Mobilität
Fahren wir alle bald mit einem Elektroauto?

Der US-Autobauer Tesla will künftig 500000 Elektroautos pro Jahr bauen. Experten sehen diese Prognose skeptisch. Doch gerade in der Schweiz gibt es ein enormes Potenzial für die umweltschonenden Wagen.

Thomas Schlittler
Drucken

Ein Auto von Tesla ist mehr als ein Fortbewegungsmittel. Es ist ein Statement.

Wer sich ein solches Elektroauto zulegt, will damit sagen: Ich bin hip, ich bin umweltbewusst – und ich habe jede Menge Kohle.

Denn die edel designten, emissionsfreien Fahrzeuge kann sich nicht jeder leisten.

In der Schweiz gibt es das neueste Modell nicht unter 70 000 Franken. Damit sind Tesla-Elektroautos für die Mehrheit zu teuer – jetzt wollen die Kalifornier ihre Fahrzeuge für die Massen erschwinglicher machen.

Tesla-Motors in Kürze

Tesla Motors ist ein kalifornisches Unternehmen, das Elektroautos und elektrische Antriebskomponenten entwirft und baut. Die Firma beschäftigt derzeit 6000 Mitarbeiter und machte 2013 zwei Milliarden Dollar Umsatz. Gegründet wurde Tesla 2003 vom 42-jährigen Unternehmer und Visionär Elon Musk. Dieser wurde durch seine Erfolge als Internetdienstanbieter, insbesondere mit dem Bezahldienst Paypal, zum Milliardär. (TSC)

Tesla will in den USA für 4 bis 5 Milliarden Dollar eine riesige Batteriefabrik mit 6500 Beschäftigten bauen.

Das Werk soll bis 2020 mehr der benötigten Lithium-Ionen-Akkus produzieren als alle anderen heutigen Fabriken zusammen, teilte das Unternehmen mit.

Durch die Massenproduktion sollen die Kosten für Akkus um mehr als 30 Prozent gesenkt werden. Die Anzahl verkaufter Autos soll von 22 500 pro Jahr auf 500 000 hochgeschraubt werden.

Schlagabtausch unter Experten

Bei E’mobile, dem Schweizerischen Verband für elektrische und effiziente Strassenfahrzeuge, erhofft man sich von Teslas Milliardeninvestitionen einen Schub für die Elektromobilität: «Gerade in der Schweiz haben Elektro- und Steckdosenhybridautos grosses Potenzial, da die Distanzen klein sind», sagt Philipp Walser, Leiter der Fachstelle Elektrofahrzeuge.

Vier von fünf Schweizern würden im Schnitt weniger als 50 Kilometer am Stück fahren, das schaffe ein Elektroauto problemlos.

Andere Autoexperten beurteilen die Nachrichten aus Amerika weniger euphorisch: Weltweit würden jährlich über 70 Millionen Autos produziert, Tesla werde also auch mit 500 000 Elektrofahrzeugen ein sehr kleiner Anbieter bleiben, sagen Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen und Helmut Becker vom Münchner Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK).

Auch wenn der Kaufpreis für Elektrofahrzeuge in Zukunft sinken sollte, glaubt Becker, ehemaliger Chefvolkswirt von BMW, nicht an einen Massenerfolg der Elektromobilität – aus vier Gründen: zu geringe Reichweite, zu umständlich beim Aufladen, zu hoher Preis – und Schwierigkeiten auf dem Occasionsmarkt.

Zur Reichweite: «Die Leute brauchen das Auto zwar meist nur für kurze Distanzen, zweimal im Jahr fahren sie aber in die Ferien – das wollen sie mit dem gleichen Auto tun», so Becker. Einige Hersteller versuchen das Ferien-Problem zu lösen, indem sie ihren Kunden für mehrere Wochen im Jahr ein «normales» Auto zur Verfügung stellen. Bis jetzt liessen sich aber zu wenige Kunden von solchen Angeboten überzeugen.

Zum umständlichen Aufladen: «Wer will schon vier oder fünf Stunden an der Tankstelle warten, wenn er auf einer längeren Reise ist», fragt Becker rhetorisch. Der Auto-Tausch für längere Reisen könnte dieses Problem lösen. Zudem gibt es einige Anbieter, die Ladestationen im Grünen, an schönen Lagen anbieten. Für viele dürfte dieser Kompromiss aber nicht zufriedenstellend sein.

Zum hohen Preis: «Eine Batterie kostet rund 10 000 Euro, das macht Elektrofahrzeuge sehr teuer», so Becker. Grossfabriken wie jene von Tesla werden die Kosten für Elektroautos senken, im Vergleich mit benzinbetriebenen Fahrzeugen dürften sie es aber weiterhin schwer haben – zumal die Rohölpreise im Moment tendenziell sinken.

Zu den Schwierigkeiten auf dem Occasionsmarkt: «Man muss verrückt sein, um ein gebrauchtes Elektrofahrzeug zu kaufen», sagt Becker. Schliesslich wisse man nie, wann die Batterie den Geist aufgebe. Passiere das, werde es extrem teuer. Walser von E’Mobile entgegnet, dass auch bei einer «normalen» Occasion die Gefahr bestehe, dass eine Kupplung oder dergleichen kaputt gehe – auch wenn dies natürlich günstiger komme. Als Alternativmodell nennt Walser das Leasing von Batterien.

Die Experten Becker und Dudenhöffer glauben auch nach der angekündigten Milliardeninvestition von Tesla nicht daran, dass wir alle bald ein Elektroauto fahren.

Dies sei nur möglich, wenn die Politik einschneidende, Ökologie getriebene Massnahmen ergreifen würde – oder wenn die Batterie-Technologie massgebliche Fortschritte machen würde. Beides sei im Moment aber nicht absehbar.

Aktuelle Nachrichten