapitän Niklas Nordlund stattfanden.

Bei Nordlund, der vor seiner Zeit auf der «Silja Serenade» auf amerikanischen Kreuzfahrtschiffen Dienst tat und eine stoische nordische Ruhe ausstrahlt, interessierte besonders sein Führungsstil. Wie sich zeigte, pflegt er eine sehr flache, klare und teamorientierte Hierarchie. «Fast alle hier arbeiten seit mehreren Jahren auf dem Schiff. Wir kennen uns gut. Jeder weiss, wer Kapitän ist, wir machen keine grosse Sache draus», sagte Nordlund. Dass das allerdings einfacher klingt, als es ist, und dass man auch in landgestützten Betrieben viel von der modernen Führungsphilosophie an Bord von Hochseeschiffen lernen kann, führte Seminarleiter Thomas P. Illes anschliessend im Lernfeld «Bridge Resource Management» aus.

Neben den Fragerunden wurden am Seminar auch die Schattenseiten der Kreuzfahrt thematisiert. Etliche Hochseeschiffe haben nämlich ein Umweltproblem. Als Treibstoff verwenden viele das günstige Schweröl, das bei der Verbrennung nicht nur viel CO2 produziert, sondern auch giftige Schwefeloxide, Stickoxide und Russpartikel.

Es gäbe zwar durchaus etwas umweltfreundlichere Alternativen. Zum Beispiel Marinediesel, ein emissionsärmerer Treibstoff, der aufgrund der auf der Ostsee geltenden speziellen Umweltzone auch auf der «Silja Serenade» verwendet wird. Marinediesel ist jedoch doppelt so teuer wie Schweröl, und in vielen Gebieten der Welt fehlt im Moment noch die gesetzliche Grundlage, welche die Verwendung von schadstoffärmerem Treibstoff oder einer Abgasreinigungsanlage zwingend vorschreiben.

Laut Illes sei man sich dieses Problems in der Kreuzschifffahrt, die 0,5 bis 0,75 Prozent der globalen Schifffahrt ausmachen, durchaus bewusst. Deshalb werde immer an neuen Treibstoffen beziehungsweise innovativer Umwelttechnologie geforscht.

Momentan hoch im Kurs als Schwerölalternative sei LNG – Liquefied Natural Gas – also Flüssigerdgas. Dieses verursacht bei der Verbrennung 20 bis 25 Prozent weniger CO2, 80 Prozent weniger Stickoxide und nahezu keine Schwefeloxide und Russpartikel. Doch auch LNG habe seine Probleme: Die Förderung ist nicht unbedingt umweltfreundlich, beim Verbrennen kann Methan entweichen, das 30-mal höheres Treibhauspotenzial hat als CO2, und die Schiffe müssen es in grossen Tanks mitführen, was zu Platzproblemen führen kann. Vor allem aber gibt es erst in wenigen Häfen eine ausreichende LNG-Infrastruktur. «Die Umweltfrage in der Schifffahrt ist hochkomplex. Es wird noch eine Weile dauern, bis wir das erste gänzlich emissionsfreie Kreuzfahrtschiff – zum Beispiel in Form von reinen Elektroantrieben – sehen werden.» Der Energiebedarf sei schlicht zu gross, noch fehlen genug grosse Batterien.

Nach drei Tagen auf hoher See konnten die Luzerner Studierenden in Stockholm wieder an Land und nahmen viele Eindrücke mit: «Mal zu sehen, wie die Leute zusammenarbeiten und wie beispielsweise die Kabine ausgestattet ist, fand ich spannend», sagt Zoe Stilhart (22) aus Oberhelfenschwil in St. Gallen. Sie arbeite als Reiseberaterin und verkaufe oft Kreuzfahrten.

«Nun weiss ich, was alles dahintersteckt», sagt sie. Ähnlichkeiten mit einem Hotel stellte Laila Murer (24) aus Buttisholz LU fest, die im Marketing des Hotels Schweizerhof arbeitet. «Die Arbeitsaufteilung ist eigentlich gleich. Du hast Köche, Zimmermädchen und einen Chef, in diesem Fall einen Kapitän.»

Der Unterschied sei allerdings, dass man im Hotel nicht wie auf dem Schiff aufgrund der umfangreicheren Herausforderungen in Bereichen wie Hygiene oder Sicherheit nach acht Arbeitstagen acht Freitage beziehen kann.

Von der Ruhe auf der Brücke war Ueli Zrotz aus Hergiswil im Kanton Nidwalden überrascht. «Ich hätte gedacht, dass es dort deutlich hektischer zugeht», sagt der 28-Jährige, dessen Kabine gleich über dem Maschinenraum war. «Es hat schon ordentlich gerumpelt zwischendurch.»

Ein positives Fazit zum «Study Trip@Sea», wie die Studienreise hiess, zieht HFT-CEO Patrick Rüedi, der selbst auch mit an Bord war. «Klar hätte man das Thema Kreuzfahrt auch ausschliesslich in einem Schulzimmer behandeln können. Aber ich bin mir sicher, dass so mehr bei den Studierenden hängen bleibt.» Thomas P. Illes ist davon überzeugt, dass sich das Wissen rund um die Kreuzfahrt auch auf andere Wirtschaftsbereiche übertragen lässt: «Die Hochseetouristik ist äusserst vielschichtig.

Das fängt bei der Arbeitsaufteilung an Bord an und hört bei den globalen Herausforderungen in Sachen Sicherheit, Logistik und Umwelt auf. Hier Zusammenhänge zu erkennen, fördert vernetztes Denken, was auch in Jobs ausserhalb der Kreuzfahrtbranche mehr und mehr gefragt ist.» Und vielleicht heuere ja mal ein Student oder eine Studentin für einen praktischen Erfahrungsgewinn auf einem Kreuzfahrtschiff an. «Nun wissen sie ein bisschen, was auf sie zukommen könnte.»

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