Uhrenindustrie

Exklusiver Hauch mit einem Schuss High-Society-Arroganz: Die Genfer hören das Ticken nicht

Pompöse Inszenierung: Uhrenmarken geben viel Geld für einen Stand aus. Für Branchenkenner gelten Messen inzwischen als «veraltet».

Pompöse Inszenierung: Uhrenmarken geben viel Geld für einen Stand aus. Für Branchenkenner gelten Messen inzwischen als «veraltet».

Die Uhrenmesse in der Rhonestadt ist eröffnet – doch deren Zukunft ist unsicher. Denn ob die elitäre Haltung des Salon International de la Haute Horlogerie – kurz SIHH – dem Image langfristig zugutekommt, darf bezweifelt werden.

Für viele Branchenkenner ist Nick Hayek der Vorbote eines Paradigmenwechsels. Vergangenen Sommer kündigte der Swatch-Chef an, ab diesem Jahr der Baselworld fernzubleiben, und sorgte damit für ein Erdbeben in der Uhrenindustrie. Im Herbst dann der Paukenschlag in Genf: Die Marken Audemars Piquet und Richard Mille wollen ab 2020 dem Salon International de la Haute Horlogerie – kurz SIHH – fernbleiben.

Und so stellt sich die Frage für die beiden Uhrenmessen: Wie weiter? Gestern Montag eröffneten die Genfer das einwöchige Schaulaufen, unter anderem mit Ex-007 Pierce Brosnan, der am Stand von Speake-Marin einen Auftritt als Werbebotschafter hatte. Jaeger-LeCoultre hat für den Verlauf der Woche Hollywood-Stars wie Amanda Seyfried und Nicholas Hoult angekündigt. Neben diesen bezahlten Edel-Ambassadoren tummelt sich in Genf eine Vielzahl von Uhren-Bloggern und sogenannten Influencern.

Im Gegensatz zur Baselworld versucht die SIHH, klar auf Exklusivität zu setzen. Während am Rheinknie die Öffentlichkeit eingeladen ist, die neusten Modelle fürs Handgelenk zu begutachten, stehen die Genfer Türen einem begrenzten Publikum nur am letzten Tag der Veranstaltung offen. Früher war die SIHH sogar ausschliesslich für Branchenvertreter bestimmt.

Und anstatt über 650 Unternehmen in Basel sind in Genf weniger als 40 Firmen am Start. Die SIHH ist die Hausmesse des Luxusgüterkonzerns Richemont mit seinen Marken wie Cartier, IWC oder Jaeger-LeCoultre und einem Umsatz von rund 12 Milliarden Franken.

Mit dem Fokus aufs High-End-Segment widerspiegelt die Messe auch einen allgemeinen Trend bei Schweizer Uhren. Gemäss Exportzahlen laufen vor allem sehr teure Uhren nach wie vor gut. Für mechanische Uhren unter 5000 Franken wird der Markt immer schwieriger, berichten Branchenexperten. Bricht dieser Mittelbau weg, droht ein wichtiger industrieller Pfeiler zu verschwinden. Die Branche würde einen wichtigsten Motor für technische Innovationen verlieren.

Der exklusive Hauch des Salons, gepaart mit einem Schuss High-Society-Arroganz, ist bereits beim Empfang in der Palexpo-Halle zu spüren. Busse transportieren die gut betuchten, oftmals exaltiert gekleideten Gäste von ihren 5-Sterne-Hotels, dem Palais Wilson oder dem Intercontinental, zur Eventhalle, wo der rote Teppich auf sie wartet. Im grossen Eingangsbereich sind internationale Hochglanz-Uhrenmagazine ausgestellt. Journalisten erhalten nur Zutritt, wenn sie von einem der Aussteller persönlich eingeladen wurden.

Kritik an pompösen Ständen

Ob diese elitäre Haltung dem Image langfristig zugutekommt, darf bezweifelt werden. Zwar sind die Besucherzahlen in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. 2018 nahmen rund 20 000 Besucher teil. Doch wie der angekündigte Abgang von Audemars Piguet gezeigt hat, ist auch die SIHH-Zukunft ungewiss.

Fragt sich bloss, ob die Genfer hören, welche Stunde es geschlagen hat. Der Diskurs mit der Öffentlichkeit und den Endkunden ist ihnen bis jetzt zweitrangig. Wichtiger scheinen pompöse Stände, Hollywood-Prominenz und das Händeschütteln von Herstellern und Händlern. Die deutsche «Wirtschaftswoche» titelte denn auch vor einigen Tagen: «Das Ende der Uhrenmessen, wie wir sie kennen».

So lautet auch das Fazit von Audemars-Piguet-Chef François Henry Bennahmias. Im Interview mit der «NZZ» sagt er, dass die Hersteller den Draht zu den Kunden vermehrt ohne den Umweg über Messen suchen. Bezeichnenderweise fand am ersten SIHH-Tag eine Veranstaltung statt zum Thema, wie Luxusgüter und E-Commerce zusammenpassen.

Mitanwesend: der Europa-Chef von Alibaba. Ausserdem setzt Audemars Piguet vermehrt auf Luxus-Wohnungen in Metropolen statt auf Filialen. Denn: «Die richtig reichen Leute gehen nicht mehr in Läden, sondern bevorzugen die Diskretion einer Wohnung», so Bennahmias.

Im Interview mit «Swissinfo» meinte zuletzt der Uhrenexperte Grégory Pons: «Die Uhrenindustrie braucht keine grosse kommerzielle Messe, an der sich die Einzelhändler die Neuheiten bestellen.» Aufgrund des boomenden E-Handels seien solche Anlässe «veraltet». Der Salon solle Leute zusammenbringen und nicht nur eine Marken-Show sein. «Es wäre einfach und nüchtern auszustellen, ohne dass Dutzende Millionen Franken für prahlerische Stände ausgegeben werden müssen, um die asiatischen Kunden zu beeindrucken.»

Doch nicht nur was die Strategie anbelangt, sind die Genfer gefragt. Auch bei der Organisation vor Ort hapert es: Am Vormittag des ersten Messetags mussten die registrierten Gäste zuweilen über zwei Stunden anstehen, um von Beret-tragenden Check-in-Angestellten einen Zutrittsausweis zu erhalten. Eine genervte Branchenvertreterin bemerkt zu ihrer Kollegin in der Schlange: «That’s not very Swiss.»

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