Edwin Somm war vier Jahrzehnte lang für ABB und die Vorgängerfirma BBC tätig und ist eigentlich keiner, der seinen Nachfolgern dreinredet. Doch nach dem Verkauf der Stromnetzsparte, des Herzstücks der ABB, an die japanische Hitachi mag er nicht schweigen.

Somm, mit 85 Jahren noch topfit, erscheint gut dokumentiert mit Aktenmappe zum Interview. Er war Geschäftsführer von ABB Schweiz und sass 1997 bis 2002 im Verwaltungsrat von ABB.

Herr Somm, vor zwei Jahren sagten die ABB-Verantwortlichen nach einer Strategieüberprüfung, ein Verkauf des Stromnetzgeschäfts stehe nicht mehr zur Diskussion. Nun hat der Konzern entschieden, genau diese Sparte an den japanischen Konzern Hitachi zu verkaufen. Ist die Wende für Sie nachvollziehbar?

Edwin Somm: Nein. Vor zwei Jahren war ABB der Überzeugung, dass das Geschäft zu ABB gehöre und mit den andern Bereichen viel Synergien habe. Die ABB-Führung hat nun nicht wirklich erklärt, was jetzt anders sein soll. Warum jetzt dieses gesunde Geschäft bei Hitachi eine bessere Zukunft haben soll als bei ABB, ist mir unverständlich.

ABB-Chef Ulrich Spiesshofer sagte dazu im Interview mit den CH-Media-Zeitungen, der Verkauf erfolge nicht, weil er nicht an die Zukunft dieses Geschäfts glauben würde, «sondern weil wir ABB fokussieren wollen». Ist das glaubwürdig?

Das klingt so, als wäre ABB nicht mehr imstande, diese wichtige Sparte zu führen: Der Treiber für den Verkauf ist nicht der Markt, sondern der Zweifel am eigenen Können. Mit der Umkehrung dessen, was man vor zwei Jahren gesagt hatte, hat ABB in dieser Sache das Selbstvertrauen aufgegeben und damit auch das Vertrauen der Kunden und Mitarbeitenden in die ABB geschädigt.

Die Fokussierungs-Strategie wurde von Aktionärsseite gewünscht – konkret von Cevian Capital, der über 5 Prozent am ABB-Kapital hält. Was ist falsch daran, auf die Eigentümer zu hören?

Dieser Verkauf ist kaum im Sinn langfristig orientierter Aktionäre. Wahrscheinlich hat man dem Druck dieses einen Aktionärs nachgegeben. Eine solche Verhaltensweise ist nicht vertrauensbildend. Auch an der Börse hat ABB dadurch offenbar das Vertrauen noch nicht zurückgewonnen, auf jeden Fall blieb bis heute der Start zum Kurssprung auf 35 Franken aus.

Was schliessen Sie aus der Reaktion der Börse?

Man glaubt nicht mehr an die Erreichung der verkündeten Ziele, diese war ja auch in den letzten vier Jahren aus verschiedenen Gründen nicht vertrauenserweckend.

Die Aktionäre können dennoch zufrieden sein: Ihnen fliessen durch den Verkauf Milliarden von Franken zu.

Dass die gesamten Nettoerlöse aus dem Verkauf an die Aktionäre ausgeschüttet werden sollen, ist Kapitalismus in Höchstform! Den ganzen Erlös den Aktionären zu geben, heisst letztlich: Die ABB-Führung hat selber absolut keine Idee, wie sie das Kapital unternehmerisch einsetzen könnte. Wo liegt denn da die Verantwortung für die Sicherung der ABB-Zukunft?

Wohin sollte denn Ihrer Ansicht nach der Verkaufserlös fliessen?

Ein substanzieller Teil müsste in Forschung und Entwicklung, in die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden investiert werden. Die anspruchsvolle Zukunft kann ABB nur durch neue Produkte in Software und Hardware bewältigen. Das erfordert einen Grosseinsatz in Forschung und Entwicklung. Die Forschungsresultate wiederum können nur durch top ausgebildete Menschen zeitgerecht umgesetzt werden.

Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann zum ABB-Verkauf: «Da müssen wir die Augen offen halten»

Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann zum ABB-Verkauf: «Da müssen wir die Augen offen halten» (Beitrag vom 18. Dezember)

Ohne Umschulung haben viele Mitarbeiter keine Möglichkeit mehr, einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

Das ist so, der Mitarbeiter verliert die Arbeitsmarktfähigkeit. Der Übergang zur digitalen Industrie wird viele Menschen freisetzen, und damit diese nicht ins Nichts fallen, müssen so viel wie möglich umgeschult und weitergebildet werden. Diese Aufgaben müssen die Unternehmen wahrnehmen und nicht der Staat!

Gemäss ABB-Chef Spiesshofer müssen sich die Schweizer ABB-Mitarbeiter, die jetzt zu Hitachi wechseln, keine Sorgen machen: Langfristig werde es eher mehr als weniger Schweizer Jobs geben im Stromnetzgeschäft von Hitachi, sagte er.

Das sind nichtssagende Aussagen. Herr Spiesshofer hat ja dieses Geschäft verkauft und ist für die Entwicklung des Geschäftes gar nicht mehr zuständig! Oder hat er denn diese Beurteilung schriftlich von Hitachi bekommen? Wohlweislich macht dies kein Unternehmen, weil es in einem offenen Markt niemand einhalten kann.

Auch der Sitz des Stromgeschäfts soll in der Schweiz bleiben, beteuert ABB.

Auch diese Aussage ist nichtssagend. Gibt es dafür schriftliche Abmachungen? Alle grösseren ABB-Gesellschaften werden sich um den Sitz bemühen, entschieden wird darüber in Tokio. Wir haben das bei General Electric und bei Alstom erlebt. Solche Aussagen, selbst wenn sie gegenüber dem Bundesrat und Regierungsrat abgegeben werden, sind Beruhigungspillen und nicht viel wert.

Dass in Tokio entschieden wird, ist ein Nachteil?

Man wird es sehen. Klar ist jedenfalls: Die japanische Unternehmenskultur ist eine ganz andere als die  unsrige. Selbst die kleineren kulturellen Unterschiede zwischen der Schweiz und Schweden haben bei der BBC-Asea-Fusion 1988 lange nachgewirkt. Die Zusammenführung unterschiedlicher Unternehmenskulturen ist absolut existenziell.

Wie beurteilen Sie den Zeitpunkt der ABB-Kommunikation?

Jetzt hat man drei Jahre an diesem Thema gearbeitet – und dann hat man keine bessere Idee, als wenige Tage vor Weihnachten Tausende von Menschen mit der Sorge um ihre Zukunft
zu belasten. Das zeigt: Die Chefs haben die Menschen schlicht vergessen. Die Motivation für die Umsetzung ist dahin. Die Aussage «kein Abbau von Arbeitsplätzen» ist eine Hoffnungslüge. Das durchschauen die Mitarbeitenden. Zum Glück für uns waren die Gründer von BBC und ASEA echte Unternehmer, die auch in anspruchsvollen Zeiten nicht aufgaben und alle Beteiligten befriedigten.

Sagen Sie damit, in der heutigen ABB-Führung um Ulrich Spiesshofer seien keine Unternehmer?

Diese Qualifikation muss der Verwaltungsrat vornehmen.

Der Aargauer Regierungsrat beklagte, ABB verkaufe das «Herzstück» und breche mit der Geschichte. Einverstanden?

Der Bruch mit der Geschichte liegt für mich weniger beim Geschäftsportfolio oder bei der Strategie. Diese können sich ändern. Der wahre Bruch geht viel tiefer: ABB hat mit der Handlungsweise der Gründer gebrochen. Diese hatten die Kraft, schwierige Phasen durchzustehen, sie waren die Besitzer und riskierten ihr eigenes Geld. Von dieser Haltung haben sich die heutigen Manager verabschiedet. Das gilt leider nicht nur für ABB, sondern für weite Teile der schweizerischen Industrie und ist der Hintergrund der Desindustrialisierung.