Wirtschaft

Dicke Luft im Helvetic-Cockpit: Die Airline ist mit Kritik konfrontiert und steht vor harten Gesprächen mit der Swiss

Die Helvetic-Flotte ist derzeit gegroundet, die Angestellten befinden sich in Kurzarbeit .

Die Helvetic-Flotte ist derzeit gegroundet, die Angestellten befinden sich in Kurzarbeit .

Nachdem die Regionalfluggesellschaft Piloten entlassen hat, sind beim Personal kritische Fragen aufgetaucht. Und eine Aussage von Inhaber Martin Ebner dürfte dem wichtigsten Partner nicht gefallen.

Es ist ein Mantra von Martin Ebner: «Lean and mean». Der englische Business-Ausdruck steht für eine Arbeitsweise, bei der maximale Kosten-Effizienz gross geschrieben wird. Das gilt auch bei seiner Helvetic Airways. In den letzten Jahren flog sie regelmässig Gewinn ein und investierte kräftig ins Wachstum. Unkenrufe gab es praktisch keine. Doch zuletzt stand der zweite Begriff «mean» (Deutsch: fies) für manche Piloten seiner Airline im Vordergrund.

Am Freitagvormittag, 13. März, verschickte das Helvetic-Management intern die Nachricht: Im Zuge der Coronavirus-Krise, die bereits mehrere Airlines zu einem Teilgrounding gezwungen hatte, würden zehn Piloten entlassen. Begründet wurde dies mit Überkapazitäten. Entgegen dieser radikalen Massnahme kommunizierte die Swiss am selben Tag, gegen Abend, Kurzarbeit für ihr Personal zu beantragen. Auch heute gebe es noch keine Pläne für Entlassungen, heisst es bei der Swiss.

Das forsche Vorgehen von Helvetic sorgt in der Firma für Wirbel, wie Recherchen ergeben haben. Demnach hat das Management vor den Entlassungen nie andere Möglichkeiten, wie zum Beispiel Kurzarbeit oder freiwillige Pensumsreduktionen ins Spiel gebracht. Die Piloten wurden vor vollendete Tatsachen gestellt.

Präsident der Piloten-Vereinigung musste gehen

Wie mehrere Insider sagen, gehören zu den Entlassenen teils Piloten, die intern in der Vergangenheit gegenüber der Firma Kritik geäussert hatten, so auch der Präsident der neu gegründeten Pilotenvereinigung Helvetic Pilots Association, der mehr als die Hälfte der Cockpit-Crew angehört. Für manche steht die Frage im Raum, ob die Firma die Gunst der Stunde genutzt hat, um sich von unliebsamen Angestellten zu verabschieden.

«Es hätte genügend andere, jüngere Piloten gegeben, die noch in der Probezeit sind, oder die qualitativ schlechter sind als jene, die nun gehen müssen», sagt ein Helvetic-Pilot. Dazu passe auch, dass das Management sich gegenüber der neuen Vereinigung HPA bisher nicht sehr kooperativ gezeigt habe. «Sie möchten eine Gewerkschaft in ihren Reihen definitiv verhindern und sogar die Gründung einer Personalkommission wird seit Langem hinausgezögert», so ein Angestellter, der nicht genannt werden möchte.

Auf der Plattform Kununu, auf der Angestellte ihren Arbeitgeber anonym bewerten können, kommt Helvetic mit 2,5 von 5 Sternen nicht besonders gut weg. Die Swiss bringt es auf 3,6. Das Arbeitsklima wird zuweilen heftig kritisiert. Die letzten drei Einträge haben die Titel: «Finger weg! Reinste Diktatur unter vorherrschender Angstkultur!», «Sehr schlechter Arbeitgeber» und «Wie Nordkorea». Es gibt auch bessere Bewertungen. Der tiefe Lohn wird aber fast immer moniert.

Helvetic weist Kritik von sich

CH Media hat Helvetic Airways mit den Kritikpunkten konfrontiert. Ein Sprecher antwortet, zu den Vorwürfen und zu «möglichen Vermutungen» nehme man grundsätzlich keine Stellung. Helvetic Airways pflege einen offenen, konstruktiven und transparenten Austausch mit den Mitarbeitenden. Man begrüsse sogar kritische Meinungen, sie seien ein wichtiger Bestandteil der Firmenkultur und sie würden aktiv gefördert. Zudem fänden regelmässig Informationsveranstaltungen für das Personal statt. Von den Bewertungen auf der Plattform Kununu habe man Kenntnis, man pflege diese aber nicht aktiv.

