Bundesanwaltschaft

Gierig und korrupt: Obersanierer Hans Ziegler kommt vor Gericht

Immer kontrolliert und souverän: Hans Ziegler zeigte bei seinen Auftritten selten eine Schwäche. Im Bild ist er 2014 als Präsident von Swisslog zu sehen.

Immer kontrolliert und souverän: Hans Ziegler zeigte bei seinen Auftritten selten eine Schwäche. Im Bild ist er 2014 als Präsident von Swisslog zu sehen.

Die Bundesanwaltschaft bringt den ehemaligen Schweizer Top-Manager Hans Ziegler und einen Komplizen mit einer deftigen Anklage vor Gericht.

Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat im Rahmen einer fast vierjährigen Strafuntersuchung offenbar genügend Beweismaterial gesammelt, um den früheren Schweizer Top-Manager Hans Ziegler und einen namentlich nicht bekannten Komplizen unter Anklage zu stellen.

Das allein ist aber noch keine Überraschung. Schon im Juni 2017 hatte die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) im Rahmen eines Sanktionsdurchsetzungsverfahrens bei einem «ehemaligen Verwaltungsrat verschiedener bekannter Schweizer Industrieunternehmen» eine «wiederholte und systematische» Ausnützung von Informationen festgestellt, in denen der Mann als Organ tätig gewesen war. Der Mann habe sein privilegiertes Wissen ausgenutzt, um sich an der Börse widerrechtlich zu bereichern. Er wurde zur Rückzahlung der unzulässig erwirtschafteten Gewinne in Höhe von 1,4 Millionen Franken verdonnert.

Verrat und Bestechung

Dass es sich bei dieser Person nur um den heute 67-jährigen Zürcher Hans Ziegler handeln konnte, wurde sofort klar. Schliesslich hatte die Bundesanwaltschaft bereits im Dezember 2016 die Eröffnung einer Strafuntersuchung wegen möglicher Insidervergehen gegen Ziegler bekanntgegeben. Dass die bundesstaatlichen Ermittler dabei auch den Namen des Verdächtigen nannten, hat mit der hohen Bekanntheit Zieglers in der Schweizer Öffentlichkeit zu tun.

Überraschend sind dagegen die Tatbestände, welche die Bundesanwaltschaft nebst den Insidervergehen gegen Ziegler und einen Komplizen zur Anklage bringen wird. Da ist die Rede von Verrat von Geschäftsgeheimnissen und von wirtschaftlichem Nachrichtendienst und sogar von Bestechung.

So habe Ziegler im Rahmen seiner früheren Verwaltungsratstätigkeit Geschäftsgeheimnisse an den Mitangeklagten verkauft, der zum fraglichen Zeitpunkt Berater einer ausländischen Firma gewesen sei. Die von Zieglers Komplizen beratene Firma soll die Informationen zum Kauf einer ausländischen Tochtergesellschaft verwendet haben, für deren Überwachung Ziegler als Verwaltungsrat des Mutterkonzerns mitverantwortlich gewesen war. Ziegler habe sich den Tipp mit 150'000 Franken bezahlen lassen.

Privilegierte Informationen ausgenützt

Ein solches Bestechungsvergehen wiegt vor dem Richter zwar nicht unbedingt schwerer als ein Insidergeschäft, doch in der öffentlichen Wahrnehmung wird Bestechung zweifellos als schlimmerer Verstoss gegen Gesetz und Anstand gewertet. Ein erfahrenere Zürcher Wirtschaftsanwalt gibt auf Anfrage aber zu bedenken, dass mutmasslicher Verrat von Geschäftsgeheimnissen im Rahmen einer Sanierung von einem Gericht nicht unbedingt als solcher gewertet werden müsse, zumal der Austausch von Firmeninformationen zur Selbstverständlichkeit werde, sobald der Verkauf einer Gesellschaft beschlossen oder gar angekündigt sei. Umso schlimmer wäre es, wenn das Gericht eine Bestätigung vom Tatbestand der Bestechung finden würde, meint der Anwalt.

Freilich erscheinen auch Zieglers mutmassliche Insidergeschäfte bedenklich, vor allem wenn man deren Umfang und Häufigkeit in Betracht zieht. Gemäss der Bundesanwaltschaft habe Ziegler mit diesen Transaktionen direkt und indirekt zwei Millionen Franken verdient und dazu privilegierte Informationen von nicht weniger als elf verschiedenen Firmen ausgenützt.

Image eines fleissigen Buchhalters

Diese Darstellung hinterlässt in der Tat den Eindruck, als handle es sich beim Beschuldigten um eine notorisch kriminelle Person. Auf diese Idee konnte man bei einem Zusammentreffen mit Ziegler allerdings nicht so leicht kommen. Der Manager mit der Statur eines drahtigen Bergsteigers zeigte im Lauf seiner langen Karriere nie entsprechend Allüren. Der gelernte Buchhalter hinterliess vielmehr den Eindruck, als habe er sich stets mit viel Fleiss und Geschick die Karriereleiter emporgearbeitet, bis er das Image des Schweizer «Obersanierers» erlangt hatte.

Ziegler sass bis Ende November 2016 in den Verwaltungsräten der börsennotierten Firmen OC Oerlikon und Schmolz + Bickenbach. Auch beim Augsburger Roboterhersteller Kuka war Ziegler zu jener Zeit im Aufsichtsrat tätig. Zuvor war er für den Logistikkonzern Swisslog, den Textilmaschinenbauer Saurer, den Kleiderhändler Charles Vögele und eine Vielzahl anderer Firmen tätig gewesen. Als Sanierer landesweit bekannt wurde Hans Ziegler, als er 2003 die operative Verantwortung für die konkursite Automobilhandelsgruppe Erb übernahm, die kurz darauf an den Folgen gravierender Fehlspekulationen im deutschen Immobilienmarkt und auf den internationalen Devisenmärkten dennoch zusammenkrachte.

Im Wissen um Zieglers mutmassliche Schwäche für schnelle und bequeme Börsengewinne erinnert sich ein ehemaliger Verwaltungsratskollege heute aber, dass Ziegler an den Sitzungen des Gremiums selbst in der Rolle des Präsidenten oft und lange in sein Mobiltelefon gestarrt habe, um Aktien- und Devisenkurse zu verfolgen. Möglicherweise ist ihm diese Leidenschaft zum Verhängnis geworden. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Autor

Daniel Zulauf

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