Lohnstreit

Die Wirtschaft wächst, doch die Löhne stagnieren – auch in der Schweiz?

Kommt der Aufschwung im Geldbeutel an? Die Konsumenten glaubten gemäss Umfragen nie wirklich daran.

Kommt der Aufschwung im Geldbeutel an? Die Konsumenten glaubten gemäss Umfragen nie wirklich daran.

Die Wirtschaft wächst, die Löhne stagnieren: «Wageless growth» erleben gemäss dem Länderverein OECD derzeit die allermeisten Industriestaaten, auch die Schweiz. Die Gewerkschaften protestieren vehement. Doch die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich gibt Entwarnung, vorläufig.

Die Wirtschaft wächst, doch die Löhne stagnieren. Das ist das unschöne Bild, das laut OECD für alle Industriestaaten gilt, auch für die Schweiz. «Wageless growth» nennt es der Länderverein. Dieses scheint auch in der Schweiz zur neuen Normalität zu werden, befürchten die Gewerkschaften. Dennoch dürften die Löhne in den nächsten Jahren wieder stärker steigen.

Diese Woche traten mehrere Gewerkschaften mit harten Worten an die Öffentlichkeit. Die Löhne würden zwar für einen Grossteil der Arbeitnehmer zunehmen. Doch die Teuerung fresse diese Erhöhungen weg, sodass unter dem Strich kaum etwas übrig bleibe. Dabei erlebe die Schweiz gerade einen Boom. Dies sei ungenügend. Unia-Präsidentin Vania Alleva lieferte eine Erklärung hinterher: Man sehe sich konfrontiert mit einer neuen Härte der Arbeitgeber.

Überschiessen und Korrektur

In den Statistiken zeigt sich tatsächlich auf den ersten Blick ein bedenklicher Trend. So sind die realen Löhne gemessen am Schweizer Lohnindex schon 2017 gesunken, 2018 werden sie erneut leicht nachgeben. Die Arbeitnehmer können sich also für ihr Geld weniger kaufen. Eine Wende ist bis 2020 nicht zu erkennen. Der Lohnindex wird real nur schwach steigen, so prognostiziert es die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.

Und doch dürfte «wageless growth» in der Schweiz ein vorübergehendes Phänomen bleiben. Gemäss KOF sind die Jahre der realen Lohnstagnation nämlich nur so etwas wie eine notwendige Korrektur, weil die Löhne zuvor stärker gestiegen waren, als es die Konjunktur zugelassen hätte.

Konkret: In den Jahren 2015 und 2016 hatten die Arbeitnehmer real höhere Lohnerhöhungen bekommen als im langjährigen Mittel. Und dies, obschon der Frankenschock die Margen vieler Unternehmen einbrechen liess. In den Lohnrunden wurde quasi überschossen.

Dafür mussten die Arbeitnehmer danach – 2017 und 2018 – tiefere Lohnerhöhungen hinnehmen – als Korrektur. KOF-Arbeitsmarktexperte Michael Siegenthaler sagt: «Künftig sollte die Lohnentwicklung wieder auf der langjährigen Trendlinie sein.»

Doch wenn es stimmt, dass die Lohnentwicklung lediglich in gewohnte Bahnen zurückkehrt, warum protestieren die Gewerkschaften dennoch mit solcher Vehemenz? Das hat etwas zu tun mit den Feinheiten zweier Statistiken zur Lohnentwicklung.

Es gibt den schweizerischen Lohnindex, der vom Bundesamt für Statistik ausgewiesen wird. Er zeigt die Lohnveränderung für einzelne Arbeitnehmer, wenn sie in ihren jeweiligen Branchen bleiben. Die Gewerkschaften achten vor allem auf diese Grösse: Sie wollen für den gleichen Job höhere Löhne herausholen. Und gemäss Lohnindex erlebt die Schweiz tatsächlich aktuell ein Wachstum ohne Lohnerhöhungen.

Die Ökonomen von der KOF hingegen berechnen eine andere Statistik, «Durchschnittslöhne». Diese hat den grossen Vorteil: Es fliesst mit ein, wenn Arbeitnehmer die Branche wechseln. Denn das tun sie in Massen in der Schweiz, tendenziell von Branchen mit weniger gut bezahlten Jobs in solche mit höheren Löhnen.

Friede, Freude, Eierkuchen

Wenn Ökonomen also wissen wollen, wie sich die Löhne von Frau Meier und Herr Schweizer über viele Jahre hinweg verändert haben, schauen sie auf diese Durchschnittslöhne. Und diese Statistik zeigt: Die Löhne wachsen mit erstaunlich geringen Schwankungen. Bis in die Neunzigerjahre hinein im Mittel um 1,3 Prozent, seither war es noch etwa 1 Prozent.

Damit ist jedoch nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen am schweizerischen Arbeitsmarkt. Wie KOF-Experte Siegenthaler sagt, werden die Sozialpartner in den nächsten Jahren wieder lernen müssen, sich auf einen Ausgleich der Teuerung zu einigen. «Das wurde vielleicht etwas verlernt, weil es viele Jahre lang gar keine Teuerung mehr gab.» Gelinge dies nicht, könnten die realen Löhne tatsächlich längere Zeit stagnieren.

Das könnte erklären, warum die Gewerkschaften schweres verbales Geschütz auffahren. Der Chefökonom der Unia, Beat Baumann, spricht von einer «Machtfrage». Die Arbeitgeber würden schlicht höhere Gewinne erzielen und an die Aktionäre auszahlen wollen. Aber das Baugewerbe habe gezeigt: «Es sind immer noch gute Abschlüsse möglich, wenn sie die Menschen organisieren.» Im Herbst fanden mehrere Warnstreiks statt.

Die Arbeitgeber schlagen eher sanfte Töne an. «Der durchschnittliche Betrieb konnte dieses Jahr schlicht keine kräftigeren Lohnerhöhungen geben, es lag nicht mehr drin», sagt Fredy Greuter vom Arbeitgeberverband. Die Löhne hätten in den Vorjahren stärker angezogen als die Produktivität. Dieses Missverhältnis müsse erst korrigiert werden. Greuter: «Aber wir freuen uns über alle Unternehmen, die ihre Mitarbeiter beteiligen können, wenn die Produktivität stärker gestiegen ist.»

Die Lohnstagnation der letzten beiden Jahre dürfte konjunkturellen Schaden angerichtet haben. Zwischenzeitlich sah es so zwar aus, als würde die Wirtschaft dieses Jahr um stolze 2,9 Prozent wachsen. Professionelle Kommentatoren riefen eine Hochkonjunktur aus. Auf der Überholspur sei die Schweizer Wirtschaft.

Doch die Konsumenten liessen sich nie von der Euphorie anstecken. In ihrem Geldbeutel würde der Aufschwung nicht ankommen, glaubten sie fest. Das zeigen Umfragen, die das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) durchführt.

Diese Überzeugung der Konsumenten half mit, den Aufschwung vorzeitig abzukühlen. Im dritten Quartal 2018 war ihre Kauf-Verweigerung hauptverantwortlich dafür, dass das Seco von einer «abrupten Unterbrechung» des Wachstums berichten musste. Die Prognosen für das Jahr 2019 wurden daraufhin deutlich gesenkt.

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