Konjunktur

Die Schweizer Wirtschaft schwächelt: Droht nun eine Rezession?

Die Maschinenindustrie leidet derzeit besonders unter dem Wirtschaftsabschwung. Bild: Gaetan Bally/Keystone

Die Maschinenindustrie leidet derzeit besonders unter dem Wirtschaftsabschwung. Bild: Gaetan Bally/Keystone

Die Weltwirtschaft bewegt sich im raschen Tempo rückwärts und die Schweizer Konjunktur kommt zunehmend ins Wanken. Was das für die Schweiz bedeutet und was sie dagegen tun kann.

Eine der längsten Wachstumsphasen der Schweizer Wirtschaft in den vergangenen 100 Jahren neigt sich dem Ende zu. Zwar ist die Rezession bei den meisten Konjunkturauguren immer noch ein Szenario. Doch dieses könne rasch zur Wirklichkeit werden, wenn sich nur eines der vielen globalen Risiken materialisiere, warnt UBS-Ökonom Alessandro Bee.

«Ein Sturm braut sich über der Schweiz zusammen», lautet der Titel seiner aktuellen Analyse zum Zustand der hiesigen Wirtschaft. Zwar relativiert das Papier seine bedrohliche Ansage insofern, als die Schweiz im laufenden und im kommenden Jahr immerhin noch mit einem Wachstum der Wirtschaftsleistung um 0,7 Prozent beziehungsweise 0,9 Prozent rechnen könne.

Doch die Voraussage erfolgt unter Annahmen, die einigermassen optimistisch klingen. Die Prognose unterstellt, dass sich der Handelsstreit zwischen den USA und China nicht weiter verschärft und auf Europa übergreift. Seine Schätzung geht zudem davon aus, dass die Briten den sanften Abschied aus der EU doch noch schaffen und der Konflikt im Nahen Osten keinen neuerlichen Erdölpreisschub bewirkt.

Tiefstes Wachstum im ganzen Jahrzehnt

Aber selbst wenn diese Gefahren unter Kontrolle bleiben, kann von einer Fortsetzung des Wachstumstrends kaum mehr die Rede sein. Mit Blick auf die anhaltende Bevölkerungszunahme bleibt der Wohlstandsgewinn in einer Pro-Kopf-Betrachtung minimal. Zudem ist die Aussagekraft von Prognosen im Dezimalbereich erwiesenermassen sehr gering. Ohnehin bleiben die Risiken für die Weltwirtschaft aber «eher nach unten gerichtet», wie die Nationalbank im September anlässlich ihrer letzten geldpolitischen Lagebeurteilung feststellte.

Kristalina Georgieva, neue Chefin des Internationalen Währungsfonds, warnt vor einem synchronen Abschwung der Weltwirtschaft. Bild: Michael Reynolds/EPA

Kristalina Georgieva, neue Chefin des Internationalen Währungsfonds, warnt vor einem synchronen Abschwung der Weltwirtschaft. Bild: Michael Reynolds/EPA

Kristalina Georgieva, die neue Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) sprach diese Woche von einem «synchronen Abschwung», der inzwischen 90 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung erfasst habe. Das Wachstum der Weltwirtschaft werde heuer so niedrig ausfallen wie noch nie im ausgehenden Jahrzehnt, sagte die bulgarische Ökonomin.

Das Klima hat sich weltweit rasch verschlechtert und damit auch die Erwartungen für die Schweiz stark gedämpft. Noch vor zwölf Monaten rechneten die Ökonomen im Durchschnitt von einem Wachstum in der Schweiz von 1,7 Prozent in diesem Jahr. Inzwischen steht dieser Konsens noch bei 1 Prozent. Das Rezessionsgespenst macht in vielen Ländern die Runde.

