Mobilität

Der aggressive Kampf der ausländischen E-Trottinett-Anbieter um die Schweiz

E-Trottinett Zug: Die Firma Circ bietet elektronische Trettroller in der Stadt Zug an. Laura Sibold, Redaktorin der Zuger Zeitung testet das Angebot.

E-Trottinett Zug: Die Firma Circ bietet elektronische Trettroller in der Stadt Zug an. Laura Sibold, Redaktorin der Zuger Zeitung testet das Angebot.

Verleihfirmen drängen mithilfe grosser Investoren in den Schweizer Markt. Mobilitätsexperten sagen ihnen schlechte Chancen voraus.

Ihr Kampf ist global, aggressiv und wird befeuert durch Milliarden Dollar aus dem Silicon Valley: Anbieter von mietbaren E-Trottinetts setzen alles daran, vor der Konkurrenz auf die Handy-Bildschirme der Nutzer und die Trottoirs der Metropolen dieser Welt zu kommen. Das Mittel dafür: rapide Expansion.

Alleine in der Schweiz gibt es fünf Anbieter, allesamt Start-ups aus dem Ausland. Keine der Firmen ist älter als zweieinhalb Jahre. Und doch sind sie schon Milliarden Dollar wert. Das Unternehmen Bird, dessen Trottinetts in Zürich und Winterthur stehen, hat bereits über 400 Millionen Dollar von Investoren eingesammelt. Der weltgrösste Anbieter Lime hat laut Medienberichten bereits über 800 Millionen Dollar von Anlegern erhalten.

Viele der Investoren haben ihren Sitz im Silicon Valley in Kalifornien. Einige dieser Anleger waren auch bei einstigen Start-ups wie dem Zahlungsdienstleister Paypal engagiert. Sie sehen in den E-Trottinetts die Zukunft der Nahmobilität und versprechen sich von jenen Anbietern, die sich durchsetzen werden, das grosse Geld.

Doch wie profitabel sind die Trottinett-Anbieter? Die Firmen lassen sich nicht gerne in die Karten blicken. Offiziell ist einzig bekannt, dass die Entsperrung des Trottinetts einen Franken kostet und die Fahrt zwischen 25 und 45 Rappen pro Minute.

Eine Präsentation der Firma Bird vor Investoren, die letzten Herbst an das US-Tech-Portal «The Information» geleakt wurde, gibt genaueren Einblick. Demnach brachte eine Trottinett-Fahrt durchschnittlich 3,65 Dollar ein. Jeder Scooter sei pro Tag im Schnitt fünfmal gefahren worden. Der grösste direkte Kostenfaktor für Bird ist mit 47 Prozent das Aufladen der Trottinetts. Danach kommen Reparaturen (14 Prozent) und das Abrechnen der Kreditkarten (11 Prozent). Im Mai 2018, als die Präsentation erstellt wurde, ging Bird von einem jährlichen Umsatz von 65 Millionen Dollar aus. Letzten Herbst berichtete «The Information» laut einem Insider von einem Umsatz von «mehreren hundert Millionen Dollar» pro Jahr.

Trotzdem: Wie es den SharingFirmen tatsächlich geht, bleibt schwer abzuschätzen. Bird entliess im Mai 40 von 900 Angestellten. Und in der Schweiz sagen Mobilitätsexperten den Firmen grundsätzlich keine rosige Zukunft voraus. Erstens, weil hier im Verkehr generell nicht viel Geld zu holen sei, und zweitens, weil die Konkurrenz bereits sehr gross sei. «Hohe Preise zu verlangen, ist utopisch», sagt zum Beispiel Widar von Arx, Mobilitätsexperte an der Hochschule Luzern.

Von Arx schätzt den Markt für E-Trottinetts deshalb als relativ klein ein. Hinzu kommt, dass ihr Unterhalt sehr aufwendig ist: In der Regel werden sie abends eingesammelt, damit ihr Akku über Nacht aufgeladen werden kann und sie am nächsten Morgen wieder an strategisch günstigen Orten in der Stadt verteilt werden können. Gerade in der Nacht, wenn der öffentliche Verkehr vielerorts lahmliegt, können sie also nicht benutzt werden. Und obwohl dadurch Vandalismusakte mehrheitlich verhindert werden können, gehen die Scooter durch die häufige Nutzung ständig kaputt – die Lebensdauer eines Bird-Trottinetts beträgt beispielsweise gerade einmal 29 Tage. Entsprechend günstig müssen sie in Billiglohnländern produziert werden. Wie nachhaltig das vermeintlich ökologische Sharing-Angebot ist, müsste im Einzelfall also überprüft werden, so Mobilitätsexperte von Arx.

Die meisten Firmen würden mittelfristig verschwinden

Aktuell sei der Verleih von E-Trottinetts ein Verlustgeschäft, so von Arx weiter. Profitabel werde es erst, wenn sich ein Anbieter durchsetzt und eine Monopolstellung erkämpft. Die meisten Firmen würden mittelfristig deshalb verschwinden – beispielsweise hat sich vorerst bereits die Firma Lime aus den Schweizer Städten zurückgezogen. Dieser Einschätzung widerspricht indes das Start-up Tier aus Berlin. Aus Sicht des Unternehmens kann die Auslastung der E-Trottinetts auch hoch genug sein, wenn in einer Stadt mehrere Anbieter mitspielen. Mitbewerber würden das Geschäft überdies beleben.

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Autor

Leo Eiholzer

Autor

Gabriela Jordan

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