Engpass

Eiernotstand: Jetzt sollen es ausländische Hühner richten

Zwei Millionen Eier laufen bei Lüchinger+Schmid (L+S), dem grössten Eierhändler der Schweiz, pro Tag übers Fliessband. Schweizer Eier sind beliebter denn je – trotzdem soll der Bundesrat das Kontingent für ausländische Eier erhöhen.

Wie eine stramm geführte Armee drängt sich die nicht enden wollende Eier-Kolonne die Rampe hoch. Anstelle einer Erkennungsmarke tragen die weissen Soldaten einen roten Stempel, der ihre Herkunft angibt.

Zwei Millionen Eier laufen bei Lüchinger+Schmid (L+S), dem grössten Eierhändler der Schweiz, pro Tag übers Fliessband.

Die eine Hälfte davon schafft es als sogenanntes Schalen- oder Konsumei in den Detailhandel. Hauptabnehmer von L+S ist die Migros, aber auch Aldi, Lidl und Manor gehören dazu.

Auf die andere Hälfte wartet schon nach wenigen Metern das Ende: Eine Klinge trennt im Sekundentakt das Gelbe vom Ei.

Es entstehen Produkte für die Nahrungsmittelindustrie und das Gewerbe, wie zum Beispiel Eigelb für das Bestreichen von Zöpfen.

Für die Produzenten ist es lukrativer, wenn ihre Eier im Laden landen, als wenn sie zu Eiprodukten verarbeitet werden. Denn für Schaleneier gibt es doppelt so viel Geld.

«Schweizer Eier gehen praktisch vollständig in den Verkauf und werden kaum zu Eiprodukten verarbeitet», sagt L+S-Chef Rudolf Schmid.

Trotzdem mussten 2012 rund 320 Millionen Schaleneier aus dem Ausland importiert werden, um die Schweizer Nachfrage zu decken. Das entspricht 16 000 Tonnen Eiern.

Damit wurde das 1986 mit der Welthandelsorganisation (WTO) vereinbarte Kontingent für den Import von Konsumeiern praktisch vollständig ausgeschöpft.

Für das laufende Jahr zeichnet sich ab, dass die Marke von 16 000 Tonnen überschritten wird. «Wird das Kontingent nicht erhöht, droht im Dezember ein Eier-Notstand», warnt Schmid.

Bauern wollen keine fixe Erhöhung

Die Paritätische Kommission der Eierproduzenten und des Handels (Pako) hat deshalb den Bundesrat aufgefordert, das Zollkontingent für Konsumeier um 1000 Tonnen zu erhöhen.

«Ausserhalb des Zollkontingents ist es sehr teuer, zu importieren», erklärt Schmid.

Konkret: Muss ein ausländisches Konsumei heute mit 3,5 Rappen verzollt werden, würden nach einer Überschreitung des Kontingents 23 Rappen fällig.

Während die Einfuhr von Schaleneiern minuziös kontrolliert wird, herrscht beim Import von Eiprodukten Laisser-faire: «Wenn die Eier flüssig über die Grenze kommen, wird nicht kontingentiert», sagt Schmid. Der Grund liegt auf der Hand: Zerschlagene Eier sind keine Konkurrenz für die Schweizer Produzenten.

Grundsätzlich sind sich in der Branche alle einig, dass das Zollkontingent für Konsumeier erhöht werden muss. Der Schweizerische Bauernverband (SBV) pocht jedoch auf eine temporäre Anpassung für ein Jahr:

«Wir wehren uns gegen eine dauerhafte Erhöhung. Schliesslich kann es sein, dass die Nachfrage nach Schaleneiern in Zukunft wieder zurückgeht. Dann würde das höhere Kontingent den Schweizer Produzenten schaden», sagt Präsident Markus Ritter.

Des Weiteren befürchtet der SBV, dass die freiwillige Erhöhung der WTO-Einfuhrgrenze den künftigen Verhandlungsspielraum unnötig einschränkt.

