Digitale Daten
Fertig Faxgerät: Die Pharmabranche erhöht den Druck für mehr Digitalisierung im Schweizer Gesundheitswesen

Corona hat schonungslos offengelegt, wo das Schweizer Gesundheitswesen in puncto Digitalisierung steht: nämlich nirgends. Das soll sich jetzt ändern, fordert die Pharmaindustrie.

Florence Vuichard
Drucken
Teilen
Leider noch immer Realität im Gesundheitswesen: das Faxgerät.

Leider noch immer Realität im Gesundheitswesen: das Faxgerät.

26195416,footlia

Es ist zum Sinnbild geworden, für alles, das schiefging in der Bekämpfung der Pandemie: das Faxgerät im Bundesamt für Gesundheit. Doch das Faxgerät offenbart auch, wie es um die Digitalisierung des hiesigen Gesundheitswesens steht, nämlich nicht gut.

Oder wie es Roche-Chef Severin Schwan vor nicht allzu langer Zeit festgehalten hat: «In Sachen Digitalisierung des Gesundheitswesens befindet sich die Schweiz im Steinzeitalter.» Ein Befund, der von zahlreichen Studien gestützt wird, wie etwa jener der Bertelsmann-Stiftung, welche die Schweiz bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems zur Besenwagen-Gruppe zählt:

Das muss sich jetzt ändern. Das jedenfalls fordert Interpharma-Chef René Buholzer. Sein Verband, der die Interessen der forschenden Pharmaindustrie vertritt, hat deshalb eine «Roadmap», also einen Fahrplan, zum Aufbau eines sogenannten «Gesundheitsdatenökosystems» erarbeitet. Erfasst würden dabei im Idealfall alle Daten, die für die Gesundheit eine Rolle spielen – also vom Gewicht über die eingenommenen Medikamente bis hin zu Symptomen wie etwa Herzrhythmusstörungen.

Die dezentral, von Ärzten oder anderen Leistungserbringern, aber auch von den Patienten selbst erhobenen Daten sollten dann digital erfasst, abgelegt, anonymisiert und standardisiert werden – und könnten dann wieder verwendet werden, von Ärzten, Spitälern und Forschenden.

Interpharma-Chef René Buholzer.

Interpharma-Chef René Buholzer.



Colin Frei

Davon würden laut Buholzer alle profitieren: Die Patientinnen und Patienten bekämen eine bessere, personalisiertere und zielgerichtetere Versorgung und die akademische sowie industrielle Forschung hätten endlich Zugang zu standardisierten und anonymisierten Datensets. Davon verspricht sich die Pharmabranche neue Erkenntnisgewinne sowie kürzere Entwicklungszeiten für neue Therapien und Medikamente. Kurz: «mehr Fortschritt».

Und auch das öffentliche Gesundheitssystem würde gemäss dem Interpharma-Chef von einem Digitalisierungsschub profitieren – «dank mehr Effizienz, Transparenz und Nachhaltigkeit», was letztlich wieder allen zugutekomme. Buholzer verweist etwa auf Dänemark, das auch dank seines hohen Digitalisierungsgrades früher aus dem harten Corona-Regime aussteigen und Lockerungen beschliessen konnte.

Finnland ist schon viel weiter

In anderen Ländern sind die Interpharma-Träume also schon heute Realität. So auch in Finnland, wo die staatliche Behörde Findata als Schaltzentrale waltet: Sie sammelt alle digitalisierten Gesundheitsdaten, und reicht sie, falls angefordert, aufbereitet, anonymisiert und standardisiert weiter.

Findata-Chefin Johanna Seppänen.

Findata-Chefin Johanna Seppänen.

ZVG

Erfasst werden die Daten der gesamten Bevölkerung, doch es gibt eine «Opting Out»-Option für Personen, die ihre Gesundheitsinformationen nicht dem Staat zur Verfügung stellen wollen. Von den gut 5,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern sind bis heute gemäss Findata gerade mal um die 250 Personen ausgestiegen.

Zwei Faktoren sind für den Aufbau eines «Gesundheitsdatenökosystems» entscheidend, wie Findata-Chefin Johanna Seppänen betont: Erstens sollten die verschiedenen Gesundheitsdaten schon digitalisiert vorhanden sein. Und zweitens braucht es für alle Bürgerinnen und Bürger einen einheitlichen Identifikationscode, über den sich die verschiedenen Gesundheitsdaten verbinden lassen. «Das ist das entscheidende Schlüsselelement», sagt Seppänen.

Staat muss Basisinfrastruktur aufstellen

In der Schweiz freilich existiert weder das eine noch das andere, wie man auch bei Interpharma etwas zerknirscht einräumen muss. Die Gründe sind zahlreich: Der Föderalismus mit seinen 26 kantonalen Gesundheitssystemen, das Silo-Denken der unterschiedlichsten Akteure – und wohl auch das fehlende Vertrauen der Bevölkerung, das jüngst durch mehrere Flops nicht gerade gestärkt wurde, wie etwa die Pleite der Plattform meineimpfungen.ch oder das Debakel rund um die Corona-Impfsoftware des Bundes.

Es gibt also noch viel zu tun. An erster Stelle gefordert ist der Bund, wie Buholzer ausführt. Er müsse für den Bau einer digitalen «Basisinfrastruktur» sorgen, eine Art Plattform mit gemeinsamen Regeln und Standards. Der Betrieb wiederum könnte dann von den Akteuren mitfinanziert werden, so wie der Staat die Autobahnen baut, die Nutzer über Vignetten oder Autobahngebühren bezahlen müssen.

Der Druck steigt jedenfalls, auch im Parlament. Gegen den Willen des Bundesrats hat der Nationalrat mit 177 Ja- zu 5 Gegen-Stimmen im Juni eine Motion angenommen, mit welcher er die Regierung beauftragt, eine multidisziplinäre Arbeitsgruppe einzusetzen, welche die notwendigen Grundlagen erarbeiten soll, «damit in der Schweiz zeitnah ein datenbasiertes Ökosystem im Gesundheitswesen geschaffen und von der Forschung in Hochschulen, Industrie und weiteren Interessierten für eine optimale Gesundheitsversorgung genutzt werden kann».

Aktuelle Nachrichten