Finanzplatz
Credit Suisse: Immer neue Details in der grossen Schlammschlacht um den Rücktritt des Verwaltungsratspräsidenten

Verkratzt, ramponiert, verdreckt: So kamen zuletzt Spitzenmanager aus der Credit Suisse heraus, die kurz zuvor als Stars hereinkamen. Die Bank wird zum Reputationsrisiko.

Niklaus Vontobel
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Eben noch hui, dann pfui: Die Grossbank Credit Suisse verschleisst ihr Spitzenpersonal.

Eben noch hui, dann pfui: Die Grossbank Credit Suisse verschleisst ihr Spitzenpersonal.

Imago

Dieser Tage erinnert die Credit Suisse an eine Autowaschanlage des Schreckens. Diese putzt und schrubbt zwar mit industrieller Geschwindigkeit und schweizerischer Gründlichkeit. Verwendet jedoch Steine und Schlamm. Neues Spitzenpersonal fährt in heldenhaft strahlenden Karosserien hinein – und schon bald als Trauerbild hinaus: verkratzt, ramponiert, verdreckt.

«Wie Horta-Osórios Langstrecken-Turnaround der Credit Suisse zur Stippvisite wurde», titelte die «Financial Times». Es war eine doppelte Anspielung: zum einen auf die Vielfliegerei von Horta-Osório, zum anderen auf seine rekordkurze Amtszeit. Nur neun Monate vergingen: Da lag er schon am Boden, der in den Himmel gelobte Retter.

Es gab süffige Details aus einer eigentlich internen Untersuchung auszuplaudern. António Horta-Osório solle allzu gern nach Portugal gejettet sein sowie nach London, wo seine Ehefrau lebt. Er sei dermassen viel unterwegs gewesen, dass er mehr Zeit ausserhalb der Schweiz verbrachte als an seinem Arbeitsort am Paradeplatz in Zürich. Klatsch, der Schlamm sass.

Den Bericht hatte der Verwaltungsrat in Auftrag gegeben. Das Boulevardblatt «Blick» hatte geschrieben, Horta-Osório habe schweizerische Quarantäneregeln gebrochen.

Es kam noch mehr Dreck geflogen. Horta-Osório solle oft zu Geschäftszwecken in den Firmenjet gestiegen sein, wenn es kommerzielle Flüge problemlos auch getan hätten. Den Firmenjet habe er sogar benutzt, um auf die Malediven zu reisen. In einem Luxusresort machte er dort Ferien mit seiner Frau. Immerhin sei diese getrennt angereist.

Noch mehr Dreck. Als Horta-Osório das zweite Mal gegen Quarantäneregeln verstiess, gegen jene von Grossbritannien, da habe er nicht nur das Tennisfinale von Wimbledon besucht. Am selben Julitag war er am Final der Europameisterschaft im Fussball, Italien gegen England. So hatten es auch Berühmtheiten gemacht – wie etwa der Filmstar Tom Cruise oder Kate Middleton, Ehefrau des britischen Prinzen William.

Sportbegeistert: Herzogin Middleton war wie Horta-Osório am gleichen Tag an den Finals von Wimbledon und Fussball-Europameisterschaft.

Sportbegeistert: Herzogin Middleton war wie Horta-Osório am gleichen Tag an den Finals von Wimbledon und Fussball-Europameisterschaft.

Keystone

Mit dem Firmenjet in die Malediven, regelkonform

Sie wehren ab, was sie können, Horta-Osório und seine Gefolgsleute und Vertraute, und manchmal werfen sie zurück.

In keinem Fall habe er mit seinen Flügen gegen Regeln der Bank verstossen. Er habe den Jet nie genutzt ohne geschäftlichen Grund. Diese habe die interne Untersuchung bestätigt. Horta-Osório habe den Firmenjet so genutzt wie sein Vorgänger. Das war Urs Rohner, der nach zehn Jahren im Amt abgetreten war – ebenfalls ramponiert und inmitten milliardenteurer Skandale. Verwaltungsratskollege Severin Schwan sagte zum Abschied:

«Lieber Urs, wir alle hätten dir einen anderen Abschied gewünscht.»