Verantwortlich dafür, dass eine definitive Erhöhung überhaupt im Raum steht, ist das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). Dieses unterstützte den Pako-Antrag auf eine Anhebung der Zollgrenze nur unter der Bedingung, dass diese dauerhaft gelte und nicht nur für ein Jahr:

«In den Jahren 2008 und 2009 hat der Bundesrat die Zollkontingente für Konsum- und Verarbeitungseier auf Begehren der Branche befristet erhöht. Jeweils Ende Jahr zeigte sich, dass die Erhöhungen umsonst waren. Dieses Spiel möchten wir nicht jedes Jahr spielen», sagt Niklaus Neuenschwander vom BLW.

Sein Bundesamt hat deshalb den interessierten Kreisen im Rahmen einer Anhörung eine dauerhafte Erhöhung des Zollkontingents für Konsumeier unterbreitet. Der SBV hat dabei seine Argumente aber ebenfalls eingebracht. Die Entscheidung im Bundesrat fällt voraussichtlich im Oktober dieses Jahres.

«Schweizer» Produktion im Ausland

Die Schweiz kann ihren Eier-Bedarf nicht selbst decken. Bei den Schaleneiern beträgt der Selbstversorgungsgrad rund 75 Prozent, insgesamt - inklusive Eiprodukte - sind es gar nur 54 Prozent.

Der Anteil an Schweizer Eiern wächst zwar leicht, so richtig vorwärts kommt man aber nicht.

«Wir finden zwar problemlos Leute, die einen Stall führen wollen, aber es ist schwierig, Baubewilligungen für neue Produktionsbetriebe zu erhalten», sagt Schmid von L+S.

Zum einen würden neue Anlagen durch Einsprachen von Naturschützern verhindert, zum andern sei auch der Unwille vieler Kantone ein Hindernis: «Alle wollen Eier aus der Region, aber keiner will tierische Produktionsbetriebe in seiner Nähe», sagt der 60-Jährige.

Schweizer Eier sind aufgrund der wachsenden Bevölkerung, Lebensmittelskandalen im Ausland sowie dem Swissness-Bedürfnis so gefragt wie nie zuvor.

Die Migros als wichtigster L+S-Kunde will diesem Bedürfnis Rechnung tragen. Der grösste Detailhändler der Schweiz hat versprochen, bis 2020 die Schweizer Tierwohl-Standards auch bei allen Produkten aus dem Ausland einzuführen. «Das fordert natürlich uns als Lieferanten», sagt Schmid.

L+S will deshalb den «Swiss-Certified»-Standard, der momentan bei den Schweizer Produzenten durchgesetzt wird, auch im Ausland implementieren. «Wir wollen in der EU Produktionsbetriebe nach Schweizer Standard aufbauen», erklärt Schmid.

Die Eier sollen dann als «Swiss Certified» in der Schweiz verkauft werden. Details sind noch nicht geklärt. So ist beispielsweise offen, ob auch betreffend Betriebsgrösse Schweizer Regeln gelten sollen.

In der Schweiz darf ein Betrieb maximal 18 000 Legehennen halten, in der EU dagegen sind Betriebe mit 100 000 oder gar 500 000 Legehennen keine Seltenheit.

Schmid hofft, dass die Migros im Ausland nicht auf die 18 000er-Regelung besteht: «Entscheidend ist schliesslich, wie viel Auslauf das einzelne Huhn hat und nicht die Anzahl Tiere.»

Romantisierung der Detailhändler

In der Fabrik in Kloten haben es die Konsumeier mittlerweile in die Verkaufsverpackungen der verschiedenen Detailhändler geschafft. Die Angestellten müssen die kleinen Schachteln nur noch vom Fliessband nehmen.

Alles andere hat die Maschine bereits erledigt: Die Eier wurden fotografiert, um zu sehen, ob alle sauber sind. Geordnet, damit alle in die gleiche Richtung schauen.

Abgeklopft, um mittels Audiotest herauszufinden, ob ein Ei beschädigt ist. Und gar gescannt, um Eier auszusortieren, die einen Blut- oder Leberfleck haben.

Dabei ist immer klar, welches Ei von welchem Produzenten und gar von welchem Stall kommt - auch bei Importeiern: «Ausländische Eier sind nicht schlechter als Schweizer Eier - sehr vieles ist emotional», sagt Schmid.

Die Qualitätskontrolle scheint zu stimmen, mit dem bekannten Migros-Werbefilm, in welchem die Henne Berta ihr Ei direkt in den Verkaufskarton legt, hat die Realität aber herzlich wenig zu tun.

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