Geldpolitik
Ein neues Zeitalter bricht an: Jetzt startet der Anfang vom Ende der Nullzins-Ära

Inflationssorgen könnten die Bank of England am Donnerstag zu einer Leitzinserhöhung bewegen. Der Druck steigt nicht nur auf der Insel.

Daniel Zulauf
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Der englische Notenbankgouverneur Andrew Bailey wählte klare Worte: «Wir werden handeln müssen», sagte er unlängst auf einem Panel unter Verweis auf die Inflation, die in Grossbritannien demnächst auf fünf Prozent oder gar noch höher gehen könnte.

Am Donnerstag dürfte die Bank of England die Anhebung des Leitzinses um 0,15 auf 0,25 Prozent ankündigen. Die Bewegung ist zwar minimal, dafür hat sie eine erhebliche Symbolkraft.

Sie läutet den Anfang vom Ende des geldpolitischen Ausnahmezustandes ein, der vor 14 Jahren in der Finanz­krise begann und durch die Eurokrise und die Pandemie bis heute verlängert ­wurde. Trotz anhaltendem Brexit-Stress und einer absehbaren konjunkturellen Abkühlung will die Bank of England an der Geldschleuse drehen, um bis Ende 2023 bei einem Prozent anzukommen.

Für Millionen von Haushalten, die gerade im Begriff sind, eine gesalzene Erhöhung ihrer Gas- und Strompreisrechnung zu verdauen, bedeutet das Zinsszenario auch höhere Wohnkos­-ten. In den Haushaltskassen bleibt etwas weniger Geld für Konsum zurück, und die eine oder andere Firma wird wahrscheinlich in Schwierigkeiten geraten. Aber echte Dramen sehen anders aus.

Keine allzu grossen Inflationsängste

In England, wo der Brexit zu einem akuten Arbeitskräftemangel in vielen Sektoren geführt hat, zeigt sich die Notenbank zwar besorgter über die Inflationsentwicklung als anderswo, aber auch in Grossbritannien gehen die Währungshüter noch immer davon aus, dass sich der aktuelle Teuerungsschub bald verflachen wird. Ein wirklich restriktiver Zinskurs, der dem Land ernsthafte Schmerzen bereiten könnte, sollte nicht nötig werden, so die Hoffnung.

Chef der amerikanischen Notenbank zeigt sich entspannt: Jerome Powell.

Chef der amerikanischen Notenbank zeigt sich entspannt: Jerome Powell.

Kevin Dietsch / Pool / EPA Getty Images North America P

Noch entspannter gibt man sich im amerikanischen Federal Reserve, das am Mittwoch erst einmal das sogenannte «Tapering», die Drosselung des Anleihenkaufprogramms im Wert von 120 Milliarden Dollar pro Monat, ­ankündigen dürfte. Auf diesen Moment hat Fed-Chef Jerome Powell die ­Finanzmärkte längst eingestimmt. Für Spannung sorgt höchstens die Begründung. Obschon die Inflationsrate in den USA schon im September auf über fünf Prozent hochgeschnellt ist, nimmt Powell das Wort Zinserhöhung noch nicht in den Mund. Aber auch am ­US-Markt laufen Wetten, dass er die Zinsschraube früher als 2023 drehen wird.

Entscheidend sei nicht, wann die erste Drehung erfolge, sondern wie und in welcher Kadenz, schreibt Thomas Stucki von der St. Galler Kantonalbank in seinem Anlagekommentar. Gefährlich werde es erst, wenn die Inflation ausser Kontrolle gerate und die Notenbanken ihre Leitzinsen in kurzer Zeit stark anheben müssten. Eine Rezession mit stark steigender Arbeitslosigkeit wäre die zwangsläufige Folge davon. Erst mit grosser Verspätung würde die Rosskur auch die Teuerung bremsen.

Die neuen Börsenrekorde sind ein Indiz der Gelassenheit

Das Horrorszenario wird in der Ökonomensprache als «Stagflation» bezeichnet und macht in den Finanzmärkten gerade die Runde. Doch für wahrscheinlich hält es dort kaum jemand, wie die immer neuen Börsenrekorde belegen. Dafür sorgen nicht zuletzt die Notenbanker selbst. Doch wenn sie es nicht schaffen, das Inflationsgespenst mit Worten zu vertreiben, müssen sie nolens volens zur Tat schreiten. Der Druck auf die Währungshüter nimmt überall zu, nicht nur auf der britschen Insel.

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