Dass die Schweizer Ricola erfunden haben, weiss inzwischen jedes Kind. Aber E-Bikes? Ja, das waren auch die Schweizer!

Genauer: Michael Kutter, der mit seinem Pedelec die solarbetriebene Konkurrenz bei einem Rennen von Schaffhausen nach Münsingen abhängte. Das war im Jahr 1990. Fünf Jahre später brachte er sein preisgekröntes Gefährt in die Serienproduktion.

Im selben Jahr gründete sich — ebenfalls in der Schweiz — jenes Unternehmen, welches heute unter dem Namen BikeTech die Referenz unter den E-Bikes baut: den Flyer. Mittlerweile dominiert der Flyer den Schweizer E-Bike-Markt.

Und der ist nicht gerade klein: Europaweit sind nur in Deutschland und den Niederlanden mehr elektrisch betriebene Velos unterwegs.

270 000 fahren bereits auf Schweizer Strassen, allein 50 000 davon neu seit letztem Jahr. Damit hat heute fast jedes sechste neu verkaufte Velo in der Schweiz einen Elektromotor.

Verkäufe sind wetterabhängig

Zwar wurden 2013 etwas weniger E-Bikes verkauft als im Jahr zuvor. Dies habe aber am miesen Frühling gelegen, sagt Roland Fuchs, Leiter der Schweizerischen Fachstelle für Zweiradfragen (SFZ). Der gute Sommer habe die verregnete erste Jahreshälfte nicht mehr ausgleichen können. In diesem Jahr sieht es umgekehrt aus: Auf einen «brillanten Frühling» folgte ein «katastrophaler Sommer», sagt Fuchs. Insgesamt könnten die Verkaufszahlen bis Ende Jahr trotzdem auf über 50 000 steigen, vermutet der Branchenkenner.

Grossen Anteil daran hat die Migros-Tochter M-Way. Das im Jahr 2010 als Start-up gegründete Unternehmen verkauft heute E-Bikes in 18 Shops, verteilt über das gesamte Mittelland. Allein in den letzten 11 Monaten kamen 10 neue hinzu. Im gleichen Tempo soll es im kommenden Jahr auch weitergehen, sagte Marketingleiter Mario Klaus gestern bei einem Vortrag in Zürich.

E-Biker werden jünger

Als Zielgruppe hat Klaus dabei keineswegs nur den klassischen E-Bike-Fahrer im Sinn. Dieser ist männlich, 53,5 Jahre alt und verfügt über ein mittleres Einkommen, wie das Bundesamt für Energie in einer aktuellen Studie herausgefunden hat.

Der heutige Durchschnittskäufer wird sicher auch weiterhin wichtig sein, aber die Klientel wird jünger. Im letzten Jahr habe der Altersdurchschnitt bei den Käufern bei deutlich unter 50 Jahren gelegen, sagt Klaus. Auch immer mehr Frauen seien darunter gewesen.

Das enorme Potenzial bei jüngeren und weiblichen Kunden haben inzwischen auch die Hersteller erkannt. Sämtliche Produzenten wollen dieses Potenzial aktiv bearbeiten. Der Trend geht weg vom «bekannten silbernen Tiefeinsteiger» hin zu sportlichen E-Mountainbikes, modischen E-Lifestyle-Rädern und E-Rennern, erklärt Marketingexperte Klaus.

Für die Damen würden spezielle Modelle in verschiedensten Farben auf den Markt gebracht. Noch bilden die Männer mit zwei Dritteln zwar klar die Mehrheit unter den E-Bike-Fahrern. Klaus rechnet aber damit, dass das Verhältnis schon in absehbarer Zeit bei 50:50 liegt.

Mit dem E-Bike statt per Auto

E-Bikes begleiten also keineswegs mehr nur betagte Herren auf ihrem Sonntagsausflug. Die Einsatzmöglichkeiten sind breit gestreut. Immer beliebter werden die Elektrovelos bei Pendlern. Laut Bundesamt für Energie nutzen 38 Prozent der E-Bike-Fahrer ihr Elektrorad am häufigsten für den Arbeitsweg. Ein Drittel braucht es vorwiegend für Radtouren, der Rest verteilt sich auf Einkaufs- und weitere Freizeitfahrten.

In vielen Fällen hat sich das E-Bike als wahrer Auto-Ersatz etabliert: Rund 40 Prozent aller gefahrenen E-Bike-Kilometer wurden zuvor mit dem Auto zurückgelegt, wie aus der Statistik des Bundesamts hervorgeht. In der Schweiz wurden damit im vergangenen Jahr über 220 Millionen gefahrene Kilometer von der Strasse auf den Radweg verlegt.

Velos werden nicht verdrängt

Ein Verdrängungseffekt für herkömmliche Räder lässt sich dabei nicht feststellen. E-Bikes seien eine Ergänzung zum normalen Veloverkehr, sagt Christoph Merkli, Geschäftsführer des Verbands Pro Velo. Sie «erweitern den Einsatzbereich von Velos» und könnten «zusätzliche Personen fürs Velofahren motivieren».

Für die kommenden Jahre ist die Branche zuversichtlich. «Der Trend zu E-Bikes ist nach wie vor da», sagt Ivica Durdevic, Technischer Leiter beim Flyer-Produzenten Biketec. Die Schweiz bietet dabei hervorragende Bedingungen: Die vielen Berge und das hohe Gehaltsniveau bilden eine gute Grundlage für den Verkauf von E-Velos. Hinzu kommt die Innovationskraft der Schweizer Hersteller.

M-Way-Marketingchef Klaus hat den Wechsel vom Auto aufs E-Bike bereits hinter sich: Den Firmenporsche hat er gegen ein E-Bike getauscht. Für seinen Arbeitsweg hat er früher eine Stunde mit dem Auto gebraucht, inklusive Stau. Heute pendelt er in der gleichen Zeit mit dem Velo — an der frischen Luft, in Bewegung, aber unverschwitzt.