Gastbeitrag
Fortschritt durch Globalisierung ist notwendiger denn je

Von der Globalisierung haben nicht nur die Industriestaaten profitiert. Sie entwickelte sich nach 1990 zum erfolgreichsten Armutsbekämpfungsprogramm der Menschheit. Es ist höchste Zeit, dass sich Politik und Wirtschaft wieder verstärkt für die Globalisierung einsetzen.

Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem
Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem
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Bedeutet der Ukraine-Krieg das Ende der Globalisierung? Kritik.

Bedeutet der Ukraine-Krieg das Ende der Globalisierung? Kritik.

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Die Globalisierung ist zu Ende. Dies wurde im Zuge der Pandemie und des Ukraine-Krieges vielerorts verkündet. Während früher nur radikale Nichtregierungsorganisationen (NGO) die Globalisierung bekämpften, ist heute die Skepsis weit verbreitet. Doch eine undifferenzierte Globalisierungskritik ist falsch und kurzsichtig. Dazu einige Fakten:

1. Globalisierung bekämpft Armut: Seit asiatische Länder ab 1990 in globale Lieferketten integriert worden sind, hat sich die Globalisierung zum erfolgreichsten Armutsbekämpfungsprogramm der Menschheit entwickelt. Von 1990 bis 2018 konnten 1,3 Milliarden Menschen aus extremer Armut befreit werden.

2. Westliche Konsumentinnen und Konsumenten profitieren: Gemäss einer Studie von Bertelsmann ist in der Schweiz zwischen 1990 und 2014 der Wohlstand pro Kopf dank der Globalisierung um jährlich 1360 Euro gestiegen – vor allem dank günstigerer Produkte.

3. Globalisierung fördert Umweltschutz: Swissmem-Firmen haben ihren CO2-Ausstoss im Vergleich zu 1990 um über die Hälfte reduziert. Noch grösser ist der Beitrag im Export: Dank innovativer Technologien tragen unsere Firmen enorm zu ressourcenschonender Herstellung, Energieeffizienz und Klimaschutz bei. Globalisierung und Innovation treiben einen wirksamen Klimaschutz voran.

Leider ist die öffentliche Wahrnehmung der Globalisierung eine andere. Jahrzehntelang haben NGOs der Bevölkerung negative Bilder vermittelt. Zu lange hat es die Wirtschaft verpasst, die Erfolgsgeschichte der Globalisierung zu erzählen: Dank globaler Lieferketten wurden Arbeitsplätze in Schwellenländern geschaffen. Vielerorts wurde den Menschen erstmals Ausbildung, Gesundheitsversorgung und eine Perspektive ermöglicht. Wirtschaftswachstum und Wohlstand schaffen auch die Voraussetzungen für einen effektiven Umwelt- und Klimaschutz sowie für politische Stabilität. Nötig ist deshalb eine Verteidigung der Globalisierung. Dazu gehören auch folgende Wahrheiten:

· Autarkie ist eine Illusion: Gerade ein Kleinstaat wie die Schweiz kann weder bei der Energie, der Nahrungsmittelproduktion noch in der industriellen Fertigung autark sein.

· Gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeiten sind gut: Bei COVID-19 hat sich dies eindrücklich gezeigt. Die Schweiz wurde innert kürzester Zeit in den EU-Gesundheitsbinnenmarkt integriert. Unsere Pharma- und Medtech-Firmen waren für die EU unverzichtbar. Technologisch führende Firmen, die hier forschen, entwickeln und produzieren, sind die beste Versicherungspolice für unser Land.

Es wurden auch Fehler gemacht. Seit 1990 war Effizienz bei den Lieferketten Trumpf. Heute ist die Resilienz ebenso wichtig. Dieses Umdenken hin zu mehreren und näherliegenden Lieferanten ist eine Chance für die Schweiz. Zulieferer erhalten nun zusätzliche Aufträge und können so ihre Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit dank tiefer Lebenszykluskosten und motivierten Mitarbeitenden beweisen.

Es ist höchste Zeit, dass sich Politik und Wirtschaft wieder verstärkt für die Globalisierung einsetzen. Sie stützt ein auf Völkerrecht, Multilateralismus, Kooperation und Handel basierendes internationales System für Wohlstand und Frieden. Mit verstärktem Protektionismus fällt die Welt wieder in ein System mit Nationalismus und Militarismus zurück. Da können alle nur verlieren.

Die Schweiz kann durch aktive Diplomatie bei der Reform internationaler Organisationen einen wichtigen Beitrag leisten. Gleiches gilt für unsere Firmen, die weltweit für Wohlstand und die Verankerung liberaler Werte sorgen. Und für die Welt ist die Globalisierung unverzichtbar. Nur gemeinsam können der Klimawandel bewältigt, die UNO-Nachhaltigkeitsziele verfolgt und die Lösung geopolitischer Konflikte erreicht werden.