Elektroautos
Der Autoboom in China beflügelt die deutschen Autobauer – «Diesel-Gate ist bereits vergessen»

Trotz Corona: Die Aktien von VW und Co. klettern in Rekordhöhen. Schweizer Zulieferer müssen nun rasch auf E-Mobilität umsatteln, sagt ein Branchenkenner.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Elektroautos wie hier das Modell ID.4 sollen VW in die Zukunft führen.

Elektroautos wie hier das Modell ID.4 sollen VW in die Zukunft führen.

Getty

Die deutsche Automobilindustrie hat ein schweres Jahr hinter sich. Mit Beginn der Coronapandemie brachen die Aktienkurse von Daimler, BMW und VW zusammen. Die Autokäufe gingen zurück, weil die Kunden in Krisenzeiten beim Autokauf auf die Bremse traten.

Und sie wollten auch nicht in eine Branche investieren, die sich mitten im Wandel befindet: Lohnt sich der Kauf eines Dieselautos oder eines Benziners oder ist der Verbrennungsmotor wegen der Elektro-Offensive und Dieselfahrverboten in Innenstädten ohnehin bald Geschichte?

Die Kunden sind noch immer zurückhaltend

Nun, die Coronakrise hat Europa noch immer fest im Griff. Doch die Aktienkurse der deutschen Autogiganten haben teilweise Rekordhöhen erreicht. Der Aktienkurs des Volkswagenkonzerns ist beispielsweise auf Werte aus den Rekordzeiten im Frühjahr 2015 geklettert, als der bald darauf folgende Diesel-Skandal um in Motoren eingebaute Schummelsoftware noch nicht bekannt war.

Die Wertsteigerungen wirken überraschend, zumal die Kundschaft beim Autokauf noch immer zurückhaltender agiert als vor der Krise. Allerdings ist der Aufschwung der Aktienkurse der deutschen Autobauer ein Indiz dafür, dass die Anleger in die sich rasant wandelnde Branche vertrauen. Sämtliche deutsche Autobauer satteln ihre Fabriken auf Elektromobilität um, an vorderster Front VW.

Der Staat fördert die Elektroautos

Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer, Automobilexperte

Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer, Automobilexperte

Mike Auerbach

Der Volkswagen-Konzern hat sich erfolgreich aus der Krise rund um manipulierte Diesel-Motoren befreit. «Der Diesel-Gate ist vergessen, die alte Führungsriege bei VW ist Geschichte, der Konzern ist nicht wieder zu erkennen», lobt der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer im Gespräch mit dieser Zeitung.

Die Elektro-Offensive der deutschen Autobauer wird durch staatliche Förderung begünstigt. Die Bundesregierung unterstützt die Umstellung auf Elektromobilität mit Kaufprämien und steuerlichen Anreizen. Bis 2030 sollen mindestens 10 Millionen rein elektrisch betriebene Fahrzeuge auf den deutschen Strassen herumfahren, in Europa mindestens 30 Millionen. Hinzu kommen verschärfte Umweltrichtlinien der EU, welche den Autobauern keine andere Wahl lassen, als auf umweltfreundliche Antriebstechnologie umzurüsten.

Schweizer Firmen müssen sich anpassen

Die Autobauer haben sich auf den langsamen Tod des Verbrennungsmotors eingestellt. Daimler will spätestens 2039 keine Autos mit Benzin- und Dieselmotoren mehr verkaufen, bis 2030 soll jeder zweite BMW, der das Werk verlässt, elektrisch betrieben sein, VW will bis dahin 70 Prozent der Gesamtverkäufe mit Elektromobilität generieren.

Anpassen an die Neuausrichtung müssen sich auch die Zuliefer-Firmen, auch in der Schweiz. Laut dem «Swiss Center of Automotive Research» (Swiss Car) der Universität Zürich erwirtschaften mehr als 570 für die Branche relevante Schweizer Firmen einen jährlichen Umsatz von 12 Milliarden Franken und beschäftigen 34'000 Personen.

«China rettet mal wieder die Welt»

Doch etwa 40 Prozent der Firmen produzieren noch immer für die traditionellen Verbrennungsmotoren, wie Swiss-Car-Direktorin Anja Schulze im vorigen Sommer vorgerechnet hat. «Wer sich dem Wandel nicht anpasst, wird untergehen», sagt Auto-Experte Dudenhöffer, der den innovativen Schweizer Zulieferer-Markt aber grundsätzlich gut aufgestellt sieht:

«Die Schweiz hat hervorragende Universitäten und ist technologisch ein Spitzenreiter. Die Branche muss sich der Veränderung nur stellen.»

Allerdings: Die Umstellung auf E-Antriebe alleine beflügelt die Aktienkurse noch nicht. Dass die Aktien der deutschen Autobauer aktuell in die Höhe schnellen, hat für Dudenhöffer vor allem mit dem boomenden Markt in China zu tun. «China rettet mal wieder die Welt», sagt er und verweist auf jüngste Zahlen zum Automarkt in China. In den ersten drei Monaten des Jahres wurden im «Reich der Mitte» fast 6,5 Millionen Fahrzeuge verkauft – 76 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Für das Gesamtjahr 2021 rechnet Dudenhöffer mit 24,7 Millionen Autoverkäufen in China, was einem neuen Höchstwert gleichkäme.

Wird VW zum Marktführer der Elektroautos?

«Damit werden 32 Prozent aller weltweit verkauften Autos in China verkauft und der VW-Konzern ist dort Marktführer mit 19 Prozent Marktanteil», so Autoexperte Dudenhöffer.

Nichtsdestotrotz sieht Dudenhöffer die deutschen Autobauer im heimischen Markt gut aufgestellt – dank der Umrüstung auf Elektroantriebe. «Volkswagen wird bei der E-Mobilität zum Weltmarktführer», prophezeit der Professor der Fachhochschule in Gelsenkirchen. Laut Dudenhöffer könnten in Deutschland durch die Neuausrichtung der Branche mehr Jobs entstehen als zu den «guten alten Zeiten» des Verbrennungsmotors.

Derzeit sind in Deutschland direkt und indirekt mehr als 820.000 Jobs von der Automobilindustrie abhängig. Dudenhöffer schliesst mit einer Forderung: «Wir sollten in Europa ein Datum festlegen, ab wann keine Verbrenner mehr verkauft werden dürfen», sagt er. Das würde die Innovationskraft in Europa ankurbeln und wir könnten die Lücke zu Asien verkleinern.»

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