Tourismus-Krise

«Es rechnet sich nicht»: Oberster Hotelier will kleine Tourismusorte zugunsten grosser opfern

Hotelleriesuisse-Chef Andreas Züllig: «Wir können nicht mehr jedes Tal mit öffentlichem Verkehr erschliessen und Brücken bauen für 200 Einwohner.»

Hotelleriesuisse-Chef Andreas Züllig: «Wir können nicht mehr jedes Tal mit öffentlichem Verkehr erschliessen und Brücken bauen für 200 Einwohner.»

«Kein Geld mehr nach dem Giesskannenprinzip»: Die Idee von Hotelleriesuisse-Chef Andreas Züllig stösst nicht nur auf Gegenliebe.

Als Kind, sagte Andreas Züllig einst in einem Interview, sei es sein Traum gewesen, Marktfahrer zu werden und mit einem Autoscooter von Chilbi zu Chilbi zu ziehen. Stattdessen ist Züllig Hotelier und Verbandspräsident geworden.

Den Zusammenprall aber scheut der Besitzer des «Schweizerhofs» auf der Lenzerheide auch mit 57 Jahren nicht: In der gestrigen «Sonntagszeitung» jedenfalls garnierte er seine Forderung nach einem «Marshallplan zur Entwicklung der Bergregionen» mit einer provokativen Idee: Gewisse Regionen oder Orte sollten nicht mehr gefördert werden, «weil es sich nicht rechnet», sagte der Chef von Hotelleriesuisse.

«In Graubünden gibt es noch vier grössere Wirtschaftsräume, die man weiterentwickeln könnte: das Ober- und das Unterengadin, Arosa/Lenzerheide, Davos/Klosters, Flims/Laax.»

Ginge es nach Züllig, würden alle anderen Gemeinden sich selbst überlassen. Denn: «Wir können nicht mehr jedes Tal mit öffentlichem Verkehr erschliessen und Brücken bauen für 200 Einwohner.»

Zülligs markige Worte sorgen in Graubünden für einigen Wirbel. «Nähmen wir seine Forderung ernst, könnten wir direkt hinter Laax einen Stausee errichten», sagt CVP-Nationalrat Martin Candinas.

Züllig vergesse Obersaxen, Brigels, Disentis und Sedrun, die zwar vielleicht in der Hotellerie nicht gleich bedeutend seien wie die vier von ihm genannten Hotspots, als Ferien- und Zweitwohnsitzdestinationen aber nicht minder wichtig seien.

«Gefördert werden muss die ganze Breite des touristischen Angebots», so Candinas. «Nicht nur die Spitze, sondern auch die erschwinglicheren ruhigeren Destinationen.»

«Büchse der Pandora geöffnet»

Obgleich der Politiker aus der Surselva ausgerechnet einem Hotelliersuisse-Mitarbeiter mit einem seiner zwei Badges Zugang zum Bundeshaus verschafft, spart er nicht an Kritik an dessen Präsident.

«Züllig öffnet die Büchse der Pandora. Beginnen wir damit, Regionen gegeneinander auszuspielen und nur noch wenige touristische Ballungsräume zu fördern, brauchen wir nicht zu staunen, wenn auf nationaler Ebene der Vorschlag kommt, das ganze Berggebiet sich selbst zu überlassen.»

Auf die Chancenlosigkeit von Zülligs Vorstoss weist der kantonale Wirtschaftsförderer Eugen Arpagaus hin: «Der gegenwärtige politische Wille läuft seiner Idee zuwider», sagt er. «Man will die Räume im Sinne der Nachhaltigkeit so lange wie möglich nutzen.»

Eine vor zehn Jahren initiierte Diskussion um «potenzialarme Räume» sei ergebnislos versandet. 2015 habe man mit der regionalen Standortentwicklungsstrategie «Agenda 2030» einen neuen Versuch gestartet, die Gemeinden zu mehr Zusammenarbeit zu verpflichten. Nun müsse diese erst einmal umgesetzt werden.

«Halt mit Helikoptern anfliegen»

Lob für Züllig hält hingegen der Flimser Tourismusfachmann Robert Wildhaber bereit: «In Destinationen wie Tschiertschen und Bergün stellen Subventionen blosse Pflästerchen dar, die die Wunden nachhaltig nicht zu heilen vermögen.»

Statt für strukturerhaltende Massnahmen Geld auszugeben, müsse sich der Tourismus für die Zukunft fit machen. «Zülligs Vorschlag geht in die richtige Richtung: Es braucht eine Konzentration der Mittel.»

Überraschend positiv äussert sich auch Immobilienunternehmer Remo Stoffel – und das, obwohl Züllig «sein» Vals als einzige Gemeinde explizit als nicht mehr förderungswürdig bezeichnet.

Orte wie Vals sollten nur überleben, wenn sich private Investoren fänden, so der Hotelliersuisse-Präsident. «Züllig hat schon recht: Wir müssen die Kräfte bündeln», sagt Stoffel. «Geht es den von ihm erwähnten vier Flaggschiffen unserer Tourismusregion gut, profitieren auch die Kleinen.»

Es bringe nichts, so Stoffel, wegen der seit Jahren fortschreitenden Entvölkerung vieler Täler und des immer stärker schwächelnden Tourismus in Tränen auszubrechen. Stattdessen müssten die Destinationen innovativer werden.

«Um ein Beispiel zu nennen: Wenn der Bund die Zufahrtsstrassen nach Vals nicht mehr sanieren würde, müssten unsere Gäste das Hotel halt diskussionslos mit Helikoptern anfliegen dürfen.»

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