Gesundheitswesen
Ernüchternde Bilanz: Krankenkassen-Prämien haben sich seit 1996 verdoppelt

Seit 20 Jahren besteht das Krankenversicherungsgesetz mit der obligatorischen Grundversicherung. Seitdem drücken sich alle um Kosteneinsparungen.

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Ein Hausarzt behandelt einen Patienten: Das Schweizer Gesundheitswesen ist zwar supergut, aber auch superteuer. (Symbolbild)

Ein Hausarzt behandelt einen Patienten: Das Schweizer Gesundheitswesen ist zwar supergut, aber auch superteuer. (Symbolbild)

Keystone

Unser Gesundheitswesen ist super», sagt Otto Piller. Der einstige SP-Ständerat war ab 1997 als Direktor des Bundesamts für Sozialversicherungen für die Aufsicht über die Krankenversicherer zuständig.

Ein Jahr zuvor war das neue Krankenversicherungsgesetz (KVG) in Kraft getreten. Er würde das Gesetz auch heute wieder annehmen, sagt Piller: «Bis 1996 gab es nur risikogerechte Prämien. Meine Eltern zahlten deshalb nach der Einführung der Einheitsprämie nicht mehr höhere Prämien als jüngere Versicherte. Die Grundversicherung kostete sie danach deutlich weniger.»

Seit damals, so Piller, war jedermann krankenversichert: «Das ist einer der Trümpfe des schweizerischen Sozialversicherungssystems.»

Erstaunlich hohe Akzeptanz

Die Grundversicherung deckt sämtliche gesundheitlichen Risiken ab, sagt Piller: «Niemand ist schlechter versichert. Daher benötigt niemand Zusatzversicherungen, mit denen die Krankenversicherer viel Geld verdienen.»

Das schätzen die Bürger: 82 Prozent haben gemäss einer alljährlich durchgeführten Befragung einen «eher» oder «sehr positiven» Eindruck vom Gesundheitswesen. Daher sei gemäss dem Branchenverband Interpharma «der Boden für weitere, gross angelegte Reformen ohne klar ersichtlichen Patienten- oder Kundennutzen derzeit nicht gegeben».

Erstaunlich, denn die ökonomischen Eckwerte sind nicht berauschend. Die Prämien stiegen im Schnitt seit 1996 jährlich um 4,6 Prozent. Die Ausgaben für Behandlungen von Ärzten, Spitälern oder für Medikamente schossen um 150 Prozent in die Höhe.

Daher würde Felix Schneuwly, Krankenversicherungsexperte des Internetvergleichsdiensts comparis.ch, das KVG heute nicht mehr annehmen: «Das Hauptargument im Abstimmungskampf für die Einführung des Obligatoriums war, das Kostenwachstum in den Griff zu bekommen. Dieses Ziel wurde verfehlt.»

Viele Rechte, wenig Pflichten

Die Grundversicherung sei «eine geschützte Werkstatt», sagt Schneuwly: «Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) krankt daran, dass die Versicherten, die Leistungserbringer und die Krankenversicherer zu viele Rechte und zu wenig Pflichten haben. Keiner der Beteiligten ist daran interessiert, unternehmerische Risiken eingehen zu müssen.» So müsse der Versicherte kaum Eigenverantwortung übernehmen. «Er zahlt und holt dann später möglichst viele Leistungen ab.» Ärzte und Spitäler müssten nicht nachweisen, dass sie qualitativ gut arbeiten: «Bezahlt wird immer.»

Die Politik ist blockiert: Massnahmen zur Kostendämpfung haben es schwer. Die Linke kämpft – Seite an Seite mit den Ärzten – bisher erfolgreich für den Status quo. Dank des medizinischen Fortschritts, so Ex-Sozialversicherungsdirektor Piller, haben wir eine höhere Lebenserwartung: «Als eines der reichsten Länder der Welt können wir uns diese Ausgaben auch leisten.»

Es dürfe keine Rationierung von Gesundheitsleistungen geben. Mehr Wettbewerb funktioniere nicht, weil der Patient nicht beurteilen kann, wie er behandelt werden muss. Nur die Finanzierung sei nicht sauber gelöst: «Wegen der Kopfprämien zahlen alle gleich viel.» Wer weniger als rund 60 000 bis 75 000 Franken verdiene, erhalte Prämienverbilligung: «Um den unteren Mittelstand zu entlasten, der davon nicht mehr profitiert, sollte man die Kinder von den Prämien befreien.»

