Leserdebatte

Ein Sofa zur Miete gefällig? Ikea und Co. wollen Möbel nicht nur verkaufen, sondern vermieten

Einzelne Möbelgeschäfte lancieren in der Schweiz das Möbel-Abo. Damit wollen sie Expats, Studenten oder Firmen ansprechen.

Sharing-Konzepte haben in der Wirtschaft bereits viele Sektoren auf den Kopf gestellt: der Streamingdienst Netflix die Filmbranche, der Fahrdienstvermittler Uber die Taxibranche oder der Zimmervermittler Airbnb die Hotellerie. Die Devise «Nutzen statt besitzen» entspricht dem Zeitgeist – und wird nun auch von Möbelhändlern aufgegriffen. Vereinzelte Unternehmen planen, Möbel auf Mietbasis anzubieten. Bereits lanciert wurde das «Möbel-Abo» von der Firma Beliani in Baar ZG. Seit Anfang September kann man bei ihr Lampen, Betten oder Teppiche für mindestens zwei Jahre mieten. Auch das schwedische Möbelhaus Ikea testet momentan verschiedene Abo-Optionen.

Kaufen oder mieten? Einzelne Möbelgeschäfte steigen ins Verleih-Business ein.

Kaufen oder mieten? Einzelne Möbelgeschäfte steigen ins Verleih-Business ein.

Vollkommen neu ist das Möbel-Abo allerdings nicht. Die im Kanton Bern ansässige Firma Packimpex, die auf internationale Umsiedlungen spezialisiert ist, bietet solche Abos schon seit Jahren an – auch unter einer Vertragsdauer von zwei Jahren. Zur Auswahl stehen dort in erster Linie bereits zusammengestellte Zimmerpakete. «Der Markt für Möbelvermietung war in der Schweiz bisher ein Nischenmarkt, während diese Art von Möblierung zum Beispiel in den USA schon lange bewährt ist», sagt Bereichsleiter Ahmad Touhami.

Expats, Firmen und Studenten

Dass nun auch Möbelgeschäfte in den Markt drängen, sieht Touhami nicht als Problem. «Dies kann zu einer Steigerung der Aufmerksamkeit für das Thema führen und auch für uns Wachstumspotenziale mit sich bringen.» Bereits in den vergangenen Jahren sei der Markt für Möbelvermietung gewachsen. Er führt dies aber weniger auf den Nachhaltigkeitstrend als auf Veränderungen in der Arbeitswelt zurück. Zu den wichtigsten Kunden gehören nämlich Geschäftsleute. «Wir beobachten einen Rückgang der klassischen Expats, dafür eine Zunahme kurzer, projektbezogener Auslandeinsätze.»

Nebst Geschäftsleuten sind auch Studenten, Firmen oder trendgetriebene Konsumenten als Zielgruppe denkbar. Beliani sucht derzeit die besten Kundensegmente. Dabei hat sich ein grundsätzliches Problem gezeigt: «Unsere erste Erkenntnis ist, dass das Möbel-Abo auf grosses Interesse stösst – leider aber vor allem bei Leuten, welche die Kosten nicht auf einmal aufbringen können und daher die Bonitätsprüfung nicht bestehen», sagt Co-Geschäftsführer Stephan Widmer.

Doch auch bei solventen Kunden sei die Nachfrage zum Glück vorhanden. Widmer bezeichnet das Möbel-Abo daher als «sehr interessantes Experiment», das aber noch seine Tücken hat. Bislang macht das Angebot drei Prozent des Gesamtumsatzes von Beliani aus.

In der Experimentierphase ist auch Ikea. Das Möbelhaus wollte das Möbel-Abo ursprünglich bereits im Sommer lancieren, musste seine Pläne aufgrund mangelnder Kunden aber verschieben, wie Branchenkenner verlauten lassen. Aktuell wertet das Möbelhaus Tests aus, mit denen es in mehreren Ländern die Attraktivität des Angebots untersucht hatte. Bisherige Erkenntnisse: Junge sprechen gut auf das Angebot an. Kunden wollen aus gleich vielen Produkten wie beim Kauf auswählen können.

Innovation oder reine Marketingaktion?

Ob bald weitere Möbelhändler ins Abo-Business einsteigen ist offen. Micasa und Livique, die Tochterfirmen von Migros und Coop, geben sich zurückhaltend. Sie werten die neue Entwicklung als positiv, planen aktuell aber kein konkretes Projekt. Kritischer klingt es bei der Schubiger Möbel AG, welche das Mietangebot als reine Marketingaktion bezeichnet. Aus ihrer Sicht ist es nichts anderes, als eine Ratenzahlung der Möbel inklusive Lieferung, Montage und Entsorgung. Dem widersprechen Ikea und Beliani. Die Händler verweisen auf die Vorteile der Kreislaufwirtschaft und die Idee, dass die Möbel nach Ablauf der Vertragsdauer wieder zurückkommen. Bei Beliani etwa werden sie auf Ricardo versteigert oder gespendet.

So oder so tun Möbelhändler gut daran, Trends zu ihrem Vorteil zu nutzen. In den letzten Jahren war der Schweizer Markt von Kaufkraftabflüssen ins Ausland geplagt. 2018 konnte er sich mit einem Umsatzminus von nur einem Prozent einigermassen halten. Diesen September waren Möbel aber rund 13 Prozent günstiger als noch zehn Jahre zuvor.

Autor

Gabriela Jordan

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