Finanzen

Gürtel enger schnallen: Schweizer Industrie-KMU leiden unter Kreditklemme

Den Gürtel enger schnallen: Das haben viele Industrie-KMU schon gemacht. Es fehlt dennoch an Geld für Investitionen.

Den Gürtel enger schnallen: Das haben viele Industrie-KMU schon gemacht. Es fehlt dennoch an Geld für Investitionen.

Ein prominenter Fintech-Unternehmer sagt, die Kreditversorgung von Industrie-KMU sei ungenügend – was deren Krise verschlimmere. Mehr noch: Es stünden Existenzen auf dem Spiel.

Die Schweizer Industrie leidet unter einer Kreditklemme. Seit 2013 haben gewöhnliche KMU rund 20 Milliarden Franken weniger Betriebskredite erhalten. Das sagt ein ehemaliger Topbanker und heutiger Fintech-Unternehmer. Und Christoph Ammann kennt den Finanzplatz. Er war Verwaltungsratspräsident der Basler Bank Sarasin, sieben Jahre lang Mitglied der Bankenkommission, eine Vorgängerin der Finanzmarktaufsicht Finma. Heute ist er Präsident von Swisspeers, einer Crowdlending-Plattform.

«Die Industrie-KMU werden von den Banken nicht ausreichend mit Krediten versorgt. Wir haben eine Kreditklemme», sagt Ammann. Seine Aussage stützt er auf Zahlen der Nationalbank (SNB). «Die Banken vergaben an KMU zuletzt 20 Milliarden Franken weniger Betriebskredite als im Jahr 2013, Kleinunternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern traf es am meisten.»

20 Milliarden Franken weniger. Das sagen die Statistiken. Ammann findet die- se Zahlen im beruflichen Alltag bestätigt. «Wir als Fintech-Unternehmen hören ständig Klagen über fehlende oder zu teure Kredite. Investitionen, die nicht getätigt werden können; die aber notwendig wären, um mithalten zu können.»

«Das ist hochgefährlich»

«Frankenschock, Digitalisierung, Robotik: Um das zu meistern, müssten die Industrie-KMU investieren können», sagt Ammann. Deshalb hätten die Betriebskredite zunehmen müssen, findet er, nicht um 20 Milliarden abnehmen. «Das ist hochgefährlich: Wir lassen Tausende Industrie-KMU schleichend in eine existenzielle Krise geraten.» Doch die Politik tut bislang wenig, findet Ammann. «Sie schaut nicht genau genug hin.» Gestützt auf Durchschnittszahlen für die gesamte Wirtschaft, komme sie zum Schluss, der Frankenschock sei ausgestanden. «Dieses positive Bild prägen jedoch wenige Branchen, in anderen verlieren viele Unternehmen bald den Anschluss.»

Die Krise der Industrie-KMU ist bekannt. Hilfsmassnahmen wurden diskutiert, passiert ist wenig. Mit Ammann wagt sich erstmals ein prominenter Vertreter der Fintech- Unternehmen in die Debatte. Er war um Hilfe gebeten worden von Swissmechanic, dem Verband der Industrie-KMU.

Swissmechanic-Präsident Roland Goethe sagt: «Unsere KMU wären zwar fähig, auf die Digitalisierung umzustellen. Aber sie können die Investitionen nicht mehr aus den eigenen Einnahmen finanzieren.» Von den Banken würden sie als Risikobetriebe eingestuft. «Also verlangen sie von uns Zinsen von sechs bis acht Prozent.»

Widerspruch aus Bundesbern

Zinsen bis acht Prozent, während die Kapitalmärkte sonst Geld zu negativen Zinsen verleihen. Für Swissmechanic ist dies nicht akzeptabel. Der Verband fordert hartnäckig die Einrichtung eines privat und staatlich finanzierten Fonds. Im September wird der Verband an seiner Branchentagung erneut versuchen, den Kreditmarkt auf die politische Agenda zu hieven.

Wenn Swissmechanic eine Kreditklemme feststellt, stösst dies jedoch auf Widerspruch. Eine neue Umfrage unter fast 2000 Betrieben kam zum gegenteiligen Schluss. Auftraggeber war das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), im Depar- tement von Bundesrat Johann SchneiderAmmann. Der Kreditmarkt für KMU funktioniere. Von den eingereichten Kreditanträgen seien nur 6 Prozent abgelehnt worden. Nur 2 Prozent der KMU hätten die Hausbank gewechselt. Und die Betriebskredite hätten nur deshalb abgenommen, weil die Banken stattdessen Hypothekar-Kredite zu besseren Bedingungen vergeben hätten.

Regenschirm für gute Zeiten

Fintech-Unternehmer Ammann beeindrucken die Gegenargumente nicht. «Ich weiss ja, wie das bei den Banken läuft. Da werden Industrie-KMU schon abgewimmelt, bevor es formell zu einem Kreditantrag kommt.» Die Hausbank zu wechseln, sei nun einmal schwierig für KMU. Ammann ist überzeugt: Die Industrie-KMU brauchen mehr Betriebskredite. «Viele haben nichts mehr, was sie mit einer Hypothek belehnen könnten; sie brauchen Betriebskredite. Das sehen wir auch in den Kreditanträgen, die wir für unsere Crowdlending-Plattform Swisspeers bekommen.»

Ein Beispiel ist die Stutz Mechanik AG. «Unsere Hausbank will uns nicht entgegenkommen», sagt Inhaber Felix Stutz. Derzeit habe er kein Geld für Erneuerungen und werde irgendwann nicht mehr konkurrenzfähig sein. Aus eigener Kraft könne er die Investitionen nicht stemmen, die Frankenstärke habe die Margen weggefressen.

Stutz war gut aufgestellt. Er liess ein Büro- und Produktionsgebäude bauen, konnte die Zinsen zahlen, den Kredit abstottern, und hatte doch Geld für den Betrieb. Dann hob die SNB den Mindestkurs auf. «Seither bleibt nach den Zahlungen an die Bank nichts übrig», sagt Stutz. Er wäre darauf angewiesen, dass ihm die Bank über den Engpass hilft, indem sie etwa das Abzahlen des Kredits aussetzt. Die Bank lehnt ab.

«Wir waren sechzig Jahre bei der gleichen Hausbank», sagt Stutz. Nun, da es regne auf den Betrieb, habe die Bank den Regenschirm weggenommen. Zu einer anderen Bank wechseln könne er auch nicht. «Die Hausbank zu wechseln, ist schon in guten Zeiten schwierig; wenn die Geschäfte stocken, ist es so gut wie unmöglich.»

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