Deutsche Industrie leidet

Dies gilt nicht zuletzt für Deutschland, dem mit Abstand wichtigsten Handelspartner der Schweiz. In der grössten Volkswirtschaft Europas steckt die Industrie in einer bleiernen Flaute. Die Unternehmen verzeichnen seit Anfang 2018 einen Rückgang der Aufträge um mehr als 10 Prozent – mit einer kräftigen Beschleunigung seit Beginn des laufenden Jahres. Im Maschinenbau, einer Schlüsselbranche der deutschen Industrie, sind die Bestellungen im August um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen. Seit Dezember 2018 setzt es bei den Maschinenbauern Monat für Monat Rückgänge im hohen einstelligen und zuletzt eben im zweistelligen Prozentbereich ab.

Nachdem die deutsche Wirtschaft schon im zweiten Quartal leicht geschrumpft ist, erwarten viele Ökonomen eine weitere Verschlechterung im dritten Quartal. Im Sprachgebrauch der Ökonomen spricht man in diesem Fall von einer «technischen Rezession».

Eine rein «technische» Rezession muss freilich noch kein Drama sein. Denn auch die Schweiz verzeichnete im vergangenen Jahr zwei Quartale mit rückläufigem Wachstum, wie die revidierten Zahlen des Bundesamts für Statistik unlängst zeigten. Gemerkt hat man davon aber wenig. Die Arbeitslosenzahlen gingen auf tiefem Niveau weiter zurück und die gute Stimmung der Konsumenten hielt an.

Risiko einer Rezession steigt

Auf eine anhaltend gute Konsumstimmung bauen auch Ökonomen wie Alessandro Bee. Doch die Gefahr ist akut, dass sich die Aussichten für die Beschäftigung vor allem im Industriesektor hierzulande rasch verschlechtern. Deren Absatzmöglichkeiten sinken nicht nur in Deutschland. Auch in Belgien, Finnland, Schweden und natürlich in Grossbritannien geht die Europäische Kommission in der unmittelbaren Zukunft von einer rezessiven Entwicklung aus.

In den USA wächst die Wirtschaft aktuell zwar noch mit einer Rate von rund 2 Prozent, doch auch dort deuten wichtige vorauslaufende Indikatoren wie der Einkaufsmanager-Index der Industrie eine markante Eintrübung des Klimas an. Die US-Notenbank beziffert das Risiko einer Rezession inzwischen mit über 37 Prozent.

Im Unterschied zu früheren Perioden taugt auch China als konjunktureller Rettungsanker nicht mehr viel. Denn auch im Reich der Mitten mehren sich die Indizien, dass die Wirtschaft erlahmt. Ein Beispiel ist der rückläufige Energieverbrauch, der auf eine sinkende Produktion hinweist.

Die Akteure auf den Finanzmärkten nehmen das Szenario einer globalen Rezession schon seit Längerem vorweg. Zurzeit werden Anleihen im Wert von rund 15 Billionen Dollar mit negativen Renditen gehandelt. Wer solche Obligationen kauft, geht davon aus, dass die Zentralbanken die Zinsen weiter senken werden. Für die Schweiz sind das keine guten Aussichten. Um eine weitere Aufwertung des Frankens zu verhindern, wäre die Nationalbank zu einer weiteren Zinssenkung gezwungen.

Spielraum der Nationalbank ist begrenzt

Die Schweiz hat aber schon jetzt weltweit das tiefste Zinsniveau und der Spielraum für weitere Senkungen ist begrenzt. Zudem ist fraglich, ob weitere Zinssenkungen und andere geldpolitische Massnahmen überhaupt noch viel bewirken können. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat hier unlängst ein grosses Fragezeichen gesetzt.

Die Hoffnungen konzentrieren sich nun zunehmend auf steuerliche Massnahmen in der Form staatlich finanzierter Wachstumsinitiativen. IWF-Chefin Georgieva rief die Staatengemeinschaft eindringlich auf, solche Massnahmen zu prüfen und umzusetzen. Doch mit Blick auf das in vielen Ländern auch nach zehn Jahren Ultratiefzinspolitik immer noch hohe und sogar weiter gestiegene Verschuldungsniveau erscheinen die Erfolgsaussichten auch dieser Strategie eher zweifelhaft.

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