Auf die Forderung der neuen Pilotenvereinigung, als Sozialpartner anerkannt zu werden, will die Firma nicht eingehen. Mit 450 Mitarbeitenden habe Helvetic eine überschaubare Grösse, die den sozialen Dialog bereits ermögliche. «Wir bevorzugen einen anderen Weg», so der Sprecher. Momentan sei man daran, zusammen mit dem Personal eine Arbeitnehmervertretung aufzubauen, die alle Abteilungen berücksichtigt: Piloten, Flight Attendants, Unterhalt und Administration. Wegen der Coronavirus-Krise verzögere sich dieser Prozess jedoch. Ein Grossteil der Piloten habe einer solchen Arbeitnehmervertretung bereits zugestimmt.

Die internen Unstimmigkeiten wirken allerdings klein angesichts der Coronavirus-Krise, der grössten Krise, mit der die Luftfahrtindustrie je konfrontiert war. Überall auf der Welt sind Flugzeuge gegroundet. Jede Airline kämpft ums Überleben. Seit Dienstag vergangener Woche steht auch die komplette Helvetic-Flotte wegen der Coronavirus-Krise am Boden, für alle Angestellten wurde inzwischen Kurzarbeit beantragt. Das vorgesehene Wachstum wurde vorläufig gestoppt. Weitere Entlassungen seien nicht geplant.

Ebners heikle Risiko-Aussage

Doch Ebner und seinem Helvetic-Management stehen nicht nur intern schwierige Gespräche bevor. In den letzten Jahren, seit Ebner die Zügel in der Hand hat, hat sich die einstige pinke Billigairline zu einer kompetenten, rasch wachsenden Partnerin für die Swiss entwickelt. Einen Grossteil ihrer Flüge führt Helvetic im Namen der Lufthansa-Tochter aus. Dabei handelt es sich um so genannte Wet-lease-Flüge: Das Ticket kauft der Kunde bei der Swiss, doch Platz nimmt er in einem Helvetic-Flugzeug inklusive Helvetic-Crew.

Für die Swiss war diese Strategie in der Vergangenheit lukrativ, da Helvetic mit sehr tiefen Kosten wirtschaftet. «Lean and mean» halt. Verdient ein Co-Pilot-Novize bei der Swiss beim Eintritt etwas mehr als 6000 Franken, so sind es bei Helvetic laut Insidern rund 4500. Bei Helvetic werden davon noch die Arbeitnehmerbeträge für die Pensionskasse abgezogen, bei beiden Airlines müssen die neuen Co-Piloten von ihrem Lohn zusätzlich noch die Ausbildung bezahlen.

Doch Ebner wäre nicht Ebner, wenn er nicht auf seine Rendite schauen würde. So sagte er kürzlich in einem Interview mit der «Handelszeitung» in Bezug auf die Wet-Lease-Kooperation mit der Swiss: «Ich habe also das Geschäft vom Risiko befreit. Wenn man so will, ist die Swiss unser Risiko. Aber deren Bonität ist über jeden Zweifel erhaben.»

Diese Aussage hat an Brisanz gewonnen, da ihre Bonität der Swiss plötzlich bedroht ist und deren Chef Thomas Klühr derzeit Gespräche mit dem Bundesrat über eine Staatshilfe führt. An der kürzlich durchgeführten Jahresmedienkonferenz deutete Klühr in Bezug auf Ebners Risiko-Aussage an, dass er von allen Partnern ein Entgegenkommen erwarte. Welche Eingeständnisse er damit meint, sagte er nicht. Die Frage bleibt auch, wie rasch die Swiss wieder auf die Dienste von Helvetic zurückgreifen wird. Schliesslich hat sie derzeit selber nur noch sechs Flugzeuge in Betrieb. Sie wird daran interessiert sein, zuerst die eigenen Maschinen wieder in die Luft zu bringen.

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