Drohender Milliardenabschreiber
Ausverkauf beim Hedgefonds Archegos: Die US-Cowboys zogen, die Credit Suisse zögerte

Beim Hedgefonds-Debakel könnte die Schweizer Grossbank Milliarden verloren haben. In den Finanzmedien wird ihre Rolle verschieden dargestellt.

Daniel Zulauf
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Wie hoch wird der Abschreiber für die Schweizer Grossbank ausfallen? Die Fassade des Credit Suisse-Gebäudes in Oerlikon.

Wie hoch wird der Abschreiber für die Schweizer Grossbank ausfallen? Die Fassade des Credit Suisse-Gebäudes in Oerlikon.

Gaetan Bally / KEYSTONE

Die Pleite des hochverschuldeten Investmentvehikels Archegos Capital reisst gewaltige Löcher in die Bilanzen der beiden Grossbanken Credit Suisse und Nomura. Die Japaner haben schon am Montag offiziell vor einem Verlust von zwei Milliarden Dollar gewarnt. Von der Credit Suisse gibt es immer noch bloss Spekulationen, aber was für welche: Von zwei bis vier Milliarden Dollar ist die Rede, getwittert wurden auch schon sieben Milliarden Dollar.

Und was ist mit Goldman Sachs und Morgan Stanley? Auch diese Banken haben mitgeholfen, die irrsinnigen Spekulationen des offensichtlich grössenwahnsinnig gewordenen Geldmanagers Bill Hwang mit Krediten in zweistelliger Milliardenhöhe überhaupt erst möglich zu machen. Sie scheinen einigermassen ungeschoren davongekommen zu sein. Die renommierte Londoner «Financial Times» (FT) zitierte am Dienstag in ihrer Top-Story eine «mit der Sache vertraute» Person mit der Aussage, die Verluste von Goldman Sachs seien «nicht materiell» oder einfacher gesagt relativ leicht verdaulich.

Goldman und Morgan Stanley hatten am Freitag ihre Archegos-Kredite gesichert, indem sie einen Grossteil der zugrunde liegenden Pfänder auf dem Markt geworfen hatten. Dazu gehörten insbesondere Aktien des amerikanischen Medienkonzerns Viacom CBS. Die Notverkäufe der beiden Banken führten zu einem spektakulären Kurseinbruch. Die Titel büssten innert Stunden mehr als ein Viertel ihres Wertes ein.

Credit Suisse und Nomura, die ihre Positionen erst am Montag zu verkaufen begannen, haben das Nachsehen. Sie können ihre offenen Kredite gegenüber Archegos Capital offensichtlich nur noch teilweise zurückgewinnen. «The first cut is the cheapest» (der erste Schnitt ist der billigste), kommentiert ein anonymer Banker die Entscheidung der Goldmänner vom Freitag, sofort nach Börseneröffnung den grossen Ausverkauf der Archegos-Positionen zu starten.

Knallharte Wall-Street-Bank handelte schneller

Das zementiert den Ruf der legendären Wall-Street-Bank: knallhart und super smart. Dieser Ruf macht die Bank in den Augen der Durchschnittsbürger zwar nicht sympathischer, aber für das Geschäft ist er hilfreich. Goldman-Kunden wissen, dass ihre Bank schneller handelt als die Konkurrenz.

Einen desolaten Eindruck vermittelt der FT-Artikel dagegen von der Credit Suisse: Sie habe nicht schnell genug gehandelt und das Spiel nicht begriffen. Ein anonymer Banker sagt: «Bei einem Fire Sale (Notverkauf) ist die Realität die: Kommst du nicht als Erster aus der Tür, verbrennst du.»

Klar scheint, dass die Banken ihre Verluste hätten vermindern können, wenn sie beim Abverkauf der Archegos-Sicherheiten in einer koordinierten Weise vorgegangen und die anderen Marktteilnehmer nicht erschreckt hätten. Solche Gespräche soll es unter den Banken tatsächlich auch gegeben haben. Die FT schreibt aber, «einige Banken» hätten nach dem Koordinationstreffen kleinere Aktienpositionen veräussert. Damit wird suggeriert, dass diese Banken (genannt werden Credit Suisse und Morgan Stanley) die Vereinbarungen unterliefen und Goldman quasi zum Handeln zwangen.

CS soll auf Waffenstillstand gedrängt haben

Anders liest sich ein Bericht der einflussreichen Finanznachrichtenagentur Bloomberg. Nach diesem habe vor allem die Credit Suisse «auf einen schnellen Waffenstillstand gedrängt», um die Abwicklung des Fonds mit möglichst geringem Schaden für alle Beteiligten über die Bühne zu bringen. Warum diese Bemühungen scheiterten, weiss auch Bloomberg nicht. Auch Bloomberg schreibt, die Einigung unter den Banken sei brüchig geworden, weil einige den Verdacht gehegt hatten, die Schweizer könnten sich nicht an einen Verkaufsstopp halten.

Allerdings schreibt Bloomberg, auch Goldman habe am Freitag Pläne verlauten lassen, Archegos-Positionen abzustossen – angeblich, um den fallierenden Hedgefonds zu stützen. Ob Goldman die anderen Banken hinters Licht geführt hat, ist freilich ebenso wenig erwiesen wie die Version der verschlafenen und möglicherweise naiven Credit-Suisse-Banker.

Klar ist nur eines: Im Nachgang zu dem für Archegos und die Banken denkwürdigen Freitag werden nun verschiedene Erzählungen herumgeboten, welche die Reputation der involvierten Banken beeinflussen soll. Sind die Goldmänner smart oder vor allem skrupellos? Haben die Credit-Suisse-Banker mehr Ehrgefühl, oder sind sie einfach naiv und dem Spiel der grossen Cowboys nicht gewachsen? Die Wahrheit wird man wohl nie erfahren.

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