Coronavirus-Effekt

Gefragte Bleibe im Tessin: Immer mehr Deutschschweizer wollen in den Südkanton ziehen

In Ascona sind Immobilien besonders begehrt.

In Ascona sind Immobilien besonders begehrt.

Coronavirus-Effekt: Immobilienhändler in der Südschweiz verzeichnen eine rekordverdächtige Nachfrage, vor allem von Deutschschweizern. Doch auch Interessenten aus dem Ausland tauchen auf.

Kurzfristig einen Termin zu vereinbaren, ist gar nicht einfach. «Für die nächsten zwei Wochen bin ich vollständig ausgebucht», sagt Petra Viel. Sie ist Vizedirektorin und Verkaufsleiterin der Immobiliengruppe Multiresidenza in Locarno-Muralto.

Und sie muss den Ansturm von Kundinnen und Kunden bewältigen, die sich für eine Immobilie im Locarnese interessieren. Es sind vor allem Deutschschweizer. Die Hälfte der Interessenten schaue sich nach einer Zweitwohnung um, die andere Hälfte nach einem Erstwohnsitz. «Das Tessin schafft ein mediterranes Lebensgefühl, das ist momentan gefragt», so Frau Viel.

Denn in Folge des Coronavirus hätten viele Deutschschweizer Angst, nach Italien oder in andere südliche Länder zu reisen. Wer mit dem Gedanken spielte, im Ausland eine Immobilie zu kaufen, habe diese Pläne in Folge des Coronavirus, geschlossener Grenzen und Reiseeinschränkungen subito ad acta gelegt. «Die Art und Weise, wie die Tessiner Behörden die akute Phase der Coronakrise gemeistert haben, hat zudem Eindruck gemacht», so die Immobilienfachfrau.

Ganz ähnlich tönt es bei Claudia Tresch. Die Innerschweizerin ist seit 17 Jahren Leiterin des Büros von Engel & Völkers in Ascona. «Es ist unglaublich: Im März und April hatten wir hier alle Existenzängste – die Piazza war wie leergefegt.

Und nun arbeiten wir mehr als früher», sagt Tresch im repräsentativen Bürogebäude am Seeufer. Zwölf Mitarbeitende sind dort tätig. Die Immobilienverkäufe seien um 50 Prozent gestiegen, die Preise in Folge der steigenden Nachfrage sogar nach oben geklettert.

Schweiz attraktiv als «sichererer Hafen»

Objekte zwischen 800'000 und 2,5 Millionen Franken seien besonders gefragt: «Bei den ganz teuren Luxusimmobilien gibt es eher einen Stillstand.» Die Käufer kämen vorab aus der Deutschschweiz, aus Städten der Kantone Zürich, Zug, Basel-Stadt und Aargau.

Das Tessin sei attraktiv: nicht Stadt, aber auch nicht Provinz. Mit einem kulturellen Angebot. Und vor allem einem angenehmen Klima. Tresch staunt: Nicht nur Over-60 melden sich, sondern auch jüngere Leute.

Interesse käme auch von Deutschen, welche den Wert der Schweiz «als sicheren Hafen» in diesen ungewissen Zeiten schätzten. Die unbürokratische Art und Weise der Eidgenossenschaft, Covid-Kredite zu verteilen, habe Geschäftsleute beeindruckt.

«Manche Deutsche überlegen daher, ihre Geschäftsaktivitäten in die Schweiz zu verlegen.» Und wer allenfalls plante, von Deutschland nach Mallorca auszuwandern, habe während der Ferien im Tessin eine Alternative entdeckt. Der Südkanton wird dieses Jahr von Touristen förmlich gestürmt.

Giancarlo Cotti, Eigentümer der Immobilienfirma Assofide SA in Locarno, stellt ebenfalls eine «substanzielle Nachfragesteigerung» fest. Dabei präzisiert er: «Etwas Garten oder eine grössere Terrasse müssen dabei sein, genauso wie zwei Bäder.» Der Innenbereich könne ruhig kleiner ausfallen, doch die Möglichkeit, nach aussen zu treten und sich im Freien aufzuhalten, sei ganz wichtig.

Eine Reihe von Kunden könnte sich vorstellen, auch langfristig im Tessin zu leben. Somit käme eine Liegenschaft als Erstwohnungssitz in Frage. Den Immobilienmaklern kommt dies entgegen, denn die Verfügbarkeit von Zweitwohnungen ist beschränkt – ein Effekt der Lex Weber, welche das Angebot von Zweitresidenzen auf 20 Prozent deckelt. In den beliebtesten Tourismusgemeinden wie Ascona ist das längst der Fall.

Pendeln in die Deutschschweiz möglich

Selbst wenn die Immobilienhändler mit der Nachfrage etwas übertreiben sollten: Auch Private bestätigen die Entwicklung: «Ich habe in zwei Monaten vier Wohnungen verkauft, die ich zuvor über zwei Jahre nicht loswerden konnte», erzählt ein Unternehmer. Die Kunden? Alle Deutschschweizer.

Ein Paar habe sich entschieden, ins Tessin zu ziehen. Der Ehemann werde nur noch zwei oder drei Tage in Zürich arbeiten; ansonsten im Homeoffice im Tessin. Dank des Gotthard-Basistunnels ist diese Pendelei per Bahn gut möglich. Auch Italiener, so ist zu erfahren, zeigten Interesse am Tessin.

Ausschlaggebend seien die extremen Einschränkungen während der akuten Covid-Phase in Italien und – im Gegensatz zu Italien – das gute Schweizer Gesundheitssystem. Allerdings können sich nicht viele Italiener eine Wohnung oder gar ein Haus im Tessin leisten.

Dass die Coronakrise direkte Auswirkungen auf den Immobilienmarkt hat, hatte sich schon in diesem Sommer gezeigt. Städter suchten während und unmittelbar nach dem Lockdown Behausungen abseits der Zentren. Das Portal Immoscout24 verzeichnete Rekordzahlen an Zugriffen.

Die Immobilienberatungsfirma Wüest Partner werteten die Immobilien-Suchabos der grossen Schweizer Internetportale aus. Sie registrieren einen massiven Anstieg der Suchanfragen für Wohnraum in Feriengebieten, kleinen und mittelgrossen Städten sowie den sie umgebenden Regionen.

Am auffälligsten waren die Anfragen für Gemeinden in Tourismusregionen wie dem Wallis oder Graubünden. Allerdings ging es dabei in der Regel um «Mietobjekte», Wohnungen oder Häuser, wie Fabio Guerra von Wüest Partner AG präzisiert.

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