Netzneutralität

Für ruckelfreies Fernsehen opfern wir das heiligste aller Internet-Prinzipien

Vertraute Sitzhaltung, übliche Ernährung: Netflix verändert den Wettbewerb nur beim Content. HO

Vertraute Sitzhaltung, übliche Ernährung: Netflix verändert den Wettbewerb nur beim Content. HO

«Im Internet sind alle Daten gleich» - dieser Grundsatz und Kern des Prinzips der Netzneutralität gilt nicht mehr. Datenintensive Dienste wie Netflix und Co. haben die Spielregeln verändert. Im Extremfall droht ein Zweiklassen-Internet.

Unter dem harmlosen Titel «Veränderung der Spielregeln zur Neutralität des Internet» setzte die US-Telekomaufsichtsbehörde FCC im Mai zum Sturm auf die Netzneutralität an: Netzbetreiber können zukünftig, so der Vorschlag, die Internet-Daten nach ihren eigenen Vorstellungen bevorzugt oder leicht verzögert transportieren.

Ob Daten beschleunigt werden, hängt (auch) davon ab, ob Firmen, die auf raschen Datenverkehr angewiesen sind, dafür bezahlen.

Netflix beispielsweise, der Online-Filmvertrieb, der in den USA in Spitzenzeiten für ein Drittel des Datenaufkommens im Internet verantwortlich ist und in diesem Jahr auch in der Schweiz ein Angebot etablieren will, ist auf schnellen Datentransport extrem angewiesen. Denn sonst ruckeln die Bilder - und die Kunden zappen weg.

«Wir glauben, bei bestimmten Providern die Tendenz zu erkennen, eigene Produkte zu priorisieren», sagt Michael Loss, Sprecher von Wilmaa, einem schweizerischen Internet-TV-Dienst. «Das wäre eine abgeschwächte Form von Verletzung der Netzneutralität.»

Debatte läuft erst an

In der Schweiz geht die Debatte in die entgegen gesetzte Richtung: Mitte Juni stimmte der Nationalrat einer Motion des Zürcher Grünen Balthasar Glättli zu, wonach die Netzneutralität ein Teil der Informations- und Meinungsfreiheit sein soll. Ob und in welcher Form das Anliegen die kommende Debatte im Ständerat überleben wird ist offen. Der Bundesrat will bereits im Herbst einen Bericht veröffentlichen, der sich (auch) mit diesem Thema befassen wird.

Möglicherweise ist die Politik dann schon zu spät. «Die Netze sind nicht neutral und werden es wohl auch nie werden», sagt John Strand, dänischer Telekom-Experte. «Ich erwarte, dass die Debatte in den kommenden Monaten erst so richtig an Fahrt gewinnen wird. Viele Netzbetreiber sind nicht auf diese Debatte vorbereitet.»

An Debatten in der Schweiz sind sich die Experten und Vertreter von Netzbetreibern einig, dass in der Schweiz keine Dienste absichtlich verlangsamt werden. Bei Missbräuchen gebe es die Wettbewerbskommission.

Bei Kapazitätsengpässen sei jedoch die Gleichbehandlung von Daten nicht mehr erwünscht - denn dadurch würden qualitätssensible Dienste wie Fernsehen oder Videokonferenzen unmöglich. Und eine gesetzliche Verankerung der Netzneutralität sei nicht erforderlich - denn dadurch würden Innovationen leiden und die Vielfalt an Diensten im Netz eingeschränkt.

Wir können sagen, dass wir keine Ungleichbehandlung der Internet Nutzer/Akteure vornehmen», bringt es Sunrise-Sprecher Roger Schaller auf den Punkt. «Wir haben keine künstlichen Bremsen». «Wir behandeln alle Datenpakete gleich», sagt auch UPC-Cablecom-Kommunikationschef Roland Bischofberger.

«Als Weiterverbreiter von TV-Signalen sieht Wilmaa die Netzneutralität als Grundvoraussetzung für netzbasierte Dienste - vor allem auch in der Schweiz», sagt Loss. «Ohne Netzneutralität kein Web-TV, keine Wilmaa und auch kein anderen unabhängiger Anbieter mehr.»

