Cargogeschäft Swiss

«Das war der härteste Tag»: Swiss-Frachtchef über Corona, Container voller Masken – und Lamborghinis

Ashwin Bhat (51): «Der letzte Flug mit Masken war vor etwa zwei Wochen.»

Ashwin Bhat (51): «Der letzte Flug mit Masken war vor etwa zwei Wochen.»

Ashwin Bhat leitet das Cargogeschäft der Swiss – jener Bereich, der nach Ausbruch der Pandemie besonders im Fokus stand, da die Airline tonnenweise Schutzmaterial transportierte. Im Interview spricht er über diese schwierige Zeit, Kuriositäten – und neue Ziele.

Was war für Sie die schwierigste Phase in den letzten sechs Monaten?

Ashwin Bhat: Das war der Anfang der Krise, als unser Netzwerk praktisch täglich schrumpfte. Es begann im Februar, als die China-Flüge gestoppt wurden. Dann ging es rasant weiter, es folgten unter anderem die USA-Flüge, bis nur noch ein Flug pro Tag übrig blieb nach New York. Das war wohl der härteste Tag.

Wie war die Stimmung damals?

Das war natürlich schwierig. Wir sind zwar eine junge Firma, aber viele unserer Mitarbeitenden arbeiteten schon für die Swissair und haben das Grounding miterlebt. Angesichts dieser Vergangenheit kamen gewisse Emotionen wieder hoch. Es war anspruchsvoll, vor das Team zu stehen und zu sagen: Das hier ist eine andere Situation und wir schaffen das. Andererseits war es eine äusserst spannende Phase, wir mussten uns schnell anpassen. Mit der Masken-Knappheit stand plötzlich Ihr Geschäftsbereich im Fokus.

Wie rasch konnten Sie reagieren?

Zum Glück rasch und pragmatisch. Wir konnten uns auf die anderen Swiss-Geschäftsbereiche verlassen, zum Beispiel den Flugbetrieb, inklusive Piloten und Kabinenpersonal, sowie die Bodenabfertigung. Und wir hatten alle das gleiche Ziel: Das Geschäft am Laufen zu halten und Chancen zu ergreifen.

War es einfach genügend Cargo-Container zu organisieren?

Das war kein Problem, denn es gab viel weniger Flüge. Viele Container blieben unbenutzt. Aber die Transporte konzentrierten sich eine Zeit lang auf bestimmte Strecken, unter anderem nach China für die medizinischen Schutzausrüstungen und die Masken. Also brauchten wir mehr Kapazitäten für einzelne Flüge, insbesondere im April, Mai und Juni. Deshalb entschlossen wir uns, die Economy-Sitze in drei Boeing-777-Flugzeugen auszubauen, um Platz für Frachtkartons zu machen.

War das Ihr Entscheid oder kam er von der Lufthansa?

Das war mein Entscheid, zusammen mit dem Swiss Management. Wie viele Sitze haben Sie rausmontiert? Wir haben etwa 750 Sitze entfernt. Sie befinden sich derzeit in einer Lagerhalle in Basel. Das hätte ich mir in meiner Karriere nie vorstellen können. Es gab Momente, da dachte ich mir: Geschieht das hier wirklich? Schlage ich meinem Chef tatsächlich vor, Stühle aus dem Flugzeug zu entfernen? Es fühlte sich surreal an.

Eine Boeing-777-Maschine der Swiss, in der die Sitze heraus montiert wurden, um der Fracht Platz zu machen.

Eine Boeing-777-Maschine der Swiss, in der die Sitze heraus montiert wurden, um der Fracht Platz zu machen.

Mehrere Wochen lang gab es mehr Cargo- als Passagier-Flüge. Wann änderte sich das wieder?

Das geschah fliessend. Aber wir führen nach wie vor reine Frachtflüge durch, zum Beispiel nach Boston, Delhi oder Mumbai. Ab dem 28. August fliegen wir mit einer Boeing 777 einmal pro Woche nach Buenos Aires, ab September auch nach Bosten und San Francisco. Zum Höhepunkt der Masken-Transporte hatten wir zudem drei tägliche Flüge nach Schanghai. Normalerweise ist es nur einer. Dazu kamen auch Destinationen, die wir sonst nicht anfliegen.

Zum Beispiel?

Da gab es einige. Wir sind zum Beispiel nach Kinshasa, Shenzhen und Jerewan geflogen – überall dorthin, wo es eine Nachfrage gab. Manchmal erhielt ich Anfragen von Kunden bloss mit dem Flughafen-Code bestehend aus drei Buchstaben, den ich noch nie zuvor gehört hatte. Dann musste ich erst mal googeln.

Welche Waren transportieren Sie hauptsächlich?

Das sind kommerzielle Güter jeglicher Art. Von Buenos Aires ist es Fleisch, Fisch und Leder. In Boston haben wir einen grossen Schmuck-Konzern als Kunden, für den wir Güter transportieren. Für die reinen Frachtflüge mit Kabinenbeladung müssen die Waren kleiner sein, denn sie müssen von Hand in die Kabine geladen werden können. In Mumbai laden wir vor allem Pharma-Produkte, die in die USA gehen. Und in Delhi ist es ein Mix, angefangen bei Lederwaren bis hin zu Autoteilen. In Dubai laden wir Modegüter wie Kleider, Schuhe und Handtaschen. Wir fliegen die Güter jeweils nach Zürich und von dort aus weiter in die ganze Welt.

