Während Corona

Homeoffice, flexible Arbeitszeiten und Beratung am Telefon: Wie die RAV eine Rekordzahl an Arbeitslosen betreuen

Jürg Fischer, Betriebsleiter des RAV in Wattwil. Die Arbeitsplätze wurden neu Coronakonform mit Schutzgläser eingerichtet.

Jürg Fischer, Betriebsleiter des RAV in Wattwil. Die Arbeitsplätze wurden neu Coronakonform mit Schutzgläser eingerichtet.

Die Arbeitslosenzahlen sind dieses Jahr so stark gestiegen wie seit langem nicht mehr. Für die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) ist das eine grosse Herausforderung. Die Dossiers stapeln sich, auf die Beratung vor Ort aber muss vielerorts verzichtet werden. Ein RAV-Leiter aus dem Kanton St. Gallen erzählt von seinen Erfahrungen.

Jürg Fischer hat als Chef eines Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums schon einige Krisen miterlebt. Auch virale Gefahren waren dabei. Die Vogelgrippe 2006 etwa, oder die Schweinegrippe drei Jahre danach. Ein paar ­Flaschen Desinfektionsmittel mehr, ein paar Händeschüttler weniger, ansonsten blieb die Schweiz weitgehend ­verschont. Fischer hatte gehofft, dass auch Covid-19 rasch durchgestanden sei. Doch das Virus blieb. Und wie alle anderen ahnte auch Fischer nicht, wie heftig die Krise den Schweizer Arbeitsmarkt durchrütteln sollte.

117'822 Arbeitslose waren es im Februar, 155'998 per Ende Mai. Zwischenzeitlich stieg die Arbeitslosigkeit in nur drei Monaten fast gleich stark an wie in zehn Monaten der Finanzkrise 2009. Auch im sankt-gallischen Wattwil, wo Jürg Fischer eines der sechs kantonalen RAV leitet, kletterte die Zahl der Stellensuchenden in die Höhe. Normalerweise balancieren sich hier die An- und Abmeldungen aus – 100 Neu- stehen pro Monat 100 Abmeldungen gegenüber. Jetzt liegt das Verhältnis bei 120 zu 80. Ende Juli sind knapp 39 Prozent mehr Personen auf Stellensuche als zur gleichen Zeit im Vorjahr.

Die Klienten kennen sie ­ nur von Bewerbungsfotos

Die Gesichter der neuen Klienten aber, die kennt RAV-Leiter Fischer noch nicht. Und wenn, dann höchstens von Bewerbungsfotos. Der Lockdown verbot die Beratung vor Ort, stattdessen wich man aufs Telefon aus, teilweise im Homeoffice. «Natürlich geht da vieles verloren», sagt Fischer. «Wie kommt jemand daher, wie tritt er auf: All das sieht man auf dem Papier nicht.» Und all das helfe eben dabei, einen Stellensuchenden zu vermitteln.

Jürg Fischer, 52, leitet das RAV in Wattwil SG seit 15 Jahren.

Jürg Fischer, 52, leitet das RAV in Wattwil SG seit 15 Jahren.

Gleichzeitig aber wurde das Wattwiler RAV durch die telefonische Beratung agiler, weil es sich von den starren Öffnungszeiten befreite. Der erste Anruf wurde schon um 7 Uhr und der letzte erst um 18 Uhr getätigt. Protokolliert wurde simultan und nicht erst nach dem Gespräch. «Wir sind effizienter geworden», findet Fischer. In einer Zeit, in der sich die Dossiers auf dem Schreibtisch stapeln, kann das nur von Vorteil sein.

Das Wattwiler RAV betreut Stellensuchende aus dem Toggenburg, einer Region, die kleine Firmen mit grossen Namen beherbergt. Wer Schokoladewaffeln mag, kennt Kägi fret. Wer einmal Sportunterricht in der Schweiz hatte, übte Purzelbäume auf den Matten von Alder + Eisenhut. Vor allem aber ist das Toggenburg mit dem Säntis und den Churfirsten ein Ort, an dem man Ferien macht. Entsprechend arg erwischte die Krise den Tourismus und die Gastronomie. Viele Angestellte in den beiden Branchen verloren diesen Frühling ihren Job.

Bis ein Arbeitsloser im Toggenburg eine neue Stelle findet, dauert es durchschnittlich 141 Tage. Meldet sich eine Person beim RAV, sind die Personalberater verpflichtet, innerhalb von 15 ­Tagen ein Erstgespräch zu führen. Ein Katalog an Fragen folgt: Was liegt der Arbeitslosigkeit zugrunde? Gibt es schon Vorstellungsgespräche? Wenn ja, wie viele, wenn nein, warum nicht?

Ein Profil mit drei Ausprägungen wird erstellt – leicht, mittel, schwer. «Das ist die Vermittelbarkeit», erklärt Fischer. Die lasse sich über die Anzahl der Vorstellungsgespräche ziemlich exakt messen. «Wird ein Stellensuchender häufig zum Gespräch eingeladen, macht er alles richtig», sagt Fischer und fügt an, dass das nicht immer derart eindeutig sei. Wenn Restaurants geschlossen sind, kann der Gastronom auch bei der besten Bewerbung keine Leute einstellen.

Am 17. August öffnet das RAV in Wattwil seine Türen wieder für Besucher. Dann ist auch die Beratung vor Ort wieder möglich.

Am 17. August öffnet das RAV in Wattwil seine Türen wieder für Besucher. Dann ist auch die Beratung vor Ort wieder möglich.

Auch für die RAV selbst gibt es Kriterien, an denen sie sich messen lassen müssen. Wiederanmeldungen und Aussteuerungen etwa sollen vermieden und Langzeitarbeitslosigkeit verhindert werden. Über allem aber steht die Anzahl der Tage, an denen Arbeitslosengeld bezogen wird. Wenig Bezugstage heisst auch, dass die Arbeitslosenversicherung wenig Entschädigung zahlen muss, was im Grunde das Ziel jeder Versicherung ist. ­Fischer fasst es so zusammen: «Je schneller eine Person eine Stelle findet, desto besser hat das RAV gearbeitet.» Doch letztlich seien sie als Personalberater nur «ein Teil des Tandems».

Hilfe zur Selbsthilfe ist nicht bloss eine Phrase

Das vermitteln auch jene drei Worte, die in Fischers ­Sätzen immer wieder auftauchen: Hilfe zur Selbsthilfe. Die Phrase mag abgedroschen klingen, doch kommt sie der Realität ­ziemlich nahe. Fischer meint damit, dass «wir nicht jeden einzelnen an der Hand ­nehmen und zum Arbeitgeber führen können». Klar, eine Kündigung sei nie schön. Bricht der Arbeitsmarkt zu­sammen wie in der jetzigen Krise, schützten auch beste Kompetenzen nicht mehr vor dem Jobverlust. Viele hätten Mühe, das zu akzeptieren, sagt Fischer. Unter die finanziellen Nöte mischten sich private Probleme und existen­zielle Fragen. Fischer sagt, sich der Sorgen der Klienten anzunehmen, sei Teil ihres Berufs. «Aber Seelsorger sind wir ­keine.»

Ob die Arbeitslosigkeit weiter hoch bleiben wird, ist für den RAV-Leiter schwer vorherzusehen. Einige Zeichen liessen auf Erholung hoffen. Fischer erzählt von Menschen, denen im Lockdown gekündigt wurde, und die bereits neue Arbeit gefunden haben. Fischer freut sich über jedes vertraute Gesicht, trotzdem wünscht er sich, dass er diese Personen nie wiedersehen wird. Zumindest nicht hier im RAV in Wattwil.

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