Keine Überholspur geplant

«Das Internet ist in seinem grundsätzlichen Design und Betrieb «neutral», das heisst, die IP-Pakete werden nach betrieblichen Kriterien auf dem jeweils besten Weg durch das Internet geleitet», sagt Hannes Lubich, Informatikprofessor an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Die heutigen Protokolle des Internets sind lediglich auf die Erbringung einer «best effort» Leistung ausgelegt. «Sie erlauben keine wirklich verbindlichen Dienstgütegarantien», so Lubich. Die Grundidee eines robusten Datennetzes legte die Fehlerkorrekturen in die Endgeräte und Applikationen. Für kommerzielle (und politische) Zwecke optimierte Netze verlegen die entscheidenden Stellschrauben für Datenqualität und -geschwindigkeit in die Knotenpunkte in den Netzen. Eine Weiterentwicklung des Internet-Protokolls auf IPv6 könnte solche Veränderungen bringen.

Provider erhalten Geld für die Bereitstellung von Zugängen für ihre kommerziellen oder privaten Endkunden. Die Provider sind untereinander in einem komplexen, oft internationalen Geflecht von bi- und multilateralen Abkommen zur Entgegennahme und Durchleitung von Datenverkehr verbunden. «Hier galt bisher die Annahme, dass jeder Provider seinen Aufwand selbst trägt und keine weiteren Detailverrechnungen zwischen Providern geschehen», sagt Lubich weiter. «Bei starken und lang anhaltenden Ungleichgewichten der Verkehrsverteilung zwischen Providern kann dies jedoch auch punktuell anders gelöst werden.»

Mein Netz, meine Rechnungen

Swisscom schliesst laut eigenen Worten mit allen Netzbetreibern, die direkt an das Netz von Swisscom angeschlossen sind, kommerzielle Interkonnektionsverträge für den Datenverkehr. Diese Verträge heissen «IP-Peering»-Verträge. «Diese Interkonnektion ist grundsätzlich entgeltpflichtig», sagt Swisscom-Sprecher Olaf Schulze. Swisscom verzichte indes auf die Verrechnung, sofern sie selber in ähnlich grossem Ausmass Daten ins Netz des Interkonnektionspartners schickt.

Swisscom ist laut Schulze bereit, ein Verhältnis von 2 zu 1 zu ihren Ungunsten zu akzeptieren, das heisst, bis zu diesem Verhältnis auf die Verrechnung eines Entgelts für den Datenverkehr zu verzichten. «Bei grösseren Asymmetrien im Datenverkehr werden indes Entgelte fällig», so Schulze. «Diese Verträge beruhen auf Gegenseitigkeit,Swisscom zahlt, wenn sie mehr als doppelt so viele Daten ins Netz des Peering-Partners schickt wie dieser Partner ins Netz von Swisscom.» Mit dem Eintreten von Netflix werde sich an diesem Vorgehen nichts ändern.

Sunrise verfährt ähnlich, ohne Details zu nennen, «Unsere Geschäftsmodelle kommunizieren wir nicht öffentlich», sagt Schaller. Cablecom leitet den ganzen Datenverkehr laut eigenen Angaben «absolut diskriminierungsfrei weiter - unabhängig davon ob eine Peeringvereinbarung besteht oder nicht.»

Endkunden bezahlen

Von den Geldern, die sich die Netzbetreiber untereinander schicken, sehen die Endkunden so oder so nichts. «UPS Cablecom finanziert den Betrieb und Ausbau des Netzes über die Abonnementsgebühren der Endkunden», sagt Bischofberger. «Wir investieren jedes Jahr über 200 Millionen Franken in unsere Infrastruktur in der Schweiz.» «Der wichtigste Bezahler der Internet-Infrastruktur wird wohl noch lange Zeit der Endkunde (Mobil- und Festnetzkunde) sein», ergänzt Sunrise-Sprecher Schaller.

Eine andere Frage ist, ob das, was bei den Endkunden ankommt, auch wirklich neutral ist. Netflix beispielsweise publiziert regelmässig, wie gut und wie schnell die Netze sind - und schafft so für seine Kunden Anhaltspunkte, ob es zur Verletzung der Netzneutralität kommt.

«Es gibt über ein Dutzend verschiedene Definitionen von Netzneutralität», kritisiert Experte Strand. Diskrimierung finde heute längst nicht nur auf der Ebene der Netzbetreiber statt. «Auch bei Betriebssystemen, Webseiten und Endgeräten findet man diskriminierende Vorgehensweisen», so Strand weiter.

Entwickler von bestimmten Betriebssystemen würden andere Entwicklungen ausschliessen und technisch verunmöglichen. «Google alleine kontrolliert die Schnittstellen zu seinen Android-Betriebssystemen», sagt Strand weiter. «Und weil Google nur einen Teil seiner Schnittstellen-Informationen an die Entwickler weiter gibt, verhindert man, dass sich Konkurrenzprodukte zu den eigenen Diensten GMail, Google Maps oder YouTube etablieren können.»

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