Guter Ruf

Die Angst vor dem Shitstorm: Wie sich Migros & Co. dem Druck der öffentlichen Meinung beugen

Vergangene Woche nahm die Migros «Mohrenköpfe» aus ihren Regalen, jetzt wird publik, dass sie auch gegen «sexistische» Tragtaschen Einwände hatte.

Vergangene Woche nahm die Migros «Mohrenköpfe» aus ihren Regalen, jetzt wird publik, dass sie auch gegen «sexistische» Tragtaschen Einwände hatte.

Zuerst waren es die Dubler-«Mohrenköpfe», jetzt nimmt die Migros auch «sexistische» Einkaufstaschen aus dem Sortiment. Die Beispiele zeigen: Die Angst vor Reputationsschäden ist bei vielen Unternehmen gross. Die Stimme des Internets wird mächtiger und lauter.

Um ihre Kunden in der Coronakrise etwas aufzuheitern, liess die Migros bei drei Künstlerinnen Einkaufstaschen gestalten. 120'000 Stück wurden produziert und in die Migros-Filialen ausgeliefert. In den Verkauf gelangt sind die Taschen jedoch nie. Migros zog die Säcke, auf denen Zeichnungen einer nackten Frau mit Katze zu sehen sind, wieder zurück. Zu «sexistisch» seien die Motive, teilte man den Künstlerinnen mit, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete.

Heute sind es Tragtaschen, gestern waren es Süssigkeiten. Vergangene Woche verkündete die Migros, dass sie die «Mohrenköpfe» der Firma Dubler aus ihren Regalen verbannt. Der Name könne als provozierend empfunden werden, hiess es vonseiten des Detailhändlers. Im Fall der «Mohrenköpfe» reagierte die Migros auf einen Tweet, bei den Papiertaschen wird einem möglichen Aufschrei vorgegriffen, bevor dieser überhaupt erst entstanden ist.

Firmen können sich den Vorwurf, nicht politisch korrekt zu handeln, kaum noch leisten, sagt Reputationsmanager Bernhard Bauhofer. Der Druck von aussen sei enorm:

Viele Firmen beschäftigten mittlerweile eigene Abteilungen, um die sozialen Medien zu durchforsten. «Wird etwas Rufschädigendes gefunden, leuchten die Warnlampen.» Und häufig wird rasch reagiert – wie im Fall Dubler. Bauhofer kritisiert den Entscheid als «vorschnell».

Marketing-Expertin Adrienne Suvada von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften kritisiert, dass die Migros nicht etwas Eigenes, Positives getan habe, um sich in die Rassismus-Diskussion einzumischen. Weil sie stattdessen einen Kleinunternehmer über die Klippe gestossen habe, stehe sie nun selbst am Pranger.

«Heute gilt nur: Rette sich, wer kann.»

Suvada sieht allgemein die Tendenz, dass Geschäftsbeziehungen über Bord geworfen werden, sobald ein Shitstorm aufzieht. «Es heisst nicht mehr wie in der Ehe Zusammenhalten in guten und in schlechten Zeiten. Es gilt nun: Rette sich, wer kann.» Sie nennt das Beispiel von Mirjam Jäger. Die Post kündigte ihr im Nu die Zusammenarbeit, als sich die Influencerin abfällig über eine «Black Lives Matter»-Demonstration äusserte. «Bei diesem Thema verträgt es gar nichts», sagt Suvada.

Firmen öffentlich zu kritisieren, gehört zum Beruf von Oliver Classen von Public Eye. Die Nichtregierungsorganisation pocht auf die Einhaltung von Menschenrechten durch Schweizer Konzerne. Er beobachtet, dass die Stimme der Strasse wie auch des Internets lauter und mächtiger geworden ist. «Ich kann mich noch daran erinnern, als in der Schweiz niemand etwas unter dem Begriff ‹Political Correctness› verstand. Heute kann es sich kein Unternehmen mehr leisten, darauf nicht Rücksicht zu nehmen.»


Hinzu komme das Erstarken der sozialen Bewegungen. «Im Moment wechseln sich Umwelt-, Frauen- und Antirassismusthemen im Vierteljahrestakt ab. So etwas gab es in dieser Grösse und Geschwindigkeit noch nie», sagt Classen. Er führt dies auf eine allgemeine Verunsicherung zurück, die durch die Coronakrise noch akzentuiert werde. Und natürlich spiele das Internet dabei eine Schlüsselrolle. Früher brauchte es mehr Zeit, um etwas ins Rollen zu bringen, und die traditionellen Medien waren wichtiger.

Ein CVP-Nationalrat will sich nicht mehr
«zu allen Themen äussern»

Auch ausserhalb des Internets gibt es Empörungsstürme. Davon kann Alois Gmür, CVP-Nationalrat des Kantons Schwyz, ein Lied singen. Gmür ist Bierbrauer und Mitinhaber der Brauerei Rosengarten Einsiedeln. Als sich Gmür vor einigen Jahren für ein härteres Asylgesetz starkmachte, sprangen ihm Kunden aus der linken Szene ab. Mit den Verantwortlichen der Berner Reitschule konnte er zwar die Wogen glätten, ein 1.-Mai-Fest in Zürich verzichtete aber auf sein Bier.


Gmür hat daraus seine Lehren gezogen. Er sagt: «Ich äussere mich politisch nicht mehr zu allen Themen.» Darunter leide zwar die Politik, aber «am Schluss ist einem das eigene Geschäft näher als der politische Betrieb», sagt Gmür. Auch vor dem kommenden Abstimmungskampf zur Beschaffung neuer Kampfjets – die er befürwortet – hat Gmür Respekt. Die Gefahr sei gross, dass ihm einige Kunden seine Zustimmung übelnehmen werden, die Sorge um finanzielle Einbussen ebenso.

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