Der Grossteil der Swiss-Angestellten befindet sich in Kurzarbeit. Könnten die Flight Attendants und Piloten nicht im Fracht-Geschäft aushelfen?

Sie führen die Flüge für uns durch. Aber die physischen Arbeiten wie das Beladen oder Verpacken der Waren übernehmen Partnerfirmen wie Swissport oder Cargologic, das ist nicht unsere Kernkompetenz.

Wie viele Masken transportieren Sie heute noch?

Der letzte Flug mit Masken war vor etwa zwei Wochen. Das Cargo-Geschäft hat sich bezüglich der Waren normalisiert. Aber wenn es plötzlich zu wenig Masken haben sollte, stünden wir bereit. Die Kontakte bestehen auf jeden Fall. Wir haben beispielsweise mit der Schweizer Regierung zusammengearbeitet, mit dem Roten Kreuz und mit den Kantonen Genf und Zürich.

Seit Ende März hat die Swiss etwa 800 reine Frachtflüge durchgeführt und 27000 Tonnen transportiert.

Seit Ende März hat die Swiss etwa 800 reine Frachtflüge durchgeführt und 27000 Tonnen transportiert.

Wo liegt der Umsatz des Cargo-Geschäfts gegenüber dem Vorjahr?

Noch immer deutlich unter dem Niveau von 2019. Wir haben etwa 55 Prozent weniger Tonnen transportiert. Viele unserer Cargo-Angestellten sind nach wie vor in Kurzarbeit.

Mussten Sie während der heissen Phase gewisse Anfragen auch abweisen? Wenn zum Beispiel jemand einen Lamborghini transportieren wollte, das Flugzeug aber bereits mit Masken voll war?

Wenn jemand einen ganzen Flug für seinen Lamborghini chartern möchte und sich das leisten kann, dann ermöglichen wir das. Aber ja, manchmal hatten wir schlicht zu wenig Cargo-Flugzeuge. Drei tägliche Flüge nach Schanghai waren möglich, vier hingegen nicht.

Sie transportieren viele Pharma-Produkte. Weshalb führen Sie keine Frachtflüge ab Basel durch?

Wir transportieren die Pharmaprodukte per Lastwagen von Basel nach Zürich. Zürich macht momentan mehr Sinn. Denn wenn wir 40 Tonnen Cargo-Kapazität haben, aber nur 10 Tonnen Ware aus Basel kommen, dann müssen wir den Rest in Zürich füllen. Aber wenn ein Kunde Interesse an einem Frachtflug ab Basel hätte, wären wir grundsätzlich offen.

Wie viele reine Cargo-Flüge haben Sie dieses Jahr durchgeführt?

Seit Ende März haben wir etwa 800 reine Frachtflüge durchgeführt und 27000 Tonnen transportiert.

Und mit welcher Entwicklung rechnen Sie in naher Zukunft?

Dafür bräuchte ich eine Kristallkugel. Aber was ich sehe, ist, dass sich die Weltwirtschaft bewegt. Und die Schweiz ist exportorientiert. Der August ist normalerweise der schwächste Cargo-Monat für uns, aber momentan sind die Zahlen ganz positiv. Insofern sollten auch die nächsten vier bis fünf Monate gut verlaufen.

Was stimmt Sie zuversichtlich?

Bald beginnen die Verkäufe für die Festtage. Die Leute kaufen vermehrt online ein, das spürten wir auch während des Lockdowns in verschiedenen Ländern. Wir werden also sicher auch viele Weihnachtsgeschenke transportieren.

Auch von chinesischen Shoppingplattformen wie Alibaba?

Wir laden viele Pakete aus China und anderen asiatischen Ländern für den Onlinehandel. Und hoffentlich können wir bald einen Impfstoff transportieren, wenn einer gefunden ist. Die Nachfrage nach Esswaren und medizinischen Gütern sollte stabil bleiben. Im Gegensatz zu den Passagierzahlen, die nicht nur in der Schweiz, sondern überall noch länger tief bleiben werden.

Wie viel trägt das Cargo-Geschäft aktuell zum Swiss-Umsatz bei?

2019 waren es 11 Prozent. Aktuell sind es deutlich mehr. Genaue Zahlen möchte ich aber nicht nennen.

Kann das Cargo-Geschäft einen Passagierflug aufrechterhalten, wenn die Passagierbuchungen allein nicht genügen würden?

Absolut. Das ist zum Beispiel bei Dubai der Fall. Dorthin fliegen wir ohne Passagiere an Bord, da dieser Flug ein Teil unseres Fracht-Netzwerks ist. Dank des Frachtgeschäfts können wir den Flug kostendeckend durchführen, was in der aktuellen Situation sehr wichtig ist. Früher galt das Cargo-Geschäft als guter Konjunkturindikator.

Wie sieht es heute aus?

Momentan ist das sicher nicht der Fall. Denn die Flugreduktionen haben in erster Linie mit den Einreisebestimmungen in den verschiedenen Ländern zu tun, und dienen nicht wirklich als Hinweis auf die globale Wirtschaft.

Sie stammen aus Indien, wo die Corona-Lage besonders besorgniserregend ist. Wie geht es Ihren Verwandten?

Wie bei vielen indischen Familien sind unsere Verwandten auf der ganzen Welt verteilt. Meine Mutter lebt noch in Indien, das ist emotional keine einfache Situation. Zum Glück ist in Indien das Gemeinschaftsgefühl sehr gross, sie hat viele Freunde und Bekannte um sich herum. Wir müssen dem Schicksal mit einer positiven Haltung begegnen.

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