Zur Verteidigung gehört, die vermeintlich peinlichen Details in den richtigen Kontext zu stellen. Zu den beiden Finalspielen hatte Horta-Osório eigentlich wichtige Kunden eingeladen. Als diese absagten, nahm er halt Familienmitglieder mit. Und zur Reise auf die Malediven beispielsweise müsse man wissen, dass Horta-Osório davor in Singapur gewesen sei, wie auch ein Regionenchef.

Dieser Regionenchef musste danach nach Zürich für ein eintägiges Meeting. Darum habe Horta-Osório vorgeschlagen, sich auf dem Rückflug einen Firmenjet zu teilen. Unterwegs habe man gleich das wöchentliche Meeting abgehalten. Der Jet musste auf den Malediven ohnehin tanken, Horta-Osório blieb dort. Alles nach den Regeln. Ein Gefolgsmann machte geltend, auf diese Weise sogar Flugkosten für die Bank gespart zu haben.

Mit viel Glanz rein, lädiert raus: So war das auch bei Tidjane Thiam. Als Star galt er, der französisch-ivorische Manager. Er habe Prudential zur erfolgreichsten britischen Versicherung gemacht. Als er wechselte, ging deren Börsenkurs runter, jener der Credit Suisse rauf. Präsident Rohner sagte: «Thiam steht für die Tugenden ein, die unser Land stark machen und in der Welt geschätzt werden.»

Nicht eine, nicht zwei, sondern sieben Beschattungen

Dann kam die Spionageaffäre. Iqbal Khan, ein Manager, der zum Konkurrenten UBS wechselte, war beschattet worden. Die Bank stellte sich vor Thiam: isolierter Fall, das zeige eine Untersuchung der Rechtskanzlei Homburger. Die zweite Beschattung kam ans Licht. Thiam musste gehen, die Bank ihre Reputation schützen, sagte Rohner. Am Ende stellte die Finanzmarktaufsichtsbehörde Finma fest: Es hatte in drei Jahren sieben Observationen gegeben.

War am Ende seiner CS-Zeit ebenfalls arg ramponiert: ehemaliger CS-Chef Tidjane Thiam.

War am Ende seiner CS-Zeit ebenfalls arg ramponiert: ehemaliger CS-Chef Tidjane Thiam.

Keystone

Nachfolger Thomas Gottstein hält sich auf dem Posten. Er solle fröhlich gewirkt haben, als er sich an die Mitarbeitenden gewandt habe, um über die Zeit nach Horta-Osório zu sprechen, so die Newsagentur Bloomberg. Dieser sei Gottstein an Sitzungen oft ins Wort gefallen, was zu Spannungen geführt habe. Ramponiert ist der Chef dennoch längst. Eine «neue Ära» hatte er versprochen, zwei Milliardenpleiten gab es kurze Zeit danach. Via Presse hatten Gefolgsleute von Horta-Osório gar behauptet, er sei überfordert auf dem Posten des Chefs.

«Vielleicht kann er die Aufgabe mit einem Mentor schaffen.»

Welche Zerstörungswut vom Zürcher Paradeplatz ausgeht – das zeigte sich zuletzt an Severin Schwan. Der Chef des Basler Pharmakonzerns Roche hat einen eindrücklichen Leistungsausweis. In seiner Amtszeit hat sich der Börsenwert von Roche fast verdoppelt. Dennoch ist die Suche nach Schuldigen bei ihm angelangt. Er habe gar nicht die Zeit für sein Doppelmandat als Chef von Roche und Vizepräsident der Credit Suisse. Es muss sich zeigen, ob diese Maschinerie des Schreckens am Zürcher Paradeplatz tatsächlich bis nach Basel reicht.

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