Nur an Finanzierung geschräubelt

Das wäre ein weiterer Versuch, das System mittels Herumschräubeln an der Finanzierung über die Runden zu retten. So hat man in der Vergangenheit bereits die Kostenbeteiligung für die Versicherten angehoben – mittels der Erhöhung von Franchisen. Wer mehr selber bezahlte, erhielt tiefere Rabatte. Dafür verteilten die Behörden viele Geschenke, die sie in Verordnungen verpackten, sagt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel: «So wurde Leistungsausbau betrieben. Einsparungen bei Tarifpartnern wie Spitälern oder Ärzten wurden nie umgesetzt.»

Die Schweiz sei das einzige Land, das es Versicherten ermögliche, den Arzt frei zu wählen, und den Ärzten gleichzeitig die Therapiefreiheit garantiere, sagt Humbel: «Daher können Patienten stets den Arzt wechseln. Der neue kann sie dann wieder umfassend abklären und behandeln.» Daher sollte der Vertragszwang eingeschränkt werden, damit Krankenversicherer nur mit Spitälern oder Ärzten abrechnen müssen, die ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten: «Wir haben die Zulassungssteuerung für Ärzte um drei Jahre verlängert. In dieser Zeit wollen wir eine Vorlage zur Lockerung des Vertragszwangs ausarbeiten.»

Für Versicherte sollte als Grundmodell ein Managed-Care-Angebot wie Hausarztmodelle oder HMO gelten, bei denen die Kassen eine Mitsprache bei der Übernahme von Kosten für Behandlungen oder Medikamente haben. Eine Vorlage, welche diese Modelle fördern sollte, versenkten die Stimmbürger zwar vor vier Jahren. Dennoch schonen heute mehr als 60 Prozent mit der Wahl solcher Angebote ihr Portemonnaie, weil sie dafür einen Rabatt erhalten.

Es könnten mehr sein, wenn sich die Krankenversicherer nicht lange geweigert hätten, den Risikoausgleich (siehe rechts) zu verbessern. Es war für sie lohnender, Kranke abzuwimmeln und dafür gesunde und daher meist junge Kunden anzulocken – mit oft zu tief angesetzten Prämien. Dazu sagt Schneuwly: «Damit verpassten sie eine grosse Chance, ihren Ruf mit dem Wettbewerb um beste Effizienz und Qualität der medizinischen Leistungen zu verbessern.»

Krankenversicherung: So funktionierts!

Krankenversicherungsgesetz (KVG): Das im Dezember 1994 knapp angenommene Gesetz ist seit Anfang 1996 in Kraft. Seither ist die Grundversicherung obligatorisch. Nach Erhalt der Prämie für das kommende Jahr können Versicherte bis Ende November kündigen. Es besteht ein Aufnahmezwang. Alle Versicherte in der gleichen Alterskategorie und Region zahlen gleich viel. Für alle Anbieter gilt der gleiche Katalog der Leistungen. Patienten haben die freie Arztwahl. Kassen dürfen Angebote mit eingeschränkter Arztwahl wie Hausarztmodelle oder HMO anbieten.

Risikoausgleich: Kassen, die viele ältere und daher oft kränkere Kunden haben, erhalten Geld von Anbietern mit vielen jungen, und daher meist gesünderen Kunden. Weil dieser Ausgleich ungenügend ist, lohnte sich die Jagd nach guten Risiken, also gesunden und daher meist jüngeren Kunden. Ab 2017 wird der Risikoausgleich zum zweiten Mal verfeinert.

Vertragszwang: Krankenversicherer müssen in der Grundversicherung die Rechnungen für Behandlungen je-des Spitals, Arzts oder anderen Leistungserbringern berappen. Das verhindert, dass Krankenversicherer nur mit den Ärzten oder Spitälern einen Vertrag abschliessen können, die qualitativ gute Behandlungen durchführen, sondern auch noch gut wirtschaften, also das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bieten. Die Abschaffung ist politisch höchst umstritten, weil die Ärzteschaft blockt.

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