Kapitalvermittler
Credit-Suisse-Partner Greensill ist pleite: Jetzt droht dem Retter der Stahlindustrie ein Liquiditätsproblem

Die Greensill-Pleite bringt die Schwerindustrie im Norden Englands und Frankreichs in Bedrängnis und mobilisiert die Regierungen in Paris und London.

Daniel Zulauf
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Der britische Stahlmagnat Sanjeev Gupta.

Der britische Stahlmagnat Sanjeev Gupta.

ZVG

Der britisch-australische Lieferketten-Finanzierer Greensill Capital hat am Montagabend in London Insolvenz angemeldet. Die Pleite kommt keine zwei Wochen, nachdem die Credit Suisse die Geschäftsbeziehungen von vier grossen Investmentfonds mit dem Kapitalvermittler eingefroren hatte. Die Fonds der Schweizer Grossbanken bildeten mit einem Anlagevolumen von 10 Milliarden Dollar eine der wichtigsten Finanzierungsquellen von Greensill Capital. Am Montag hat die Bank mit der Liquidation der Fonds begonnen. 2,6 Milliarden Dollar hätten die Fonds am Montag an die Investoren zurückbezahlt, teilte die Bank auf Anfrage mit.

Wie es mit der Liquidation weitergeht, ist offen. Bei Greensill reden jetzt Insolvenzverwalter von der Revisionsgesellschaft Grant Thornton mit. Sie müssen dafür sorgen, dass möglichst alle Forderungen der Gläubiger gedeckt werden können. Direkt hat die Credit Suisse einen Kredit von 140 Millionen Dollar bei Greensill offen. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Jetzt übernehmen die Insolvenzverwalter

Die indirekten Forderungen der Fondsinvestoren von Credit Suisse sind ein Vielfaches höher. Die Fonds enthalten kurzfristige Schuldverschreibungen («Notes»), die mit Forderungen aus Lieferungen und Leistungen und Zahlungsversprechen von Unternehmen besichert sind.

Zu den mithin grössten Schuldnern von Greensill gehört die GFG Alliance, eine weitverzweigte Firmengruppe des britischen Unternehmers Sanjeev Gupta. Das Gebilde soll weltweit über 30'000 Mitarbeitende zählen.

Gemäss unbestätigten Berichten britischer Medien schiebt GFG einen Schuldenberg in Höhe von vier Milliarden Pfund vor sich her – drei Viertel davon bei Greensill. Wie viele dieser Forderungen in den Credit-Suisse-Fonds liegen, ist nicht bekannt. Es dürfte sich um einen erheblichen Anteil handeln.

Hat Gupta ein Liquiditätsproblem?

Gupta hat offenbar ein akutes Liquiditätsproblem. Der Mann soll unlängst in der Schweiz gewesen sein, um mit Glencore über die Vorfinanzierung gewisser Aluminiumlieferungen zu verhandeln. In der nordfranzösischen Küstenstad Dünkirchen betreibt Gupta das grösste Aluminiumschmelzwerk Europas. Er hatte es 2018 von Rio Tinto übernommen. Ein weiteres Leichtmetallwerk übernahm Gupta vom Rohstoffriesen 2016 in Schottland.

Der 49-jährige hat sich auf der Insel den Ruf als Retter der Stahlindustrie erworben. Ab 2015 kaufte er im Norden Englands verschiedene Stahlwerke auf und rettete sie vor der Schliessung. Das Geld für die Übernahmen soll sich Gupta zum grossen Teil über Greensill beschafft haben. Ob es dabei auch zu Unregelmässigkeiten gekommen ist, wird derzeit von der deutschen Staatsanwaltschaft abgeklärt. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin ist bei der Greensill Bank in Bremen auf Gupta-Forderungen gestossen, für die sie keinen Nachweis finden konnte.

Es geht um viele Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen

Nun soll Gupta mit den Insolvenzverwaltern von Greensill über eine Stundung der Schulden verhandeln, schreibt die Nachrichtenagentur Bloomberg. Guptas Finanzlage mache nicht nur die Gewerkschaften nervös. Als wichtiger Arbeitgeber in den strukturschwachen Regionen Frankreichs und Englands werde dessen Situation auch in London und Paris in höchsten Regierungskreisen hautnah verfolgt.

Bei einem möglichen Ausverkauf von Guptas Industriekonglomerat dürfte in prominenter Weise auch die Rolle der Credit Suisse auf den Tisch kommen. Nicht nur drohen die potenziellen Verluste der Fonds-Kunden der Bank in diesem Szenario Realität zu werden. Die Bank muss auch mit einem gravierenden Imageschaden rechnen, wenn es zur grossen Abrechnung unter den Greensill-Opfern kommen und Gupta definitiv zur heissen Kartoffel werden sollte.

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